© Peer Lindgreen/Tom Dixon

Kupfer-Design Kein Trend für Karrieristen

Kein Edelstahl, kein Gold – dieses Jahr eroberten Lampen und Accessoires in Kupfer die Wohnzimmer. Woher kommt das plötzliche Comeback? Liegt es an der Generation Y? Von

Es muss mit dieser Leuchte angefangen haben. Entworfen hat sie der Brite Tom Dixon, ehemals Profi-Bassist und Möbel-Schweißer, später Kreativchef des Londoner Einrichtungsunternehmens Habitat, heute Designer im eigenen Konzern. Copper Shade heißt seine im Jahr 2005 auf den Markt gebrachte Leuchte: Sie ist kugelrund, mit einer feinen Kupferschicht überzogen und kostet 539 Euro.

Vielleicht war sie der Startschuss für den Kupfer-Trend, der mittlerweile Szene-Restaurants, Design-Hotels, Werbeagentur-Foyers und Privatwohnungen in rötlichem Schein erstrahlen lässt. Auch ein zweites Dixon-Modell erstrahlt in Kupfer: die eckigere, perforierte Etch Shade. Gleich fünf davon schmücken im Berliner Deli Mogg&Melzer eine ehemalige Schule, in der es jetzt Pastrami-Sandwiches nach New Yorker Vorbild gibt.

Das mit diversen Designpreisen ausgezeichnete Unternehmen e15 verkauft seinen schon 2008 von Philipp Mainzer entworfenen Beistelltisch Habibi besonders häufig in Kupfer, ebenso die Berliner Firma New Tendency ihr Regal Click. Von der dänischen Möbelmarke Hay über Ikea bis hin zu Dixons ehemaligem Arbeitgeber Habitat gibt es Kupfer-Accessoires im Überfluss. Selbst die Küchenmaschine von KitchenAid ist errötet. Und das Berliner KaDeWe hat seine gesamte Weihnachtsausstellung verkupfert, zumindest scheint es so, das meiste ist nur mit rötlicher Metallic-Farbe lackiert: Kerzenhalter, Keksteller, Schüsseln, Rentiere, Vasen, Christbaumkugeln – die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Aber warum Kupfer? Und warum jetzt?

Das Tablett "CM05 Habibi" von Designer Philipp Mainzer, hergestellt von e15. Aus derselben Serie gibt es einen Beistelltisch. © Ingmar Kurth/e15

"Lange Zeit waren Industriedesigner besessen von kalter, maskuliner Effizienz – Schwarz und Chrom, Silber und Aluminium standen für 'echtes' Design. Es ist ein Mysterium, warum Kupfer im Industriedesign für so eine lange Zeit derart unpopulär war", sagt der Pionier Tom Dixon.

Auf jede Eiszeit folgt irgendwann eine Wärmeperiode

Christiane Varga, Expertin für Wohntrends beim Zukunftsinstitut, versucht eine Erklärung: "Beton und Stahl, Chrom und schwarzer Fabrik-Look waren in einer Zeit besonders angesagt, in der es im beruflichen Kontext völlig akzeptiert war, mit ausgefahrenen Ellenbogen die Karriereleiter zu erklimmen. Es wurde sogar erwartet, vor allem von Männern." Dies ändere sich heute. "Die viel beschriebene Generation Y ist in einer Gesellschaft aufgewachsen, die zur Netzwerkgesellschaft wird. Das prägt die Denkweise, die auf Partizipation und Gemeinschaft aus ist. Menschen definieren Karriere nun bunter und facettenreicher, im besten Fall mit einer großen Portion Tiefe und Sinnhaftigkeit. Dazu passen warm-rötliche Kupfertöne wie Rosé oder kräftiges Orangebraun viel besser als der kalte Stahl der Neunziger."

Auch Lola Güldenberg, Inhaberin der Berliner Agentur für Trendforschung, beobachtet die Hinwendung zu wärmeren Materialien in Erdtönen seit Jahren: "Die Neunziger waren geprägt von spiegelnden Alu-Effekten, häufig an Autos zu sehen. Um die Jahrtausendwende richtete sich alles am Liquid White des iPod-Designs aus, die Metallfarben wurden anschließend etwas bunter und gleichzeitig wärmer", sagt Güldenberg. Das zeige sich auch in der Kosmetikindustrie, wo Verpackungen heute einen fast samtartigen Ton in tiefen Grün-, Grau- oder Kupferfarben bekommen.

Zudem ist Kupfer ein dankbares Material für Designer. Dixon schwärmt: "Es ist ein großartiges Material, es ist lebendig, verändert sich ständig, ist formbar und bekommt auf eine sehr schöne Art Patina." Außerdem glaubt er, dass auch die Erfindung von LEDs und Energiesparlampen zum Erfolg der Kupfer-Leuchten beigetragen hat. Das warme Material taucht das kühle Licht der Jetztzeit in warme Reflexionen.

Kupfer hat noch einen Vorteil: "Es ist das einzige Metall, das sich ohne Qualitätsverlust wiederverwerten lässt", erklärt Birgit Schmitz. Sie ist Sprecherin des Deutschen Kupferinstituts, das von einer Industrie finanziert wird, die sich normalerweise mehr mit Heizungsrohren, Wasserleitungen, Gebäudefassaden und der industriellen Nutzung des Metalls beschäftigt als mit Designer-Leuchten oder Kerzenhaltern.

Naturnah, aber nicht immer umweltfreundlich

Andere Metalle, wie Gold, verlieren mit der Zeit an Reinheit, sagt Schmitz. Zwischen 40 und 50 Prozent des in Deutschland verarbeiteten Kupfers stammten aus dem Recyclingprozess. Der Rest komme aus Kupferminen weltweit, hauptsächlich aus Chile, aber auch aus Sambia, Südafrika, den USA, Mexiko oder China. In vielen dieser Bergwerke herrschen unklare, wenn nicht katastrophale Arbeitsbedingungen. Und umweltfreundlich ist der Kupferabbau auch nicht. Mit ätzender Schwefelsäure wird das Metall aus dem Erz, dem Gestein, in dem es steckt, herausgewaschen. Dabei entsteht Schwefeldioxid als Abfallprodukt.

Lampe "Copper Shade" von Tom Dixon © Peer Lindgreen/Tom Dixon

Verglichen mit den Kupfermassen, die in der Industrie verbraucht werden, sind die Mengen, die als Beschichtung auf Wohnobjekten landen oder zu Schmuck verarbeitet werden, jedoch verschwindend gering. Dixon etwa lässt seine Leuchten – im Kern aus Polycarbonat, einem Plastik – in einer Vakuumkammer mit einer nur hauchdünnen Schicht aus Kupferpartikeln benetzen. Eine Beschichtung aus Lack erhält den Glanz und verhindert das Anlaufen. Auch die starken Schwankungen des Kupferpreises auf dem hochspekulativen Metallmarkt an der Börse in London spielen für Industriedesigner kaum eine Rolle.

Und die Vorräte sind groß: Mit den aktuell verfügbaren Reserven käme der Mensch bei gleichbleibendem Verbrauch noch 40 Jahre aus, sagt Birgit Schmitz. Rechne man die stetig neu erschlossenen Vorräte mit, reiche es selbst bei zunehmendem Verbrauch noch mindestens 100 Jahre. Kupfer kommt in der Natur zwar auch in Reinform, als Nugget, vor, gewonnen wird es aber vor allem aus Erz. "Auch im Meer gibt es noch Reserven, die in Manganknollen stecken", sagt Schmitz. Wobei sich bei der Idee, Metalle aus dem Meer zu gewinnen, Umweltschützern die Nackenhaare aufstellen dürften.

Armreif "Copper Bracelet" von Simon and me aus Berlin © Simon & me

Vieles von dem, was jetzt an Weihnachtsbäumen baumelt oder dekorativ in der Ecke steht, ist ohnehin kein echtes Kupfer. "Alles, was nicht anläuft, ist verdächtig – es sei denn, es wurde aufwendig beschichtet oder ständig poliert", sagt Simon Freund, Designer und Ladenbesitzer aus Berlin. "Die Weihnachtskugeln im KaDeWe, die ja ständig angepatscht werden, würden schon nach einer Stunde ihren Glanz verlieren, wären sie aus unbehandeltem Kupfer", sagt der 24-Jährige.

Er findet: "Kupfer soll anlaufen." Im Jahr 2008 gründete Freund sein Unternehmen Simon&me, vor knapp zwei Jahren entwickelte er das Copper Bracelet 004 – inspiriert von den Kupfer-Armspangen, die angeblich gegen Rheuma helfen. Das stimmt laut ersten Studien eher nicht. Auf der Welle des Kupfer-Trends verkauft Freund mittlerweile um die 100 Kupfer-Armreifen am Tag – online, in seinem Kreuzberger Concept-Store und in Partnergeschäften. Der Armreif hat das Berliner Kleinunternehmen bekannt gemacht. Japaner und Amerikaner entdecken das Copper Bracelet auf Instagram oder Pinterest, manch einer verliebt sich in das Konzept des Ladens aus streng kuratierten Stücken, hergestellt in Deutschland.

Mehr Transparenz wäre schön

Gefertigt werden die Armreifen von einem Schmied, der keine Fremden in seine Werkstatt lässt. "Er kommt aber mit der Produktion hinterher, obwohl wir immer größere Stückzahlen bestellen. Der muss Maschinen da drin stehen haben", wundert sich Freund. Ja, mehr Transparenz wäre nicht schlecht, sagt der Designer – auch, was die Herkunft des Materials angeht. Der Kupferschmied kaufe zwar nur recyceltes Metall, aber niemand könne derzeit nachvollziehen, woher die Platten und Rohre kommen, die dafür eingeschmolzen wurden. "Ich würde nie behaupten, kein Gramm Kupfer in meinem Armreifen stamme aus einer üblen Mine in Afrika."  

Der Hype ums Kupfer wird irgendwann wieder vergehen. Simon Freund ist darauf eingestellt und macht sich nicht davon abhängig. Im kommenden Jahr zieht der Trend erst mal vom Wohnzimmer in den Kleiderschrank, die Designer zeigten für 2015 jede Menge Erdtöne und Cognac-Farben. "Die Pantone-Farbe des Jahres 2015 ist Marsala, ein Kupferorange, das am Kupfer-Trend anknüpft", sagt Trendexpertin Güldenberg. Die Entwicklung hin zu mehr Erdverbundenheit beobachtet auch Christiane Varga, mit Verweis auf eine, deren Vorhersagen in der Branche als in Stein gemeißelt gelten – womit das nächste Thema angerissen wäre: Marmor. Das wird kommen, vor allem unbehandelt, prophezeit die weltbekannte Trendforscherin Li Edelkoort. Es bleibt also alles beim Alten.

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2 Kommentare Kommentieren

"In vielen dieser Bergwerke

"In vielen dieser Bergwerke herrschen unklare, wenn nicht katastrophale Arbeitsbedingungen." Hmmh, da alle ueber einen Kamm zu scheren ist schon gewagt. Gerade chilenische Kupferminen sind recht gut reglementiert, und die Gewerkschaften ducken sich auch nicht weg, wenn's um Auseinadersetzungen geht. An der Bezahlung kann man daher auch kaum meckern. Der greosste Kupferproduzent der Welt ist die staatliche Codelco: Wenn die ihre Jahresboni bezahlen, sind im Norden Chiles die Autos ausverkauft.