Fashion Week Lokale Internationale

Die Modewoche feierte ihre Weltgewandtheit. Es ging mitten in Berlin nach Paris, Antwerpen, London, Hongkong und Budapest. In satten Farben und mit aufregenden Mustern.

Dorothee Schumacher holte die Siebziger in die Villa Elisabeth, Capara zeigten ihre Nähe zur belgischen Avantgarde mit aufregenden Mustern, Hien Le und Perret Schaad formulierten ihre Formensprachen in satten Farben weiter aus, Kaviar Gauches Bräute zeigten viel Haut und Marina Hörmanseders Korsagen viel Taille.

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Der dritte Tag der Berliner Modewoche beginnt mit einem zufriedenen Jauchzen: "Hier fühle ich mich zum ersten Mal wie in Paris!", sagt einer, der so tut, als würde er es wissen. Er sitzt in der ersten Reihe bei der Schau von Dorothee Schumacher in der frisch renovierten Villa Elisabeth. Friedrich Wilhelm Schinkel hat sie 1830 als Pfarrhaus geplant, ein bisschen Prunk für die Entsagenden: Marmor, Parkett, Säulengänge, Ballsaal mit Galerie. Das genießt auch das Berliner Modepublikum, bevor es wieder in das schlichte Mercedes-Benz-Zelt an der Straße des 17. Juni muss.

Der Mann aus der ersten Reihe spricht derweil zum Vergnügen seiner Sitznachbarn über die guten alten Zeiten. Ach, die Siebziger! Ja, wäre es doch alles wieder ein bisschen wie früher und wird es dann auch, als Dorothee Schumacher ihre ersten und stärksten Entwürfe zu Whole Lotta Love von Led Zeppelin über den Laufsteg schickt: A-linienförmige Miniröcke aus orangefarbenem Wildleder oder Ponyfell, das leuchtet wie der Smoothie aus Roter Bete und Waldfrüchten, den das Publikum statt Frühstück bekam; dazu trägt man Schluppenblusen und Kleider mit abstrahierten Zweigen oder mit Blumendrucken in Rot-Schwarz-Blau-Nude.

Nach all der Kritik am Fortkommen der Berliner Modewoche, an ihrer mangelnden Internationalität und terminlichen Eigenbrödelei, nach all den Vergleichen mit Paris, London, New York, ist das vielleicht das beste Rezept für diese englischsprachige deutsche Hauptstadt, in die die jungen Menschen der Welt strömen, um endlich sie selbst zu sein und gleichzeitig jemand ganz anderes: Bringt was mit, nehmt was von hier. Berlin kommt von überall, die Berliner Mode ebenso. Ein Gefühl wie in Paris sollte zwar nicht noch einmal aufkommen, aber London, Antwerpen, Hongkong und der Berlin Westen sind ja auch eine Reise wert.

Die Briten von Paper London zum Beispiel brachten viel weiße Wolle von der Insel mit. Kelly Townsend, der kreative Kopf von Paper, arbeitete nach ihrem Abschluss am renommierten Londoner Modecollege Central St. Martins vier Jahre als Strickdesignerin für Temperley London. Ihre Strickpullover und -kleider türmten sich zu voluminösen Wollskulpturen, dazu kombinierte Townsend transparente Hosen.

Rebellion, Multikulti, Offenheit

In Richtung Antwerpen, Heimstätte der belgischen Avantgarde, blickt das Publikum von Capara. Die Zwillingsschwestern Olivera und Vera Capara haben bei Dries van Noten und Martin Margiela gearbeitet, bevor sie 2009 ihr eigenes Label gründeten. Man sieht ihrer Mode diese Schule an, der Schnittführung, den Prints, man sieht es an der Entschlossenheit, mit der die Entwürfe präsentiert werden. Zum Beispiel großzügig geschnittene Militärmäntel in Quietschrot mit einem abstrakten Karo, das aussieht, als sei Piet Mondrian bei seinen Rasterbildern der Pinsel ausgerutscht. Dabei standen drei andere Künstler Pate für diese Kollektion: "Brueghel, Viviane Sassen und Katharina Grosse", sagt Vera Capara. Vom flämischen Landschaftsmaler Brueghel sind die floralen Drucke entlehnt, die niederländische Modefotografin Viviane Sassen inspirierte den Materialmix und die Berliner Malerin Katharina Grosse die starken Farben, die noch eindrücklicher wurden, dank der riesigen Schals, welche die Models um die Köpfe trugen. Das hatte etwas Kämpferisches und erinnerte an die frühen Kollektionen von Raf Simons. Die Capara-Zwillinge wurden in Sarajevo geboren, sind in Ludwigsburg aufgewachsen, leben und arbeiten heute in Antwerpen. Die Schau in Berlin sei für sie eine sehr emotionale Angelegenheit, sagen sie. "Berlin spiegelt wider, wer wir sind: Rebellion, Multikulti, Offenheit."

Im Kronprinzenpalais dann wieder die Sachlichkeit der neuen Mitte. Hien Le zeigt überzeugende Neuinterpretationen von klassischer Berufsbekleidung: Wollhosen mit Bundfalte, Kurzjacken, einreihigen Mänteln, Hemden, Röcke aus beschichtetem Neopren, Overalls. Die Farben gewohnt zart, Rosé, Camel oder Grau, die größten Hingucker taucht Hien Le in ein blendendes, königliches Blau. Auch bei Johanna Perret und Tutia Schaad strahlen die Blusen – in Gold, Bernstein, in moosigem Grün oder sattem Rot. Dazu lässt das Duo seine Seidenkleider und -röcke raffiniert die Waden umspielen, für Obenherum reichen der Perret-Schaad-Kundin grober Strick, Wollschals und -capes. Beide Marken zeigen klare Kante in besonderen Tönen.

Viel Haut für eine Braut

Neues tut sich auch im Westen, wo Martin Niklas Wieser und Nhu Duong an einer eigenständigen Zukunft feilen. Die beiden jungen Modemacher wollen in wenigen Wochen in der Kluckstraße einen gemeinsamen Event- und Arbeitsraum eröffnen. Die erste Veranstaltung soll es pünktlich zu den Frauenschauen in Paris im März geben. Wieser und Duong suchen mit ihrer avantgardistischen Formensprache, den Bomberjacken und viel Schwarz räumlich und auch inhaltlich die Nähe zur Potsdamer Straße, zur Konzeptboutique von Andreas Murkudis, zu Tanya Leighton und den neuen jungen aufregenden Galerien wie Gillmeier Rech. 

"Welcome home", damit meinte William Fan, 27, keinen Ort, sondern das Internet. Fan ist noch Meisterschüler an der Hochschule in Weissensee, trotzdem bekam er, dessen Eltern einst aus Hongkong nach Deutschland kamen, Platz im Modewochenkalender für sein Debüt. "Egal, wo wir auf der Welt sind, wenn wir Wi-Fi haben und uns ins Internet einwählen können, fühlen wir uns zu Hause", sagt Fan vor der Show. Er verfremdet Fotos von Serverräumen und Routerkabeln und druckt sie als Muster auf schlichte Oberteile und Hosen, die wiederum von Krankenschwesterkitteln, Bauarbeiterhosen, Bäckerschürzen abgeleitet sind. In Dunkelblau oder Schwarz, manchmal mit Nadelstreifen sehen die funktionalen Stücke plötzlich aufregend und in ihrer geometrischen Einfachheit fast ein wenig exotisch aus. "So wie ich verbinden sie Strenge und Opulenz, Deutschland und China", sagt Fan.

Ganz ohne Paris ging es an diesem Mittwoch aber doch nicht. Nach einer Saison in der französischen Hauptstadt zeigten Kaviar Gauche am Abend wieder in Berlin. Mitgebracht haben sie ein wenig Pariser Schauendramatik. Zu Beginn wurde zu einem Lichtspiel auf riesigen silbernen Blumen, die sich mitten auf dem Laufsteg drehten, Schwanensee von Tschaikowski gespielt. Danach die in der Pressemitteilung als Abendkleider getarnten Brautkleider zu Musik von The Knife über den Laufsteg geschickt. Viel Weiß, ein bisschen Apricot, zwei mal Schwarz, viel Glitzer in Silber und Gold, Blumen aus Leder, als Stickereien oder Spitze auf durchsichtigem Tüll am Oberkörper, die von weit ausgestellten Röcken eingefasst wurden. Viel Haut für eine Braut. Keiner der Schwäne musste sterben.

Die kleine Dosis Unberechenbarkeit

Am letzten Tag der Berliner Modewoche, am Donnerstag, präsentierte Isabell De Hillerin eine ausgeglichene Kollektion in dunklen Tönen. Kuschelige Wollpullover in Pflaumentönen, in der Taille mit breiten Gürteln gehaltene Wollmäntel, knöchellange Kleider mit Chiffon-Einsätzen zeigte sie zur Musik von Bauhaus. Entsprechend düster war auch die Farbpalette: Schwarz, Anthrazit, Dunkelgrau und Nachtblau, im Kontrast zu Graublau. Es war eine der präzisesten Kollektionen von de Hillerin. Und man kann ihr nur wünschen, dass Präzision das ist, was einer Jungen Marke zum internationalen Durchbruch verhilft.

Am Nachmittag war das Budapester Label Use Unused zum ersten mal zu Gast auf der Berliner Modewoche. Die Designer des elf Jahre alten Labels aus Ungarn zeigten Mode, die vom Gemencer Wald inspiriert war, einem beliebten ungarischen Reiseziel in den sozialistischen siebziger Jahren. Wer wadenlange Tuniken über engen knielangen Hosen, schlammfarbene Lederkleider und Minikleider mit orangem Camouflage-Muster mag, kam hier voll auf seine Kosten.

Eine der besten Kollektionen wartete am Ende der Modewoche auf die Besucher. Die Österreicherin Marina Hörmanseder zeigte Kleider zwischen Bondage und Bohème: enge mit Schnallen versehene Röcke, kobaltblaue Jacken mit Fuchspelzbesatz. Knielange, weite Cordhosen und knallrote Mohairpullis. Mode, die tragbar ist und dennoch die kleine Dosis Unberechenbarkeit enthält, die einem an der Berliner Modewoche Spaß machen kann. 

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