© Alxander Koerner / Getty

Berlin Fashion Week Stille über Tempelhof, aber die Mitte glüht

Die Fashion Week startet mit guten Vorsätzen ins neue Jahr: weniger Hype, mehr Klarheit. Dass sich das auch in gute Kleider übersetzt, dafür sorgt bald ein neuer Moderat. Von

Wenn die Modewoche im Januar über Berlin kommt, hängt der Himmel nass und grau knapp über der eigenen Nasenspitze. Und grau ist stets auch die Stimmung in den Vorberichten, die den hiesigen Designern internationale Irrelevanz attestieren, noch bevor ein einziger Modelfuß einen Laufsteg betreten hat. Doch dieses Mal ist vieles anders.

Die Seidentops mit Blumenmuster und Spaghettiträgern in türkis und hellblau etwa, die die britische Designerin Charlotte Ronson zu genauso fluffigen Boxershorts mit handtellergroßen schwarzen Punkten präsentiert. An den Füßen tragen ihre Models, deren langes Haar ungebändigt den Rücken hinuntertanzt, allesamt Trekking-Sandalen in farbigem Lack. Charlotte Ronson zeigte ihre Mode zum ersten Mal in Berlin. Normalerweise präsentiert sie dort, wo ihre prominenten Geschwister, die DJs Samantha und Mark Ronson, am liebsten Platten auflegen: in New York. Und: Ihre Mode sah wundervoll sommerlich aus, obwohl in Berlin doch die Winterkollektionen auf dem Plan stehen.

Das Missverständnis ist leicht geklärt. Charlotte Ronson hat nicht etwa erkannt, dass Berlin unausweichlich zum Mekka der High Fashion wird. Nein, in Berlin ist so egal, was auf den Laufsteg kommt, da kann man die Modeleute ruhig mit dem Besten von gestern abspeisen. Charlotte Ronson zeigte hier ihre Frühjahr/Sommerkollektion 2015, die sie in New York bereits im vergangenen September vorgeführt hat und die schon so gut wie in den Läden hängt. Das ist Salz in offene Wunden.

Denn gutes Modedesign und hohe Schneiderkunst hat es in Deutschland nicht leicht. Rena Lange, das 1916 gegründete Münchner Couture-Haus, ist seit November 2014 insolvent und stellt den Betrieb ein. Michael Michalsky zeigt keine neue Kollektion in Berlin – was selbst denen ein flaues Gefühl in der Magengegend beschert, die den Ex-Adidas-Designer bisher als Proll verpönt haben. Dass Michalsky sein Laufsteg-Budget angeblich lieber in die Ebola-Hilfe investiert, sorgt eher für Ungläubigkeit als Erleichterung.

Anders ist in dieser Saison auch, dass der ehemaligen Flughafen Tempelhof still in der Wintersonne steht. In den Hangars und der Empfangshalle hatte bislang die Messe Bread & Butter gastiert. Finanzielle Engpässe sind der Grund dafür, dass der Veranstalter Karl-Heinz Müller seine Veranstaltung von vier Tagen auf vier Stunden schrumpft, die er mit "allen guten Leuten" in einem Hinterhof in Berlin Mitte verbringt. Ob es im Juli ein Revival der Jeans&T-Shirt-Messe gibt, darüber lässt Müller derzeit online abstimmen. R.I.P. Bread&Butter? Bei aktuell zehn Messen und 70 Schauen in der Stadt keine leichte Entscheidung.

"Vogue"-Chefredakteurin Christiane Arp in Berlin © Getty Images

"Die Berliner Modewoche steht am Scheideweg zwischen Himmel und Hölle", fasst Christiane Arp, die Chefredakteurin der deutschen Vogue, das Dilemma zusammen. Bei der Mode & Stil-Konferenz des ZEITmagazins, die diesmal gemeinsam mit Vogue ausgerichtet wurde, diskutieren Arp und Gäste wie die Unternehmerin Nadja Swarovski, die britische Luxushändlerin Ruth Chapman, das Designerinnen-Duo Augustin Teboul und der Modefotograf Mario Testino, dessen Fotoausstellung In Your Face am Abend im Kulturforum eröffnet wird, die Frage, warum es die Modestadt Berlin braucht – und wie es mit ihr weitergehen kann.

Gerd Müller, der Bundesminister für Zusammenarbeit und Entwicklung, hat eine Antwort. An der Konferenz nimmt er nicht teil, sondern eröffnet stattdessen den Green Showroom und die Ethical Fashion Show, zwei Messen für Mode aus nachhaltiger Produktion. "Ich komme mir seltsam vor, wenn ich der Branche erklären muss, dass sklavenähnliche Zustände nicht am Anfang der Produktion stehen dürfen", sagt Müller, aber irgendwer muss der Modeindustrie ja sagen, dass sozial und ökologisch vertretbare Produktionsbedingungen ein Muss sind. Im vergangenen Oktober hat Gerd Müller ein Textilbündnis gegründet, für Mode, die in Deutschland verkauft wird. Das Echo seitens der Industrie war verhalten, inzwischen hat er nach eigener Aussage 70 Mitglieder gewonnen. "In fünf Jahren kommt keiner der Großen mehr an nachhaltiger Mode vorbei", sagt Müller.

Der Andrang im Green Showroom und der Ethical Fashion Show spricht dafür. Keine Spur von Ökos in Grobstrick. Wie bei den anderen Veranstaltungen der Modewoche trägt das Fachpublikum hauptsächlich skandinavisch angehauchtes Schwarz. Beständigkeit statt Wegwerfmode ist, wofür etwa die Mode der holländischen Designerin Elsien Gringhuis steht. "Saisonale Trends interessieren mich nicht", sagt Gringhuis und streicht sich das aschblonde lange Haar aus den Augen. "Statt Sommer-, Winter- und am Ende noch Zwischenkollektionen, erarbeite ich Editionen." Sie legt Wert auf geradliniges Design, ihre Stücke aus dunkelblauen Baumwoll-, Woll, und Seidenstoffen sind vielfältig kombinierbar. Interessant ist, dass die Kleider, Röcke, Mäntel und Tops von Elsien Gringhuis die gleichen sportiven T-Shirt-Krägen und Sportjacken-Silhouetten haben wie vieles von Charlotte Ronson. Mit dem Unterschied, dass man die Mode von Gringhuis auch in mehreren Jahren noch tragen kann.

Im Zelt der Mercedes Benz Fashion Week zählt dagegen der Showeffekt. Ivan Mandzukic zeigt in einer Installation keine Anzüge, sondern jeweils Teile davon in pink und rosé aus Wollstoffen, von denen aber niemand weiß, woher sie stammen. Bei Laurèl ist die Designerin Elisabeth Schwaiger begeistert von Bondgirls, die eine Reise in die Sechziger unternommen und dort zitronengelbe und schokobraune Kleider und jede Menge Leopardenmuster und Silberlamé gefunden haben. Da war für andere Erwägungen wohl einfach kein Platz.

Für Nike überlegt die Designerin Johanna Schneider, was Frauen brauchen, wenn sie Sport machen. Sie hat eine mehrteilige Kollektion aus Funktionsstoffen entwickelt, die je nach Schnürung und Drapage Schutz oder Schubkraft versprechen. Leyla Piedayesh von Lala Berlin hingegen hat Vermutungen darüber angestellt, was das Fachpublikum braucht, um eine Modenschau am fortgeschrittenen Abend zu überstehen. Richtig: Einen gut gefüllten Bauch und leckere Getränke. Folgerichtig gibt es die neue Kollektion im Restaurant Crackers bei einem Dinner with Cinderella zu sehen.

Und wie geht's nun weiter in und mit Berlin? Ab März spätestens soll alles besser werden, denn dann nimmt der German Fashion Design Council (GFDC) seine Arbeit auf, eine Förderinstitution, die sich dafür einsetzen wird, dass Modedesign aus Deutschland als Kultur- und Wirtschaftsgut anerkannt wird. Christiane Arp von Vogue hat diesen deutschen Moderat gemeinsam mit Anita Tillmann, der Gründerin der Modemesse Premium, sowie Marcus Kurz, dem Geschäftsführer der Agentur Nowadays, und anderen gegründet. Arp wird der Vereinigung als Präsidentin vorstehen. Damit stellt sich das GFDC in die Tradition des namhaften Council of Fashion Designers of America und des British Fashion Council. Sowohl der amerikanische als auch der britische Council sind für ihre Förderung des kreativen Nachwuchses bekannt. Mit ein bisschen Glück muss Berlin sich in Zukunft nicht mehr mit New Yorker Federn schmücken.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren