Jean Paul Gaultier Sein Fetisch? Mode

© Jean-Paul Goude
In Paris feiert eine Wanderausstellung den Modedesigner Jean Paul Gaultier. Der Franzose war einer der ganz großen Kleiderfantasten. Sind deren Tage gezählt? Von , Paris

Blonde Schönheiten, deren tätowierten Arme Popeye-gleich unter einem Matrosenhemd spannen. Brüste, durch eine Korsage in Form gepresst, stechen einem spitz entgegen. Das sind die bekanntesten Kreationen des französischen Modemachers Jean Paul Gaultier.

Vor 45 Jahren betrat er die Pariser Laufstege mit dem Anspruch, sich keiner Norm zu unterwerfen, die Grenzen zwischen Sex und Alltag zu durchbrechen und jedes Schönheitsideal radikal in Frage zu stellen. Ist ihm das gelungen?

Im Pariser Grand Palais kann man sich zumindest auf die Suche nach einer Antwort auf diese Frage machen. Noch bis zum 3. August werden dort mehr als 330 Entwürfe von Gaultier gezeigt. Ab dem 18. September wird die Wanderausstellung in der Münchener Kunsthalle zu sehen sein.

Ein Blick in die Ausstellung © François Tomasi / Réunion des musées nationaux - Grand Palais

45 Jahre Gaultier: Das ist Prêt-à-Porter und Haute Couture, Theater- und Filmkostüme, Skizzen und Filmsequenzen. Das sind vom Londoner Punk inspirierte Jeans- und Nieten-Kreationen, Experimente aus Müll, Kleider mit Mieder- und Cancan-Elementen oder Transparente Tops, bedruckt mit Tattoos. Aber die Ausstellung will kein Gang durch die Geschichte des Hauses Jean Paul Gaultier sein. Bloß keine Chronologie! "Das wäre mir zu morbid vorgekommen", sagte Gaultier dazu selbst.

Stattdessen sind die Stücke nach Inspirationen und Ideen sortiert und in jedem Raum anders inszeniert. Kunstvoll ausgearbeitete Fetisch-Korsagen oder Lack-Ensembles erspäht der Besucher durch Gucklöcher wie in einer Peep-Shop. Es gibt eine Modenschau, während der nicht nur die Mannequins Gaultier tragen, sondern auch die Musen, Freunde und Fans des Designers, wie die ehemalige Chefredakteurin der französischen Vogue Carine Roitfeld oder Burlesque-Star Dita von Teese – als Puppen natürlich, in der Front Row sitzend. Auf einige der Puppen sind Gesichter projiziert, durch die der Designer sein Werk erklärt. Klar, witzig, ohne intellektuelle Umschweife. Denn es gibt Erklärungsbedarf. Auch Gaultier scheint das ewige Image des Enfant Terrible zu nerven, das ihm seit nunmehr vier Jahrzehnten anhaftet. Gaultier wurde lange auf die Provokation reduziert, die natürlich nur einen kleinen Teil seiner Arbeit ausmacht und das außergewöhnliche Handwerk, das hinter der fetischisierten Romantik von Mieder und Korsagen steckt, ausblendet.

Teddybär Nana mit angenähten Brüsten © Emil Larsson

Gaultier träumte schon als kleiner Junge davon, Designer zu werden. Er nähte seinem Teddybären Brüste an, malte Tänzerinnen aus dem Fernsehen nach, mit 18 bekam er bei Pierre Cardin einen Job als Modezeichner – ungelernt. Sein Talent wurde erkannt und gefördert, nach einer kurzen Station bei Jean Patou gründete er bereits mit 24 Jahren sein eigenes Label.

Gaultier steckte Männer in Röcke, entwarf Unisex-Kollektionen, bevor überhaupt jemand dieses Wort kannte, schneiderte Kostüme mit Comic- oder Science-Fiction-Elementen für Musicals, Theaterstücke, Filme. 1990 entwarf er für Madonna die berühmte Korsage mit Cone-Bra, mit Körbchen in Kegel-Form, die sie während ihrer "Blonde Ambition"-Tour trug. Gaultiers Kleider waren nie Bekleidung im praktischen Sinne, ihm ging es nie um Tragbarkeit oder gar Komfort. Seine Kundinnen waren ihm trotzdem treu. Sie kauften seine Kreationen wie andere Leute Kunst. Und sie liebten es, dass er mehr machte als Kleidung. Gaultier zu tragen war auch immer ein Bekenntnis und ein lautes "Hey, hier bin ich!" Gaultier stand für die große Geste, für das Verschwinden in Inspirationen und Ideen, für ein Mehr-ist-mehr, das er noch immer genauso virtuos beherrscht wie vor 45 Jahren.

Kristen McMenamy in einem Mantel aus der Herbst-Winter-Kollektion von 1991 © Paolo Roversi

Früh wehrte er sich gegen ein einheitliches Schönheitsideal, suchte mit Absicht dicke, kleine oder alte Models aus. Er ließ seine Kreationen von Ikonen der Geschlechterdiversität wie Beth Ditto oder seiner neuen Muse Conchita Wurst vorführen.

Aber vor lauter Rebellion schoss er manchmal übers Ziel hinaus und zementierte neue Klischees, wo er vielleicht alte zertrümmern wollte. So wurde Farida Khelfa durch ihn als erstes Topmodel nordafrikanischer Herkunft berühmt, musste von da an aber genau mit diesem Stempel leben.

Indem er Jünglinge in Seemannshemden, super enge Hosen und weiße Matrosen-Häubchen steckte, zelebrierte er die offene und freie Homosexualität von Männern, untermauerte aber auch das Klischee, solche Pin-Up-Boys seien der Traum eines jeden schwulen Mannes.

Das australische Model Andreja Pejic in einer Korsage aus vergoldeten Lederriemen © Alix Malka

Auch Gaultiers Korsagen-Fimmel mag nicht recht ins 21. Jahrhundert passen. Die moderne sexuell befreite Frau zwänge sich freiwillig und mit Begeisterung in so enge Mieder, um ihre Weiblichkeit und Stärke zu zeigen, erklärte Gaultier immer wieder. Bei ihm war die Frau immer mehr Objekt als Subjekt, eben ein wenig mehr Puppe zum Anziehen als Mensch.

Kürzlich verkündete Gaultier, er wolle in Zukunft kein Prêt-à-Porter mehr machen, sondern sich ganz auf die Haute Couture konzentrieren. Die Gaultier-Frau, vielleicht gibt es sie nicht mehr. Mittlerweile sind vor allem Designerinnen wie Phoebe Philo von Céline, Stella McCartney oder die Französin Isabel Marant erfolgreich, die mit den großen alten Modefetischisten wie Gaultier oder John Galliano nicht mehr viel gemein haben. Gaultier machte Mode für Frauen, die nichts mussten und alles durften, für exzentrische Trophy Wifes. Philo oder McCartney machen Mode für Frauen, die viel müssen, aber das Gefühl haben, immer noch nicht alles zu dürfen. Auf einmal muss Mode Bekleidung sein und trotzdem gut aussehen; und das in einem Alltag, in dem es eigentlich nicht mehr darum gehen soll, gut auszusehen.

Da bleibt für die Fantasie, für den Fetisch Mode nur die Haute Couture. Sie ist keinesfalls von gestern, vielleicht ist die Haute Couture sogar von morgen. Aber in Gaultiers Fall ist sie sicher nichts für die Frau von heute.

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