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Berlin Fashion Week Was für ein Theater!

Zweimal im Jahr zieht das Berliner Theater von der Bühne hinaus auf die Straße. Wie viel Inszenierung steckt in der Fashion Week? Wie viel Sodom im "free seating"? Von

Die unangenehme Wirklichkeit der Berliner Fashion Week hat einen rotgeschminkten Mund und sagt: "Einlassstop." Weder sie noch die Gästeliste ist dem Ansturm auf das Club-Bar-Mitte-Ding gewachsen. Es nieselt. Seltsamerweise drängeln trotzdem dauernd Leute an ihr vorbei, allerdings nur "die Wichtigen". Wichtig sind hier alle, manche eben wichtiger. Schwierigkeiten kriegt die Generation Gästeliste ja nur, wenn jeder drauf steht. Trotzdem gibt kaum einer so früh am Abend auf wie die Frau mit tätowierter Schläfe, die ihre Begleitung beim Gehen an die morgige Verabredung in der Volksbühne erinnert. Gespielt wird Die 120 Tage von Sodom.

Berlin ist immer Theater, während der zweimal jährlich stattfindenden Fashion Week grenzt es an Totaltheater. Wie viel Inszenierung steckt im Beiläufigen? Wie viel echtes Leben im schönen Schein? Auf die Darstellenden ist Verlass: Zur Modewoche zerren sie die besonders schrägen Kostüme aus dem Fundus, die Zwanzig-Zentimeter-Plateaus, die Perücken. Einige erfinden sich neu, vielleicht, um das Immergleiche zu kompensieren, andere tragen konsequent Schwarz. Die Grenzen zwischen Schauspieler und Statist verschwimmen, fast wie in einer Performance des Künstlers Tino Sehgal, der gerade im Martin-Gropius-Bau die Rollen von Zuschauer und Besucher durcheinanderwirbelt. Ortsungebunden verzaubert die Mode die ganze Stadt. Es gibt die Hauptbühne, das Zelt am Brandenburger Tor, die Seitenbühnen wie das Kronprinzenpalais und den Me Collectors Room. Jede Saison kommen neue Spielstätten hinzu, je offer, desto besser.

So präsentiert Bianca Fleisch ihre Kollektion in der Märchenhütte im Monbijou Park. Wo normalerweise Generationentheater gezeigt wird, schweben jetzt langgliedrige Frauen vom Dachboden. Lederbeschlappt schreiten sie über die knarrenden Dielen, bleiben stehen und werden zu Puppen. Eine Cellistin spielt Melodien in Moll. Gleich kommt vielleicht Peer Gynt zur Tür herein.

Musik im Theater ist ein sicherer Trigger für Emotionen, selbiges gilt für Modenschauen, besonders, wenn sie nicht vom Band kommt. Bei Esther Perbandt singen professionelle Opernsänger. Sie wasserstoffblond im schwarzen Anzug, er mit weißem Schleier. Auch die Präsentation des Labels Vonschwanenflügelpupke im Kronprinzenpalais begleitet ein Pianist mit Daddy-Brillengestell. Während die Models bei Bianca Fleisch noch Restlebendigkeit zeigen, sind sie hier vollends erstarrt. Seltsam, ließen sich die beiden Designerinnen für ihre Kollektion – Landkarten auf Seidentüchern, den Nacken umschlingende Tops mit Heißluftballons, Schmetterlinge – doch erkennbar vom Reisen inspirieren. Den Models hingegen bleibt nichts als der ziellose Blick aus dem Fenster. Manche von ihnen wirken so zerbrechlich, dass ein Windhauch sie fortwehen könnte, aber das ist ein anderes Thema.

Vom Reisen träumen: das Label Vonschwanenflügelpupke bei der Fashion Week Berlin © Jörg Carstensen / dpa

Im Gegenteil zu Vonschwanenflügelpupke macht Julian Zigerli nicht nur ein Fenster auf, sondern geht nach draußen. Per Rund-SMS werden die Gäste in den Geschichtspark Moabit gebeten, was ihnen das Gefühl gibt, Teil des inneren Zigerli-Zirkels zu sein. Die Shows des jungen Schweizers sind bewusst kumpelhaft inszeniert, eine Art performative Gästeliste minus ausgefahrene Ellenbogen – alle sind sehr nett zueinander. So wie die beiden sehr jungen Jungs, die Arm in Arm über die Geschichtsparkwiese trippeln. Ihre Knöchel sind wie der anderen Models mit Grasbüscheln beklebt, die Musik kommt aus tragbaren Lautsprechern. Nach der eigentlichen Show stehen die Boys zwischen den Buchsbäumen als dankenswerte Objekte für den Instagram-Feed. Kaum einer fällt aus seiner Rolle.    

Vom Grün der Wiese zurück auf den Berliner Asphalt. Natur findet dort auf den Köpfen statt, in Form von Lavendelkränzen als Referenz an eine schwedische Mittsommernacht oder als Blumenbeet auf den Toiletten der Modemesse Premium. Auf der Straße, dem roughsten Laufsteg von allen, sind die Menschen während der viertägigen Modewoche genauso wenig oder genauso viel fashion wie immer. Hauptsache einzigartig – nach der Show von Marcel Ostertag stehen die verbliebenen Besucher Schlange für einen personalisierten Schuh. Individualität ist allerdings nur noch in den Größen 37 und 42 zu haben. Pech für alle, die nicht mehr laufen können: Blasen sind was für Anfänger. Profis tragen ihre Ersatzschuhe in der dazugehörigen Einkaufstüte bei sich. Stimme aus dem Off: "Hab' ich mir eben gegönnt." Darauf einen Açai-Holunder-Minz-Sekt vom Hauptsponsor.


Designerin Esther Perbandt (Mitte) mit den Sängern ihrer Show bei der Fashion Week Berlin © Frazer Harrison / Getty Images

Und wo ist es nun, das echte Leben? Bei Michaela Bieling steht keiner auf der Liste und deswegen dürfen alle rein, free seating nennt man das. Kaum hat man Platz genommen in der front row, dem andernorts wahr gewordenen Traum aller fashion people, wabert Kunstnebel. Models tragen nichts oder LED-Gürtel mit "Erotik"-Schriftzug. Die Aperçus von Moderatorin Diana sind voll aus dem Modeleben gegriffen und gelten in abgewandelter Form sicher für die gesamte Fashion Week: "Die Designerin lebt ihren Traum. Jedes Outfit hat sie höchstpersönlich entworfen." Eine Farce? Immerhin läuft die Show im Quatsch Comedy Club. Unfreiwillig gelingt der gelernten Damenschneiderin Bieling beides, maximale Inszenierung (Lasershow!) und Persiflage des Modezirkus (DJ in Batikjeans!) plus maximale Echtheit durch ein Publikum, das nicht aussieht wie dem Cover der Vogue entstiegen, sondern der Bild der Frau. Darauf einen Sekt-Orange! Am Ende der Show rollt eine eineinhalb mal ein Meter große Torte herein – danke geht an Eichis Backstube – als Draufgabe zu den vorab verteilten Lollis in Herzchenform. Hier kriegt jeder ein Stück vom Fashion-Kuchen. Der ist sechsstöckig, mit Buttercreme zwischen den einzelnen Schichten, Zuckerguss und Marzipanhaube. Man verzehrt ihn am besten im Laufschritt zur Volksbühne, wo ja später die 120 Tage von Sodom gezeigt werden. Auf die Hand, wie einen Döner. Das ist ziemlich Berlin. Echt.


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