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London Fashion Week : "Der Kleiderschrank meiner Mutter war exotisches Terrain"

Erdem Moralioğlu gehört zu den jungen Hoffnungsträgern der Londoner Mode. Im Gespräch erzählt er von seinem Helden Yves Saint Laurent und den Unterröcken seiner Lehrerin. Von

Ein Donnerstag im Juli, Modewoche in Berlin. Tim Blanks und Erdem Moralioğlu sind in der Stadt. Der wichtigste Modekritiker der Welt und der junge Modeschöpfer aus London kennen sich seit Jahren. Wir sitzen in einem Saal des Kronprinzenpalais Unter den Linden, auf dem Tisch steht eine große Obstschale. Tim Blanks thront am Kopfende und hört zu. Moralioğlu nascht Weintrauben. Mit seinem perfekt gescheitelten Haar, der runden Brille und seiner schmalen Figur wirkt er jünger als er ist. Er trägt einen hellgrünen Pullover. Seine Mimik ist heiter wie die eines Schuljungen. Er ist sichtlich erfreut über Tim Blanks’ Gesellschaft.

ZEITmagazin Online: Herr Moralioğlu, wie lange sind Sie schon mit Tim Blanks befreundet?

Erdem Moralioğlu: Ich habe Tim vor vielen Jahren kennen gelernt, aber nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir vorstellen können, eines Tages in Deutschland ein Interview zu geben, während er daneben sitzt und zuhört! Wissen Sie, ich bin quasi mit Tim aufgewachsen. Als ich jung war – oh Gott, das klingt jetzt, als wäre ich schon uralt – habe ich jeden Tag seine Sendung Fashion File auf CBC geschaut. Er war unglaublich, ich habe ihn immer bewundert. Und jetzt sitzen wir hier zusammen in Berlin! 

ZEITmagazin Online: Sie scheinen viel unterwegs zu sein. Kommen Sie überhaupt noch zum Entwerfen?

Moralioğlu: Ich reise tatsächlich viel. In letzter Zeit war ich oft in New York, weil der amerikanische Markt für uns sehr wichtig ist. Reisen ist großartig. Berlin zum Beispiel finde ich herrlich! Ich liebe die Museumsinsel und das Gebäude der Neuen Nationalgalerie von David Chipperfield. Einmal kam ich nach einer Show für ein paar Tage hierher. Das ist mein Ritual: Sobald ich eine Kollektion abgeschlossen habe, fahre ich für ein Wochenende weg, um den Kopf frei zu bekommen und mich ein bisschen zu entspannen. Trotzdem versuche ich natürlich, so oft es geht, im Atelier zu sein.

ZEITmagazin Online: Es wird im Moment viel über den großen Druck diskutiert, unter dem Designer stehen: Alle drei Monate müssen sie eine neue Kollektion zeigen, manchmal für mehrere Häuser gleichzeitig und dabei auch noch innovativ bleiben. Wie geht es Ihnen mit diesem Trubel?

Moralioğlu: Der ständige Zeitdruck sorgt schon für eine gewisse Hektik. Andererseits sind die Zwischenkollektionen Resort und Pre-Fall für mich auch eine gute Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, die ich sonst nur auf dem Laufsteg gezeigt hätte, nicht aber im Geschäft. In der letzten Sommerkollektion gab es außerdem viele Teile, die ich in ähnlicher Form schon in der vorherigen Resort-Kollektion gezeigt hatte. Es muss nicht jede Saison etwas total Neues geben. Ich versuche den Zeitdruck positiv zu nutzen, indem ich bei den Zwischenkollektionen experimentiere und in den Hauptkollektionen Ideen weiterentwickele.

ZEITmagazin Online: Arbeiten Sie gerne unter Druck?

Moralioğlu: Druck macht mir nichts aus. Tatsächlich werde ich eher nervös, wenn Ruhe herrscht.

ZEITmagazin Online: Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Obsession Ihr größter Antrieb ist. Muss man als Designer besessen sein, um Erfolg zu haben?

Moralioğlu: Absolut. Hingabe und Leidenschaft sind mein wichtigster Motor. Ich glaube, ohne diese Vision im Kopf, mit der man morgens aufwacht und abends ins Bett geht, wird es nichts. Mir liegt die Besessenheit im Blut.

Ein aufwendig bestickter Rock, kombiniert mit einem Wollpullover. Moralioğlus Mode ist vielseitig einsetzbar. © Stuart C. Wilson /​ Getty Images

ZEITmagazin Online: Sie sind Teil einer extrem erfolgreichen Generation junger britischer Designer, die in den letzten zehn Jahren einflussreiche Marken aufgebaut haben, zum Beispiel J.W. Anderson oder Mary Katrantzou. Was ist das Geheimnis der Modestadt London?

Moralioğlu: Schauen Sie sich an, woher die erfolgreichen Leute kommen. 90 Prozent haben am Central Saint Martins College studiert. Und die anderen zehn Prozent waren an einer der anderen großartigen Modeschulen. Das Ausbildungssystem im Fach Mode ist exzellent. Ich habe am Royal College of Art meinen Abschluss gemacht. Die Schule ist sehr kreativ und interdisziplinär. Ich konnte an Architektur-Vorlesungen teilnehmen oder an Fotografie-Seminaren mit Wolfgang Tillmans, mich mit den Textilgestaltern unterhalten oder mit den Hutmachern abhängen. Der Austausch zwischen den verschiedenen Disziplinen war unheimlich inspirierend.

ZEITmagazin Online: Vor einiger Zeit sorgte die Trendforscherin Li Edelkoort mit ihrem Statement "Die Mode ist tot" für Aufruhr in der Branche. Edelkoort schrieb, die Modewelt sei zu einer Parodie ihrer selbst verkommen, weil die Designer dem Kommerz zuliebe nur noch vergangene Trends wiederholten. Was denken Sie als Modeschöpfer darüber?

Moralioğlu: Wer ist diese Frau? Ich kenne sie nicht. In meinen Augen ist nicht die Mode tot, sondern die Trendforschung. Diesen zwanghaften Versuch, ständig voraussagen zu wollen, wie die Zukunft wohl aussehen wird, halte ich für Blödsinn. Gerade in London gibt es so viele Designer mit ganz unterschiedlichen Visionen. Wie kann man uns denn alle in einen Topf werfen? Ich verstehe nicht, wie man eine Branche, die so vielseitige Menschen und Visionen vereint, für tot erklären kann.

Eine Zeichnung des Designers © Lisa Maree Williams /​ Getty Images


ZEITmagazin Online: Als Unternehmer führen Sie Ihr eigenes Label unabhängig von einem großen Konzern. Vielleicht ist es für jemanden wie Sie auch einfach leichter, sich nicht nach gut verkäuflichen Trends zu richten, sondern in Ihrem eigenen Tempo zu arbeiten?  

Moralioğlu: Klar, in dieser Hinsicht bin ich sicherlich freier und in meiner künstlerischen Kreativität uneingeschränkter. Auf der anderen Seite genießt man unter dem Schirm eines großen Konzerns wie LVMH finanzielle Sicherheit. Darüber muss man sich dann keine Gedanken mehr machen. Als unabhängiger Unternehmer stehe ich vielleicht nicht unter kreativem, dafür aber unter ökonomischem Druck.

ZEITmagazin Online: Gerade haben Sie in London Ihre erste Boutique eröffnet. Bedeutet der Konflikt von Kunst und Kommerz für Sie ein Problem?

Moralioğlu: Das größte Kompliment, das man als Designer bekommen kann, ist, seine Kleider tatsächlich an Menschen auf der Straße zu sehen. Ich finde es nicht schlimm, wenn ein Kleidungsstück gut verkäuflich und tragbar ist, im Gegenteil. Für mich liegt die Kunst gelungenen Modedesigns darin, etwas zu entwerfen, das einer Frau perfekt steht und passt.

ZEITmagazin Online: Es ist noch nie vorgekommen, dass Sie ein besonders schönes Kleid der Unverkäuflichkeit wegen aus der Kollektion nehmen mussten?

Moralioğlu: Jede Kollektion besteht aus rund 200 Stücken, von denen natürlich nicht alle in die Geschäfte gelangen. Da geht es weniger um Kommerz als um Darwinismus: Manche Teile überleben eben nicht. Das ist okay.

ZEITmagazin Online: Ihre Mode folgt selten populären Trends, viele Kleider wirken zeitlos. Als Modedesigner sind Sie allerdings auch Beobachter des aktuellen Geschehens. Sie müssen wissen, was Frauen momentan brauchen und kaufen wollen. Wie ist Ihre Einschätzung?

Moralioğlu: Interessanterweise wird es für mich immer schwerer, diese Frage zu beantworten, je mehr Kundinnen ich tatsächlich habe. Diese Frauen sind so unterschiedlich und vielseitig, sie alle haben unterschiedliche Bedürfnisse. Was stilbewusste Frauen heute vereint, ist ihr Wunsch nach Distinktion. Sie wollen sich äußerlich nicht mehr einer Gruppe zugehörig fühlen, sondern individuell und einzigartig aussehen. Mein Ziel ist es, einer Kundin mit einem Kleid von mir das Gefühl zu geben, dass sie die einzige Frau ist, die dieses Kleid besitzt.  

ZEITmagazin Online: So viel Exklusivität kann normalerweise nur die Haute Couture bieten. Könnten Sie sich vorstellen, auch Haute Couture zu entwerfen?

Moralioğlu: Natürlich finde ich die Haute Couture faszinierend. Die Vorstellung, einer Frau ein Kleid maßschneidern zu können, ist wundervoll. In unserem Geschäft in London gibt es einen Schneiderservice, bei dem sich die Kundinnen bestimmte Stücke individuell anpassen lassen können. Das ist aber natürlich nicht mit der hohen Schneiderkunst aus Paris vergleichbar. Wenn man mich fragen würde, ob ich Lust hätte, für eines der großen Traditionshäuser Haute Couture zu entwerfen, würde ich bestimmt nicht Nein sagen.

Moralioğlus Entwürfe für den kommenden Winter © Stuart C. Wilson /​ Getty Images

ZEITmagazin Online: Verfolgen Sie eigentlich, was die Designer der anderen Modehäuser so machen?

Moralioğlu: Ja, ich bin sehr neugierig. In diesem Jahr war ich vor allem auf die erste Kollektion von John Galliano für Maison Martin Margiela gespannt. Es gibt bestimmte Designer, bei denen man nicht wegschauen kann. 

ZEITmagazin Online: Sie haben einmal gesagt, dass Yves Saint Laurent Ihr größter Held sei. Gibt es etwas, dass Sie sich von ihm abgeschaut haben?

Moralioğlu: Yves Saint Laurent hatte einen uneingeschränkten, leidenschaftlichen Respekt vor den Frauen. Ich habe mir neulich einen Band über seine Muse Nan Kempner gekauft. Das Buch ist voll von Bildern der jungen und alten Nan Kempner, es bildet Dekaden ihrer Beziehung zu Saint Laurent ab. Seine Hingabe zu dieser Frau finde ich sehr beeindruckend.

ZEITmagazin Online: Ihre Kleider sind oft sehr feminin, die Stoffe farbenfroh, die Schnitte elegant. Wollen Sie die Weiblichkeit zurück in die Mode bringen?

Moralioğlu: Es stimmt, dass Weiblichkeit in meiner Mode eine wichtige Rolle spielt. Ich fürchte mich nicht vor Feminität. Aber am Ende liegt es an der Trägerin, welche Stimmung das Kleidungsstück transportiert. Ich habe neulich eine Frau gesehen, die zu einem bestickten Erdem-Rock einen Kaschmirpullover ihres Mannes und flache Schuhe trug. Das wirkte viel eher cool als feminin.

ZEITmagazin Online: Warum machen Sie Mode für Frauen?

Moralioğlu: Als kleiner Junge war der Kleiderschrank meiner Mutter für mich exotisches Terrain, das es zu erkunden galt: Die vielen Silhouetten, die Muster, Sachen wie ein Unterkleid mit Spitzenbesatz, all das, was man eben nur in der Garderobe einer Frau findet, erschien mir geradezu außerirdisch. Ich erinnere mich an meine Englischlehrerin in der 1. Klasse. Sie saß immer mit überschlagenen Beinen auf dem Lehrertisch, sodass man unter ihren Tweedröcken den Spitzensaum ihres Unterkleides sehen konnte. Jeden Tag trug sie ein Unterkleid in einer anderen Farbe. Für wen sie diese Kleider trug, für sich oder jemanden zu Hause, blieb ein Rätsel. Das fand ich aufregend. Ich war schon immer fasziniert von solch kleinen Details, die eine Frau zur Frau machen.

Vor dem Fenster des Kronprinzenpalais finden Bauarbeiten statt. Für den Bruchteil einer Sekunde ist ein vorbeispringender Handwerker zu sehen. "Ist er gesprungen?", fragt Moralioğlu entgeistert und isst die letzte Weintraube. "Vielleicht gefiel ihm mein Pullover nicht." 

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