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Mode: Hip-Hop, won't stop

Seit fast dreißig Jahren beeinflusst der Hip-Hop die Mode. Nicht nur auf den Straßen, auch auf den Laufstegen. Über eine Verbindung, die bis ins Weiße Haus reicht. Von

Plötzlich war er wieder da: der vertraute Beat, die knalligen Farben, der Text, den jeder, der in den Neunzigern ein Teenager war, mitsummen kann: "Now, this is a story all about how / My life got flipped-turned upside down /And I'd like to take a minute/ Just sit right there / I'll tell you how I became the prince of a town called Bel Air". In Baggy-Pants und mit schräger Cap auf dem Kopf rappte Will Smith als Prinz von Bel-Air über seinen Weg aus dem tristen Philadelphia nach Bel Air, dem Nobelviertel von Los Angeles. Als Medien im August über eine mögliche Neuauflage der legendären Fernsehshow berichteten, lief der altbekannte Vorspann auf allen Social-Media-Kanälen. Erinnerungen wurden wach: An die Familie Banks und ihren Vorzeigespießersohn Carlton, an Gastauftritte von Tom Jones über Oprah Winfrey bis hin zu Donald Trump – und an die unverwechselbare Mode der Zeit. An die gelben T-Shirts zur rosafarbenen Cap, die weite Latzhose, die ballonseidenen Trainingsjacken und Turnschuhe. Mit diesem Look prägte Smith seinen ganz eigenen Stil. Eine Art Hip-Hop light, denn Elemente des Ghetto-Chic aus den sozialen Brennpunkten der US-Vorstädte kamen in der Serie ebenso leichtfüßig daher wie klassische Rap-Themen. Selbst Rassismus und Gewalt wurden hier familienfreundlich und humorvoll thematisiert.

Weniger freundlich trat hingegen N.W.A. auf, jene Gruppe um den heute millionenschweren Produzenten Dr. Dre, die dem Gangsta-Rap zum kommerziellen Durchbruch verhalf. Von ihrem Aufstieg aus Compton, dem für Bandenkriege berüchtigten Vorort von Los Angeles, in den Olymp der Musikindustrie erzählt der Film Straight Outta Compton gerade in den Kinos. Ganz in Schwarz, mit finsterer Miene, dicken Goldketten und Waffen als Accessoires artikulierten sie seit 1986 ihre Kampfansage ans Establishment auch optisch. N.W.A. stehen für eine Zeit, in der Hip-Hop weit weg war von Hochglanzmagazinen und Laufstegen, als Sneaker noch als Sportschuhe galten und Rapper nicht mit Präsidenten befreundet, sondern Staatsfeinde waren.

Jay-Z und R. Kelly haben den Stil des Hip-Hop maßgeblich geprägt. © dpa

Der Prinz von Bel-Air und Straight Outta Compton stehen für die zwei Pole der Hip-Hop-Kultur, die die Mode bis heute prägen und von Meppen bis Miami die Kleiderschränke der Jugendlichen füllen. Vom Parka mit fellbesetzter Kapuze zu sündhaft teuren Sneakern, vom alltagstauglichen Kapuzenpulli bis zu den Timberland-Stiefeln, die man für den ersten Herbstspaziergang hervorholt. Dabei wecken die Hip-Hop-Anleihen verschiedene Gefühle in verschiedenen Generationen. Wer in den Neunzigern jung war, erinnert sich noch an überspielte Kassetten und Plattencover mit stilisierten Fahndungsfotos, an Sweatshirts mit dem Logo der Raiders und an Mützen mit Compton-Schriftzug. Hip-Hop war damals auch und vor allem reizvoll, weil er einerseits mit dem Verbotenen spielte, mit den Bandenkriegen und öffentlichen Schusswechseln, und andererseits, weil er Ungerechtigkeiten anprangerte, die strukturelle Armut der schwarzen Bevölkerung Amerikas, die Diskriminierung und Segregation. Wer heute jung ist, erlebt Hip-Hop als glamouröses Spektakel mit rappenden Teilzeitdesignern wie Pharrell Williams oder Kanye West und Paaren wie Beyoncé Knowles und Jay-Z, die Barack Obama nicht nur zu ihren Fans, sondern auch zu ihren Freunden zählen. Wer damals jung war, verehrte Rapper und Hip-Hopper für ihren musikalischen und modischen Mut. Wer heute jung ist, bewundert sie für ihren kommerziellen Erfolg.

Dabei wissen die wenigsten heute noch, wofür die Hip-Hop-Moden stehen, die sie tragen. Dass die Timberlands ursprünglich für die Arbeit auf Baustellen konzipiert wurden und erst ein Rapper wie Tupac Shakur sie Anfang der Neunziger straßentauglich machte. Oder dass der heute so selbstverständlich als sportlich elegant interpretierte Kapuzenpullover für die Arbeiter in New Yorker Tiefkühllagern erfunden wurde. Für einen Knochenjob. Verfremdung und Aneignung, aber auch Symbole wie ein hochgekrempeltes Hosenbein als Erinnerung an die Fußketten der Sklaven oder der Verzicht auf Schnürsenkel als Anspielung auf die Gefängniskultur sind wichtige Bestandteile der Hip-Hop-Mode, die heute ohne Kontext in jedem Großraumbüro funktioniert.

An dieser Aneignung durch Kommerzialisierung haben auch die Rapper selbst mitgewirkt. 1986 rappte die Gruppe Run DMC "I love my Adidas" und ließ bei einem Konzert 40.000 Fans ihre Turnschuhe emporheben. Adidas widmete der Band daraufhin das bis heute Kultstatus genießende Modell Superstar und schloss einen millionenschweren Werbedeal mit Run DMC ab. Die Symbiose aus Hip-Hop, Mode und Marketing hatte begonnen. Als Snoop Dogg 1994 im US-Fernsehen mit einem Sweatshirt von Tommy Hilfiger auftrat, war das Stück tags darauf so begehrt, dass Hilfiger fortan Stars wie Aaliyah, Puff Daddy und Coolio für sich modeln ließ. Versace schickte Tupac Shakur auf den Laufsteg. Zwei Jahrzehnte später zeigt Kanye West ganz selbstverständlich seine eigene Modekollektion auf der New York Fashion Week, und Nicky Minaj modelt für Roberto Cavalli.

Will und Jada Pinkett Smith tragen heute lieber Maßgeschneidertes statt Kapuzenpulli. © dpa

Anders als die Punk-Bewegung verlor die einstige Subkultur aller Kommerzialisierung zum Trotz nicht an Glaubwürdigkeit – zu einem hohen Preis: Die Rap-Ikonen Tupak Shakur und The Notorious B.I.G. wurden auf offener Straße erschossen, Rassismus, Polizei- und Bandengewalt sind in den USA aktuell wie nie. Der Mix aus Authentizität, Attitüde und der Idee, es von ganz unten nach ganz oben schaffen zu können, fasziniert immer noch, vor allem Jugendliche.

Für die nicht mehr ganz so Jungen gilt: Was nicht zu laut Hip-Hop schreit, ist erlaubt. Sneaker können zum schmal geschnittenen Anzug als gekonnter Stilbruch durchgehen. Ein Kapuzenpullover gilt zumindest hierzulande eher als sportlich denn als gefährlich. Die Szenegrößen selbst sind modisch längst im Establishment angekommen. Puff Daddy tauschte als einer der ersten Baggy-Pants und Sweatshirt gegen Maßanzüge aus, Jay-Z trägt gerne Smoking und auch Will Smith bevorzugt heute den feinen Zwirn. "Moden sind immer Klassenmoden", sie dienten der Abgrenzung der oberen Schichten von den unteren, schrieb Georg Simmel 1895. Die Hip-Hop-Stars von heute stehen ganz in dieser Tradition.

Kommentare

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"Anders als die Punk-Bewegung verlor die einstige Subkultur aller Kommerzialisierung zum Trotz nicht an Glaubwürdigkeit "

Eine unbelegte Behauptung. Zumal im letzten Absatz des Artikels genau das Gegenteil dargestellt wird: Gerade die vielen Rapper, die durch eine massive Kommerzialisierung und Kapitalisierung steinreich geworden sind, haben doch mit ihrer früheren Nachbarschaft und ihrem Milieu nichts mehr zu tun. Als ob Will Smith, Jay-Z, Beyonce, Eminem oder Dre noch irgendwas mit ihrem früheren Leben zu tun hätten. Das ist alles auch nicht unbedingt verwerflich, aber als Kontrastfolie zu Punk etwas lächerlich. Sicher, auch Punk wurde massivst kommerzialisiert, aber ich behaupte, dass es weniger Punker gibt, die heute den selben Status genießen wie ein P.Diddy oder (früher) 50 Cent (bevor er pleite ging).
Punk war/ist mMn. immer schon gegen das Establishment und die mainstream Gesellschaft gerichtet und zwar so, dass es gerade nicht um sozialen Aufstieg und Kommerz geht. Hip Hop ist eigentlich absolut mit dem herrschenden kapitalistischen System, kämpft um Akzeptanz und sozialen Aufstieg zu den Konditionen der Gesellschaft. Gegensätzlicher könnten die Kulturen doch kaum sein! Hier dem Punk mangelnde Autentizität vorzuwerfen ist da schon etwas albern. Zwar bleibt auch Hip Hop als Underdog-I-have-a-dream Musik sich selbst treu, da gerade das Prollige kultiviert wird, aber der aufgeworfene Gegenhorizont trägt hier mMn. nicht.

Rieseneinlauf
#3  —  13. Oktober 2015, 18:59 Uhr

Hm müßig auf jeden einzelnen Punkt einzugehen. Nur eins: wenn ihr einen Artikel über hiphop und Mode veröffentlicht, dann lasst es doch bitte von jemandem machen der sich auskennt oder gut recherchiert. Da steht so viel Quatsch drin, das man sich schon fragen muss ob der Autor je mit hiphop in Berührung kam. Teil der hiphop Kultur war er/sie zumindest nie. Schwach!