Schuhe : Wir sind das Fußvolk

Slipper, Highheels oder Sneakers: Wie kaum ein anderes Kleidungsstück prägen Schuhe das Bild des Trägers. Status, Haltung, Vorlieben – alles lässt sich an ihnen ablesen. Von

Spätestens jetzt, da der Herbst sich eher winterlich aufführt, ist es an der Zeit, sich Gedanken über das passende Schuhwerk zu machen. Normaler Reflex wäre, zu etwas Wasserabweisendem, eventuell sogar Gefüttertem zu greifen. Nur: Goretex reicht nicht allein, ein bisschen Stylecat muss man schon sein. Wer sich auch nur halbwegs ernsthaft für Mode interessiert, kommt momentan nicht an dem mit Känguruhaar gefütterten Lederslipper von Gucci vorbei.

Klassik plus Känguru: Der Gucci-Slipper ist der Schuh der Saison. © PR

Der Schuh, das sieht man beim ersten Hinsehen, ist ein Schmarrn. Im Grunde der klassische Gucci-Halbschuh in Pantolettenform und komplett mit zu langem Känguruhaar gefüttert. Natürlich kann man den Slipper, das gehört sich so, nur ohne Socken tragen. Alles andere wäre ein Affront für die Kängurus. Wer damit in diesen Tagen vor die Tür geht, verpasst seinen Füßen eine Art herbstliche Cabriofahrt.

Was jedoch nicht abzuschrecken scheint. Britische Medien berichteten schon etwas hastig, dass die 800-Euro-Slipper, die es auch in der Variante Pumps und Clogs zu kaufen gibt, bereits vielerorts vergriffen und die Warteschlangen lang seien. Vielleicht ist dieser Schuh der richtige Ausgangspunkt dafür, sich zu fragen, wie solche Fußmoden entstehen, und was die hohe Nachfrage womöglich über Träger, Trends und Gesellschaft aussagt?

Mit einem Paar gut gewählter Schuhe konnte man sich schon immer aus der Masse abheben. Wie weit modische Vorlieben historisch zurückreichen, zeigt aktuell auch eine Ausstellung im Londoner Victoria & Albert Museum. Mit mehr als 200 Exponaten vom antiken China bis zu heutigen Premieren auf dem roten Teppich dokumentiert "Shoes: Pleasure and Pain", welchen besonderen Stellenwert Schuhe in der menschlichen Psyche einnehmen.

Transformation, Status und Verführung – in diese drei Bereiche sind die einzelnen Paare sortiert. Geht man durch die Räume, merkt man schnell, dass die Begriffe an vielen Stellen kaum trennbar sind. Es mag ein paar rein praktische Ausnahmen geben – wie etwa Gummistiefel bei Regen – aber eine größere Ausdruckspalette als in der Schuhmode findet man kaum sonst irgendwo. Darunter können sich natürlich auch falsche Versprechen mischen, wie in Aschenputtels Fall: Ihre Geschichte will uns nicht nur weismachen, dass ein einziges Paar Schuhe ausreicht, um durch ihre veränderte Erscheinung ("Transformation") gesellschaftlich aufzusteigen ("Status"). Die Story suggeriert sogar, dass ein Schuh ein ganzes Leben verändern kann, indem er Aschenputtel dabei hilft, die Liebe zu finden ("Verführung").

Wie schwierig das außerhalb einer Märchenwelt sein kann, lehrten Ende der 1990er vier Frauen aus New York: Sex and the City ist insofern aufschlussreich für das Phänomen Schuh, weil sich durch die Serie gleich mehrere Dinge ereigneten: Die modebesessenen New Yorkerinnen sorgten mit ihrer Vorliebe für teures Schuhwerk zum einen dafür, dass der damals etwas angestaubte Designer Manolo Blahnik plötzlich in die Riege von Künstlern aufstieg, die mit einem Vornamen auskommen: Elvis, Madonna, Manolo  – jeder weiß, wer gemeint ist. 

Auf der anderen Seite machten die mannstollen Protagonistinnen auch klar, dass ein teurer Schuh verlässlicheres Glück verheißen kann als so mancher Hallodri, den sie in fast hundert Folgen vom New Yorker Singlemarkt auflasen. Unter den Schuhen in der Ausstellung befindet sich auch jenes Paar Manolo Blahniks, über die Hauptdarstellerin Carrie Bradshaw sagt: "I thought these were an urban shoe myth."

Durch die Serie kam die Durchschnittszuschauerin auf ungeahnte Weise mit High Fashion in Kontakt. Was wiederum die Halbwahrheit befeuerte, dass man mit einem teuren Schuh gleichzeitig einen glamourösen Lebensstil erwirbt. In einer Videosequenz in der Ausstellung spricht Blahnik dann selbst davon, dass es wichtig sei, sich selbst zu kennen und Schuhe als Projektionsfläche dieser Fantasie zu nutzen.

Obwohl sie für Frauen mehr Spielarten bereithalten, sind Schuhe aber auch ein männliches Thema. Nicht unweit von den High Heels aus Sex and the City finden sich beispielsweise David Beckhams Hightech-Stollenschuhe aus der Saison 2000/01, bedruckt mit dem Namen seines Sohnes Brooklyn. In der Gegenüberstellung wird noch einmal deutlich, wie sehr Marketingstrategen den Schuh als transformatives Versprechen nicht nur gutverdienenden New Yorkerinnen andrehen, sondern auch Jugendlichen, die ihren Sportidolen nacheifern. Der Fetisch Sneaker-Sammeln wird sogar noch einmal gesondert behandelt in der Ausstellung.

Neben den popkulturellen Gegenwartsbeispielen finden sich auch jede Menge historische Exponate – Sandalen auf dem alten Ägypten, Militärstiefel aus Versailles, hohe Hacken aus der Qing-Dynastie. Vor allem bei den älteren Stücken schwingt immer auch deren Bedeutung mit: Je verschnörkelter und unpraktischer die Schuhe, desto wichtiger der Träger. Die bloße Pose wird zur Ausdrucksform: Mit verdrehten, verschnörkelten, delikaten Designs an den Füßen kann man eben nicht auf einem Acker Krieg führen oder in der Wüste eine Pyramide bauen. Was ebenfalls auffällt: Es gibt praktisch nichts, was es nicht schon einmal gegeben hat. Selbst Lady Gagas Schnitzelschuh wird sich ein findiger Neandertaler in ähnlicher Form schon mal um die Knöchel gewickelt haben.

Und so hat natürlich auch nicht Gucci den Fellslipper erfunden. Aber manchmal funktionieren Schuhe am besten, wenn man sie nicht enträtselt.


"Shoes: Pleasure and Pain", Victoria & Albert Museum, London. Die Ausstellung läuft bis 31. Januar 2016.

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