© LavkaLavka

Russland: Wurzeln des Glücks

Junge Russen machen aus der Not ihres Landes eine Tugend: Sie fertigen heimische Produkte zu guten Preisen. Die Start-up-Szene setzt auf Design, Qualität und Transparenz. Von , Moskau

Die jungen Russen nehmen die Sache jetzt selbst in die Hand. Auch Boris Akimow hätte sich nie träumen lassen, dass er irgendwann einmal zum Anführer und Ideologen der russischen Ökobauernszene wird. Früher arbeitete Akimow als Journalist, jetzt gehört er zu den Gründern einer jungen Start-up-Szene in Moskau. Wenn man den Mann mit dem herrschaftlichen Vollbart fragt, was ihn bewogen hat, sein Leben derart zu ändern, dann sagt er: "Wir wollten einfach nur gut essen."

LavkaLavka heißt die Ökokooperative, die Akimow 2009 mitgegründet hat und die in wenigen Jahren auf eine Gemeinschaft von 150 Bauern gewachsen ist. Lawka bedeutet im Russischen so viel wie kleiner Laden, auf diesem bescheidenen Namen fußt aber mittlerweile ein großer Erfolg: Die Kooperative betreibt fünf der bekanntesten Bioläden Moskaus, einen Lieferdienst und ein Restaurant auf einer der teuren Straßen der russischen Hauptstadt. Dort wird den Gästen Hirschherz, Entenbrust oder Wachtel serviert, sowie Fleisch aus der Region von Bauern, deren Name im Menü steht. Und auch die Tomaten und der Käse in seinen Lebensmittelläden haben einen Namen. Das kostet natürlich, etwa drei- bis viermal so viel wie im Supermarkt. "Wir rechtfertigen unsere hohen Preise mit Transparenz, und vor allem durch Geschmack," sagt Boris Akimow, "unser eigentliches Ziel ist es aber, die Bauern zu fördern".

Fast achtzig Prozent der Lawka-Bauern sind ehemalige Großstädter, die ihre Jobs als Juristen oder Finanzexperten aufgegeben haben, um Landwirte zu werden. "Natürlich gibt es diesen Trend überall", sagt Akimow. "Bei uns hat er aber eine andere Bedeutung. Weil die UdSSR auf riesige Landbetriebe gesetzt hat, müssen wir mit dem Aufbau unserer Strukturen fast ganz bei null anfangen."

Wow, in Russland gibt es auch coole Sachen!
Russische Kundschaft

Der rasante Wirtschaftsboom gegen Ende der nuller Jahr bescherte Moskau eine Menge Luxusboutiquen und Edelrestaurants mit Delikatessen aus aller Welt. Doch eine Gans vom Bauern nebenan gab es nirgends zu kaufen. Akimow suchte kleine Betriebe im Umkreis der Hauptstadt, kaufte dort ein und bloggte darüber. Seinen ersten Laden eröffnete er in einer alten Gasfabrik zwischen Clubs, Bars und Galerien, damals der Hotspot für Moskaus junge Hipster. Heute ist der Laden umgezogen und die alte Gasfabrik zu einem modernen Geschäftsviertel mutiert. Szenen einer Großstadt eben.

Und dennoch sind Akimow und seine Lawka-Bauern die Vorboten eines eigentümlichen Trends, der in Russland immer deutlichere Züge annimmt. Weil die Öleinnahmen des Landes eingebrochen sind, können sich die Russen immer weniger die gewohnten Waren aus dem Westen leisten. Deshalb und weil sich das Land nach der Krim-Annexion endgültig mit dem Westen überworfen hat, streben die Machthaber nun nach wirtschaftlicher Autarkie – ohne dabei aber maßgebliche Erfolge vorweisen zu können.

Gleichzeitig entsteht im Land, ganz ohne staatliche Hilfe, eine junge Gründerszene, die sich die Not zur Tugend macht. Und das nicht nur in Sachen Gastronomie. Mittlerweile gibt es Manufakturen für Designermöbel, Fahrradbauer oder Modelabels, die "Heimat" oder "Sputnik" heißen. Sie wollen die von Importware dominierte Konsumwelt Russlands aufmischen. Ihre Produkte sind teurer als die Massenware von H&M oder Ikea und billiger als westliche Markenartikel. Aber sie treffen den Nerv der Zeit. Handgearbeitete Sachen, nostalgischer Schick und Understatement sind ähnlich wie in Deutschland auch in Russland wieder im Kommen. Doch während es sich in Europa eher um eine Art Rückbesinnung auf das traditionelle Handwerk handelt, müssen die Gründer in Russland ganze Branchen aus dem Nichts entstehen lassen.

Zu uns kommen ständig Leute, die ihren Job im Büro gegen einen Stelle als Zimmermann oder Schreiner tauschen wollen
Sergej Semjonow

Es sind Geschichten wie die des Werbegrafikers Wladimir Grigorjew: Der Petersburger hatte schon immer ein Faible für Schuhe und experimentierte mit eigenen Designs. Einen Hersteller dafür fand er allerdings nicht. Also engagierte er schließlich einen Schuster, kaufte buntes Leder und Kunststoff für die Sohlen. Heute, vier Jahre später, gehört ihm die Werkstatt Afourcustom in einer alten Petersburger Schuhfabrik, wo jeden Monat ein Dutzend Mitarbeiter etwa 200 Paar Laufschuhe, Brogues oder Chelsea-Boots näht, die anschließend über einen Onlineshop für 100 bis 150 Euro verkauft werden.

Seine Schuhe könnten aus England oder Spanien stammen, die neuen Gründer und ihre Kunden gehören zu einer jungen, aufgeklärten Schicht in Russland, die sich ganz selbstverständlich als Teil der globalisierten Welt betrachtet. Viele sind kaum älter als dreißig und würden weder in einem Café in Berlin-Kreuzberg noch in einer Bar im New Yorker Stadtteil Williamsburg besonders auffallen. Sie lieben hochwertige Produkte, die mit Stil und Qualität gefertigt wurden. Früher stammten diese meist aus dem Westen, heute eben aus der Heimat. Was alle neben der Leidenschaft für das exquisit Handgemachte eint, ist auch der Wunsch, ihr Land im Kleinen zu verändern, es für sich lebenswerter zu machen. Und wie auch in der europäischen Trendgesellschaft möchte man sich von jener Generation der Nullerjahre abgrenzen, die sich ausschließlich über den Konsum definierte.

In der Werkstatt von Fineobjects werden Tische, Stühle, Kommoden und Hocker gefertigt. © Fineobjects

Für viele der Macher begann der Weg zum eigenen Geschäft mit Hindernissen. Sergej Semjonow zum Beispiel hätte sehr gern weiterhin als Designer gearbeitet. Doch nachdem in der Krise 2009 sein altes Magazin pleiteging, musste er sein Hobby, das Entwerfen von Möbeln, zum Beruf machen. Deshalb fing er irgendwann an, Möbeln zu entwerfen. "Wir sind mit unseren Zeichnungen zu den Herstellern gegangen, doch keiner konnte sie umsetzen. Entweder waren die Aufträge zu kompliziert oder nicht groß genug. Also mussten wir die Fertigung gezwungenermaßen selbst übernehmen", erklärt Semjonow. Allein in Moskau gibt es ungemein viele kleine Ateliers, die ihre eigenen Designstücke an die noch immer wohlhabende Mittelschicht bringen wollen.

Semjonows Werkstatt Fineobjects befindet sich in einer ehemaligen Wodkafabrik am Rande des Stadtzentrums von Moskau. Hier sägen, hämmern, fräsen etwa zehn Leute an Kommoden, Tischen und Hockern. Semjonow ist stolz, dass er seine Möbel in Russland produziert. Wegen der verschachtelten Bürokratie und des miesen Investmentklimas in Russland verleiht ein solcher Schritt den Unternehmern immer einen Hauch von Heldentum. "Anfangs wollte keiner glauben, dass unsere Möbel aus Russland kommen", sagt der Designer. Aber nun habe sich das Image von "Made in Russia" gewandelt. Jetzt sagen Kunden: "Wow, in Russland gibt es auch coole Sachen!"

Die Brillen von Brevno sind "Made in Siberia". © Brevno

Bis vor Kurzem legten Firmen ungeheuren Wert darauf, ihre russischen Wurzeln zu verstecken, heute führen viele neue Manufakturen "Made in Russia" im Schriftzug oder taggen so ihre Produkte auf Instagram. Auch das Image von handwerklicher Arbeit beginnt, sich langsam zu wandeln. "Zu uns kommen ständig Leute, die ihren Job im Büro gegen einen Stelle als Zimmermann oder Schreiner tauschen wollen", sagt Semjonow.

Noch vor knapp zehn Jahren träumten die Jungen in den russischen Großstädten von einem Job im unteren Management. Damals stiegen die Gehälter von Jahr zu Jahr und ermöglichten den Aufsteigern einen nahezu westeuropäischen Lebensstil. Mit Beginn der Wirtschaftskrise im Jahr 2009 war dies abrupt vorbei. Unter den gebildeten Städtern reifte seither eine Unzufriedenheit, die sich unter anderem auch bei den großen Anti-Putin-Protesten 2011 zeigte. Zu diesem Zeitpunkt interessierten sich viele bereits gar nicht mehr für die Politik ihres Landes, das stillstand. Das Gefühl aber, mit seinem eigenen Leben in einer Sackgasse zu stecken, konnten sie nicht länger ignorieren. 

Aus dieser Gruppe der unzufriedenen Schreibtischarbeiter schöpft die Gründerszene bis heute die meisten Überläufer. Zwei von ihnen sind Fjodor Smirnow, der einst bei einer Firma für Werbegeschenke arbeitete, und sein Freund und Architekt Artjom Korowin aus Krasnojarsk, vier Flugstunden östlich von Moskau. Smirnow sitzt im oberen Teil eines kleinen Lofts in der sibirischen Millionenstadt, während unten Mitarbeiter an Sonnenbrillen feilen. Hier oben träumt er davon, dass sibirisches Design irgendwann genauso bekannt ist wie skandinavisches. "Noch sind wir Pioniere auf dem Gebiet", sagt er und lacht, als wolle er sich damit Mut machen. Ihn hatte es schon lange geärgert, dass Sibirien selbst in Russland immer noch als Synonym für tiefste Provinz galt. Und einen Ort voller ehemaliger Gulags. Dieser Ärger motivierte ihn, endlich mal ein cooles Produkt aus Sibirien zu lancieren, Sonnenbrillen mit hölzernem Gestell. Sonnenbrillen und Sibirien? "Ja, die braucht man hier im Sommer, und auch im Winter wegen des Schnees", sagt Smirnow.

Die Modelle heißen "Birkchen" oder "Weite" – Begriffe, die man mit Sibirien verbindet © Brevno

Er und sein Kompagnon investierten ihre Ersparnisse in eine Laseranlage und gründeten die Firma Brevno, das bedeutet auf Russich Baumstamm. Heute steht auf ihren Brillenbügeln "Made in Siberia", die Modelle heißen "Birkchen" oder "Weite", und natürlich entstehen vor dem inneren Auge sofort Bilder von Tundra und Taiga, Torfmooren und Wäldern. Smirnow profitiert nun als Geschäftsmann von seinem Wissen aus der Werbebranche, er will den Produktionsstandort für das Marketing nutzen. Sibirien stehe für Echtheit, sagt er, vor allem wenn es um den Werkstoff Holz geht. Etwa 500 Gestelle schafft seine Werkstatt derzeit im Monat. Eine Ladung davon hat seine Firma kürzlich im deutschen Designer-Shop Monoqi für etwa 100 Euro pro Brille verkauft.

Ähnlich wie Smirnow versucht auch Boris Akimow, der Gründer der Ökokooperative, sein Glück in der Expansion. Zurzeit arbeitet LavkaLavka daran, an einen großen Bauernmarkt im Moskauer Umland auf die Beine zu stellen, eine Art Hub für Ökoprodukte. "Wir sind kein kleiner Familienbetrieb mehr und dürfen in unserem Wachstum nicht stehen bleiben", sagt er. Sein größter Traum, und das ist vielleicht auch die Ironie von erfolgreicher Markwirtschaft, ist ein eigener kleiner Bauernhof, auf dem er später irgendwann mal leben will.

Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Schön, in der Zeit auch einmal einen positiven Bericht über Russland zu lesen. Sieht ganz so aus, wie wenn die Sanktionen tatsächlich auch ihre positiven Seiten für die Russen haben.

Und Putin hat ja in seiner Rede an das Volk im letzten Dezember gesagt, dass er es als ein wichtiges Ziel sieht, dass Russland der grösste Exporteur für hochqualitative Bioprodukte wird. Sieht so aus, wie wenn es da junge Russen gibt die bereits auf diese Linie arbeiten. Ich wünsche ihnen auf jeden Fall viel Glück dabei.

Ich störe mich an dem Begriff "Genfood". Was genau ist Genfood? In jedem organischen Nahrungsmittel sind Gene enthalten. Sie meinen sicherlich "Gen-manipuliert"?
Da frage ich Sie dann aber auch, was daran so verkehrt ist?
Schließlich hat die Züchtung auch nichts anderes im Sinn als Gene zu verändern?
Nur dass es bei der Züchtung ungezielter ist.

Ich habe lieber resistentes gentechnisch verändertes Gemüse auf dem Tisch, als nicht resistentes Gemüse, dass mit zahlreiche Chemikalien und Düngemitteln bespritzt wurde.