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Berlin Fashion Week Bloß kein Rentnerbeige

Eine Woche lang feierte Berlin die Mode und sich selbst. Mittendrin haben wir Ursula Lüth-Burkhardt getroffen. Sie ist 76 Jahre alt und macht das alles zum ersten Mal. Von

Nächstes Jahr feiert sie Jubiläum: zehn Jahre lang ein neues Leben. Im Juli wird Ursula Lüth-Burkhardt 77 Jahre alt. Nach dem Tod ihres Lebensgefährten zog sie zu ihren beiden Töchtern nach Berlin, jedoch nicht in dieselbe Wohnung, sondern nach Mitte. Die Lehrerin für Französisch und Geschichte arbeitete nach ihrer Pensionierung weiter, nach der Berlin-Idee noch ein Jahr lang, um Geld für den Umzug zu verdienen. Im Internet fand sie eine Wohnung, ihre Tochter schickte sie zur Wohnungsbesichtigung. Dort in Berlin-Mitte lebt sie seitdem.

"Nur mit Gleichaltrigen zu leben, könnte ich mir nicht vorstellen", sagt Frau Lüth-Burkhardt. In Mitte ist auch Fashion Week. Die hat sie noch nie besucht, zweimal ist sie aus Versehen hineingestolpert. "Letzten Winter, es war sehr kalt, da fragte mich eine Dame, ob sie mich fotografieren dürfe, wegen meines Mantels, glaube ich", sagte sie. Die diesjährige Fashion Week wird ihre erste sein. 

Frau Lüth-Burkhardt fotografiert analog und mit Blitz. © Elisabeth Rank für ZEIT ONLINE

Mit einem Tonic in der Hand steht Frau Lüth-Burkhardt vor dem Marmorsaal im Palais am Festungsgraben, aus der Flasche trinkt sie nicht so gern, deswegen mit Strohhalm. Sie ist klein und schmal, trägt einen blonden Bob, ein schwarzes langes Kleid, den dazugehörigen schwarzen Mantel über dem Arm. Michael Sontag stellt hier seine aktuelle Kollektion Défilée vor. Auf dem Boden liegen rosafarbene Blütenblätter, eine Drogerie-Kosmetikmarke ist Sponsor und hat eine Fotowand aufgestellt. Die Models schwirren hin und her, noch ist kein offizieller Einlass. Die Bierbänke sind bereits aufgestellt. Unsere Plätze sind in der Front Row, Frau Lüth-Burkhardt ist verblüfft: "Wir?" 

Der Designer Michael Sontag huscht durch die Gänge, Fotografen machen Probeaufnahmen. Frau Lüth-Burkhardt hat auch eine Kamera mitgebracht, klein und analog. Das Klapphandy schaltet sie aus, "sicher ist sicher". Sie fotografiert die noch leeren Bänke unter dem riesigen Kronleuchter mit Blitz. Eine zierliche junge Frau ganz in Schwarz läuft aufrecht an ihr vorbei, der schaut sie hinterher: "Da ist alles stimmig: Der Haarschnitt ist streng, der Anzug klar, das Gesicht ist hübsch. Sonst ist hier niemand, bei dem ich sagen würde: Den finde ich faszinierend." 

Gäste im Palais am Festungsgraben © Elisabeth Rank für ZEIT ONLINE

Die Tochter sagte damals, Mitte sei keine Gegend für ihre Mutter, da würden nur junge Leute leben. Zwischen denen steht sie jetzt und lacht: "Aber ich habe das nie bereut." Seit acht Jahren besucht sie Vorlesungen der theologischen Fakultät an der Humboldt-Universität, sie drehte Filme mit Quentin Tarantino, Roland Emmerich und Tom Tykwer. Nicht in der Hauptrolle, sondern als Komparsin. Für die Familie sei es gut, dass sie noch ein eigenes Leben habe: "Sonst würde ich ja immer fragen: Wann kommt ihr mich denn besuchen, was macht ihr denn mit mir, kann ich zu euch kommen? Nein, nein." 

Ihre Begeisterung für Mode begann sehr früh. "Meine Mutter war Ästhetin", sagt sie. Gemeinsam seien sie einkaufen gegangen bei Brenninkmeijer, der C&A-Familie, bunte Kleider, wenn es ging. "Ich bin immer aufgefallen." Als trendbewusst oder modisch würde sie sich selbst jedoch nie bezeichnen. "Ich wähle meine Kleidung am Wochenende für die kommende Woche aus. Da überlege ich, was ich anziehen könnte und wechsle auch nicht jeden Tag." Sie kauft viel secondhand, auf dem Flohmarkt am Arkonaplatz habe sie eine Bekannte, eine Ausstatterin, "die legt häufig Teile für mich zurück, die wurden nur einmal in Hollywood getragen". 

Frau Lüth-Burkhardt in der ersten Reihe bei Michael Sontag © Elisabeth Rank für ZEIT ONLINE

Die Reihen füllen sich, Frau Lüth-Burkhardt inspiziert den Inhalt ihrer Goodie Bag, dem obligatorischen Mitbringsel von allen Shows, heute gibt es Schminke in einem vom Designer entworfenen Stoffbeutel. Rouge, Lidschatten, Lippenstift, Mascara passend zur Kollektion, sagt das Kärtchen. Wohin mit dem Getränk? Ach, unter die Bank. Ihr Sitznachbar beschwert sich, ihm sei der Beutel geklaut worden, das gehe ja gar nicht. Welche Mode sie an Männern gern habe? "Sakko finde ich ganz schön, aber mit Schlips muss nicht sein. Früher mochte ich Fliege sehr gern, die ist nicht so steif. Diesen Dutt bei Männern, den finde ich ja ganz gut", sagt sie. In Berlin-Mitte mag man den Man Bun, das scheint keine Frage des Alters zu sein. "Ach, diese Frisur hat sogar einen Namen? Soso."

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

...ein wenig neidvoll blicke ich gen Berlin!

Wie spannend, beeindruckend - wäre ich gerne dabei. Früher die Modewoche in München, später in Düsseldorf jahrelang miterlebt, kann ich die melierte Dame sehr, sehr gut verstehen.... Und ich bin begeistert von ihr erfahren zu haben. Es gibt sie also, mehrfach möchte ich rufen, die Senioren, die zeitlos über Generationen hinweg lebhaft am Leben teilhaben.

Mit sonnigen Grüßen aus Augsburg

Der lange Weg zur Gleichberechtigung

"Auf die Frage, was es eigentlich mit dem Rentnerbeige auf sich hat, sagt sie: "Ich glaube, diese älteren Leute tun alles, um nicht aufzufallen. Es ist ja so, dass man als Frau mit 50 nicht mehr Frau zu sein hat, sondern seine Weiblichkeit abgibt. Ich möchte das nicht."

Älteren Frauen sexuelle Attraktivität abzusprechen ist symptomatisch für das Patriarchat. Der Koransure 24, Vers 60 kann man entnehmen: "Und für diejenigen unter den Frauen, die sich zur Ruhe gesetzt haben und nicht mehr zu heiraten hoffen, ist es keine Sünde, wenn sie ihre Gewänder ablegen, ohne jedoch ihren Schmuck zur Schau zu stellen. ..."

Zu deutsch: Ältere Frauen brauchen sich nicht mehr zu vermummen, weil sie sexuell unattraktiv geworden sind und deshalb nicht mehr belästigt werden, was sich wiederum günstig auf ihre Ehrbarkeit auswirkt. Um als ehrbar erkannt und nicht von den notorisch geilen Männern belästigt zu werden, sollen Frauen sich schließlich verhüllen (Suren 24, 31 und 33, 59). Schon Mustafa Kemal Atatürk wusste, dass das in einer zivilisierten Gesellschaft überflüssig ist. Die siedelt die Ehre eines Menschen nicht in Rektumnähe an, und ihre Mitglieder können sich auch angesichts unverhüllter Kinder (!) und Frauen unter Fünfzig beherrschen.

Eine Gesellschaft darf sich erst dann zivilisiert nennen, wenn sie nicht mehr mit zweierlei Maß misst. Ich bin dankbar, dass es Menschen wie Ursula Lüth-Burkhardt gibt, die gegen die Unlogik aufbegehren.