Anzug: Die Silhouette des Rebellen

Der perfekte Anzug muss sitzen. Erst dann trägt ihn der Mann, und nicht andersherum. Aber wie findet man den richtigen für die nächsten zehn Jahre? Von
Aus der Serie: Jacke wie Hose

Mit dem Anzug ist es bei einem Mann ja ein bisschen so wie mit dem Sex. Ein Leben lang sehnt man sich nach dem Gefühl zurück, das einem der erste beschert hat. Nur dass man beim Anzug viel später noch nachprüfen kann, wie er denn wirklich war, der erste: nicht so richtig geil.

Da steht man dann vor dem Spiegel und rechnet zunächst kurz nach, wie viel Zeit vergangen ist seit dem Abiball, für den man wie so viele andere Jungen seinen ersten Anzug bekommen hat. Immerhin passt man noch hinein, doch wirklich schwer ist das im Falle dieses power suit auch gar nicht: Die Hose ist so weit, dass darin Platz für zwei Beinpaare wäre, der Sakkostoff fließt fast bis zur Mitte der Oberschenkel, und die Schultern sind so breit, dass man vorwärts kaum durch eine Tür passt. Verrückt, was im Jahr 1990 als modisch galt.

Immerhin ist der Anzug von Armani, gekauft in Mailand, denn irgendwie hatte ich meine Eltern damals von der Idee überzeugen können, für den ersten Anzug müsse ich ins Zentrum der italienischen Mode reisen. Mein Vater hatte dafür vollstes Verständnis, er war als junger Mann in den sechziger Jahren mal mit 800 Mark in der Tasche nach Düsseldorf gefahren, um einen Sommerurlaub zu buchen. Stattdessen kam er mit einem neuen Anzug nach Hause. Auf dem Weg zum Reisebüro hatte dummerweise der feinste Herrenausstatter am Platz sein Geschäft. Mein Vater wusste, dass er am Anzug länger Freude haben würde als am Meeresblick, und dass der Anzug ihm außerdem ein bestimmtes Gefühl geben konnte: das dazuzugehören, zur Welt der erwachsenen Männer.

Nur weil wir lockerer gekleidet durch die Welt schreiten, ist diese ja nicht besser geworden.

Heutzutage, sagt der amerikanische Designer Thom Browne, sei es eine rebellische Geste, Anzug zu tragen. Weil sich weltweit die Idee des casual bei Männern durchgesetzt habe. Jeans oder Chino ist da schon die komplizierteste Hosenfrage. Tatsächlich ist der Anzug mittlerweile zu einem Outfit geworden, das fast nur noch aus beruflichen Gründen angezogen wird oder zu eher unlässigen Anlässen wie Hochzeiten und Beerdigungen. Ursprünglich mag mal eine Selbstbefreiungsgeste darin gelegen haben, dass sich Männer zunächst von der Krawatte und bald vom ganzen Anzug verabschiedeten. Die buchstäbliche Zwanglosigkeit der heutigen Bekleidungsgewohnheiten spiegelt aber nur eine scheinbare gesellschaftliche Veränderung wider: Nur weil wir lockerer gekleidet durch die Welt schreiten, ist diese ja nicht besser geworden. Der Anzug als Negativsymbol für männliche Macht, überhaupt für überkommene Werte, Normen, Konventionen war ein viel zu schönes Bauernopfer. Sehen wir Männer heute besser aus? Nein, tun wir nicht.

Durch seinen Bedeutungsverlust ist der Anzug mittlerweile von den Zuschreibungen befreit, die ihn mal verdächtig machten. Man kann ihn nun einfach so tragen, er bedeutet nichts mehr wirklich. Zugleich ist jeglicher Furor erlahmt, mit dem Modemacher ihn einst dekonstruierten: Die Grundsilhouette der gängigen Anzugmodelle hat sich seit 20 Jahren kaum verändert, nur wie schmal und körpernah der Anzug ist, variiert seither. Wenn es eine Revolution in der Männermode gegeben hat, dann die der Stoffe. Immer neue Materialmischungen wurden entwickelt, die vor allem die Dehnbarkeit der Textilien und deren Strapazierfähigkeit verbessert haben. Deshalb sind heute selbst äußerst schmal geschnittene Anzüge so bequem und knitterfrei zu tragen.

Nur haben Mischgewebe auch Nachteile gegenüber reiner Wolle, aus der ein Anzug eigentlich gemacht sein sollte. Ein Elastan-Anteil von drei oder vier Prozent macht den Stoff zwar dehnbarer, aber auch weniger durchlässig für Körperabwärme und Schweiß. Kommen dann noch 15 oder gar mehr Prozent Polyester zum Wollanteil dazu und womöglich ein Innenfutter aus kaum wasserdurchlässigem Acetat statt Viskose oder Cupro, hat man sich als Mann statt eines Anzugs eine mobile Sauna gekauft. Die im Zweifel dann auch noch elektrostatisch knistert bei jeder Bewegung. Zudem sieht sie stumpft und künstlich aus.

Es gibt wenig Traurigeres als Männer in Anzügen, die für einen Körper gekauft wurden, den die Männer gern besäßen.

Diese Sorte 400-Euro-Anzug wird gern von jungen Männern getragen, die kurz vor der Beförderung zum Teamleiter stehen, zusammen mit merkwürdig mattschwarzen Schnürschuhen, die ebenso merkwürdig kantenhaft gerade Spitzen haben. Geschäftsreisend auf innerdeutschen Flügen gehen sie auf ihren Laptops noch mal schnell die Powerpoint-Präsentation für den Kundentermin durch. Man selbst sitzt daneben und möchte ihnen zuflüstern: Hättest du dir statt zwei dieser billigen Anzüge fürs gleiche Geld nur einen guten geleistet, würdest du jetzt nicht in Schweiß ausbrechen. Und deine potenziellen Kunden würden sich später auch nicht fragen, ob die Produkte deines Arbeitgebers womöglich ähnlich mittelmäßig sind wie der äußere Anschein seiner männlichen Angestellten.

Komponist Miika Hyytiäinen in einem Anzug von Herr von Eden

Ein Anzug aus schlechtem Material ist irre unnötig. Edelstofffabrikanten wie etwa Zegna (die nicht nur die eigene Marke, sondern auch viele Designhäuser beliefern, stets erkennbar am Etikett im Sakko), Dormeuil oder Holland & Sherry haben die Verarbeitung von reiner Schurwolle ebenso wie von Wollmischgeweben etwa mit Kaschmiranteil so weit modernisiert, dass Anzüge aus diesen Materialien nicht nur fantastisch fallen und sich wundervoll weich anfühlen, sondern auch bedeutend unempfindlicher geworden sind gegen Schmutz, Witterungsbedingungen, Verknittern und Abnutzung.

Der höhere Preis eines solchen Anzugs rechtfertigt sich schon mit seinem womöglich größten Vorteil: Mit einem gut geschnittenen Anzug kann man als Mann körperliche Defizite perfekt kaschieren. Je nachdem, wie es zum Beispiel um die eigene Körpermitte und deren Hinterseite so bestellt ist, wählt man die Weite und Länge des Sakkos so, dass etwa der Po bedeckt bleibt. Das, was sich so an der Seite über den Gürtel wölbt, kann ebenfalls von einer eher weiten (aber nicht zu weiten) Silhouette weggeschmeichelt werden.

Entenarsch bleibt Entenarsch.

Eine Hose mit einem vergleichsweise hohen Bund, die ohne Sakko getragen leicht etwas onkelig wirken würde, macht optisch ein längeres, schlankeres Bein als jenes, das man morgens im Badezimmerspiegel sieht, wenn man sich mal genau von oben bis unten betrachtet. Das muss man halt, so schmerzhaft der Anblick auch sein mag. Es gibt wenig Traurigeres als Männer in Anzügen, die für einen Körper gekauft wurden, den die Männer gern besäßen – aber leider noch nicht oder nicht mehr haben. Entenarsch bleibt Entenarsch. Doch in einer mittelweiten Anzughose schaut er nicht ganz so hoffnungslos aus. Man erkennt ihn eben nicht auf den ersten Blick.

Dann muss man nur noch die Sache mit der Anzugfarbe hinkriegen. Was Frauen bereits in der Jugend erklärt bekommen, wenn sie sich das erste Mal die Haare färben oder einen Nagellack kaufen, davon haben die meisten Männer noch nie gehört: Dass es erstens verschiedene Hauttypen gibt, zu denen zweitens jeweils verschiedene Töne am besten passen. Das brauchen die Männer nur deshalb nicht wissen, weil die üblichen Anzugfarben Dunkelblau und Dunkelgrau eine Ausnahme im Farbspektrum bilden. Die stehen jedem Mann.

Blau und Grau sind übrigens nicht langweilig, sondern vernünftig. Der Anzug soll ja ein paar Jahre halten. Wenn man großes Glück hat, passt man auch nach einem Vierteljahrhundert noch hinein. Und wenn man noch größeres Glück hat, dann hat sich bis dahin die Anzugmode weiterhin nicht so arg verändert, dass man beim Blick in den Spiegel immer noch feststellt: gar nicht so ungeil.


In der Liebe, im Job, in der Familie oder der Freizeit: In den vergangenen 20 Jahren hat sich vieles an dem Männerbild unserer Gesellschaft verändert. Das ZEITmagazin ONLINE widmet sich mit der Serie "Der neue Mann" den Problemen und Herausforderungen des modernen Mannes. Mehr lesen Sie hier.

Kommentare

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Sorry, aber es geht auch eine bis zwei Preisklassen unter Zegna in "schön", auch wenn es natürlich genial ist, einen Zegna-Anzug zu besitzen. Aber man bekommt auch für 400-500 Euro eine gute Schurwollqualität und je nach Figur einen vernünftigen Schnitt. Es ist einfach Blödsinn zu sagen, dass alles unter Premiumware nach armseligem Teamleiter-Anwärter aussieht. Gerade an jungen, schlanken Männern gehen Drykorn oder Tiger of Sweden bestens und die rangieren in der Preisklasse. Beleibtere Herren können problemlos zum Dressler, der so um die 600 bis 700 Euro liegt, greifen und sind damit sehr gut bedient. Mit sehr feinen Tuchqualitäten, wohl gemerkt.
Es gibt durchaus einen Mittelweg zwischen C&A-Polyesterware und Premium-Hochpreis-Anzug, der einen nicht wie einen armseligen Deppen aussehen lässt.
Zumal ein sehr hoher Preis nicht gleich einer zur Figur passenden Form ist. Unser junger Teamleiter würde, wenn er sehr schlank ist, im hochpreisigen Pal Zileri aussehen, als trüge er den Anzug seines Vaters.
Kurzum: Teuer gleich perfekt sitzend ist nur bei Massanzügen der Fall. Bei Konfektion kommt es hingegen darauf an, das richtige Modell zur richtigen Figur herauszusuchen.
Natürlich ist ein hochfeines Tuch im perfekten Schnitt eine geniale Sache und ich würde zu einem gut sitzenden Premiumanzug sicher nicht "nein" sagen.
Aber macht man sich lächerlich, wenn man einen passformmäßig gut ausgesuchten Boss, Dressler, Tiger oder Drykorn trägt? Im Allgemeinen: Nein!