Sonia Rykiel : Eine tadellose Selbsterfinderin

Mit ihren bunten Streifenpullovern und Strickkleidern hat Sonia Rykiel Modegeschichte geschrieben. Nun ist die Pariser Designerin im Alter von 86 Jahren gestorben. Von

Sonia Rykiel war ein lebendes Markenzeichen: feuerrote Haare, kohlschwarz umrahmte Augen und ein kastiger Ponyhaarschnitt. Eine genauso unverkennbare Silhouette wie die von Karl Lagerfeld. Und eine nicht minder starke Handschrift. Ihre bunt gestreiften Pullover kennen vermutlich selbst die größten Modelaien. Denn Sonia Rykiel hat den Strick auf den Laufsteg gebracht. Nun ist die Pariser Modeschöpferin im Alter von 86 Jahren gestorben, nach einem langen Kampf mit der Krankheit Parkinson.

"P de P" nannte sie ihre Krankheit, Putain de Parkinson (zu Deutsch: Scheiß-Parkinson), und versuchte sie so lange wie möglich zu ignorieren. Obwohl ihre Knie schmerzten, versteckte sie ihren Krückstock. Der sei nicht schick genug für ihre Garderobe. "Ich fürchte mich davor, ein anderes Bild abzugeben als das, was ich seit je her präsentiere," sagte Rykiel in einem Interview mit der französischen Zeitschrift Elle im Jahr 2012, als sie ihre Krankheit nach 15 Jahren Schweigen mit dem Buch N’oubliez pas que je joue bekannt machte. "Vor allem, weil ich mir immer geschworen habe, mich niemals gehen zu lassen. Niemals eine Großmutter zu werden (...) und nicht tadellos auszusehen."

Sonia Rykiel wuchs in einem bourgeoisen Milieu auf, ihr Vater war Uhrmacher, ihre Mutter eine Intellektuelle. In ihrer Familie sei Kleidung niemals Thema gewesen, sagte Rykiel. Man habe sich über Politik, Poesie, Literatur, Malerei, Bildhauerei, Theater und Antiquitäten unterhalten. Diese Einflüsse zeigten sich später nicht nur in ihrer Mode, sondern auch in den Settings, die sie für ihre Schauen wählte.

Ihr Ehemann Samuel Rykiel eröffnete Anfang der sechziger Jahre die Prêt-à-Porter-Boutique Laura – aber die Kollektionen gefielen seiner Frau nur mäßig. "Ich träumte davon, Kleider zu tragen, die mich von der Masse abheben, die zu sein, von der man sagt 'Oh, wie ist sie schön und intelligent!' Also habe ich darüber nachgedacht, ein paar Kleidungsstücke herstellen zu lassen, die mir gefallen."

Das Streben nach dem Ausdruck einer gewissen Haltung machte Sonia Rykiel in den sechziger Jahren zur Modeschöpferin wider Willen. Ihr eigentliches Ziel war es doch gewesen, nicht zu arbeiten und stattdessen zehn Kinder zu bekommen. Als sie mit erstem Sohn schwanger war, fand sie für sich keine passende Schwangerschaftsmode, die elegant und elastisch war, bequem und sie trotzdem nicht verhüllte. Rykiel wollte ihre Schwangerschaft inszenieren. Also wandte sie sich an eine Händlerin ihres Mannes, die sowieso mit einer Kollektion vorbeischaute. Sie einigten sich darauf, dass Rykiel einen Pullover für sich selbst entwerfen sollte. Sieben Mal gab die Designerin die fertigen Stücke jedoch zurück, weil sie mit deren Qualität nicht zufrieden war. 

Ihr erstes Stück wurde sofort ein Klassiker: ein kurzer, fein gestrickter und eng anliegender Pullover mit langen Ärmeln. Eine absolute Sensation, in einer Zeit, in der Pullover meist unförmig gestrickt und insofern eher Männersache waren. Der "Poor Boy Sweater", der Pullover für arme Jungs, wie ihn britische Moderedakteurinnen getauft hatten, verkaufte sich sehr gut. Die Schauspielerin Audrey Hepburn erwarb angeblich gleich mehrere Exemplare. Im Dezember 1963 war die 19-jährige Françoise Hardy in einem engen Streifenpullover von Sonia Rykiel auf dem Cover der französischen Elle zu sehen. Seitdem war Rykiel nicht mehr zu halten: Sie entwarf geknöpfte Pullover, Rollkragenpullover, Pulloverkleider, ließ bei Hosen und Tuniken den Saum weg oder machte die Nähte sichtbar. Déglingué nannte sie ihren Stil, unordentlich, ihre Entwürfe basierten immer auf ihrem eigenen Leben, ihren eigenen Ansprüchen, Wünschen und Bedürfnissen. Rykiel orientierte sich vor allem an sich selbst und traf damit den Geschmack der Masse. Die Nachfrage war so groß, dass ihre Entwürfe innerhalb weniger Jahre rund 60 Prozent von Lauras Gesamtumsatz ausmachten, dem Label ihres Mannes.

1968 beschloss Rykiel, ihre eigene Marke zu lancieren und eröffnet ihre erste Boutique in der Rue de Grenelle in Saint-Germain-des-Prés. Im April 1972 folgt der Ritterschlag: Die Modefachzeitung Women’s Wear Daily kürt sie zur "Königin des Stricks". Ein Prädikat, über das sich Rykiel Zeit ihres Lebens amüsiert. Sie könne ja nicht mal stricken, sagte sie.

In den achtziger Jahren entwickelt sie ihr eigentliches Markenzeichen: die bunten Ringelstreifen, mit denen sie ihre Kollektionen prägte. Gerade im eleganten Pariser Modeumfeld fiel die Designerin damit aus dem Rahmen. Ebenso mit applizierten Großbuchstaben, die aus ihrer Liebe für Bücher entstanden, und mit Strass und Spitze. Rykiel faszinierte nicht nur Andy Warhol, der auch einen Film über sie drehte und ein Bild von ihr anfertigte, sondern Designer auf der ganzen Welt. Viele davon widmeten ihr zum 40. Geburtstag der Marke eine Neuinterpretation der Rykiel-Klassiker.

1993 wurde bei Sonia Rykiel Parkinson diagnostiziert, die Krankheit hielt sie lange geheim. 1995 übergab sie das Unternehmenszepter an ihre Tochter Nathalie, die bis 2016 Vorsitzende des Hauses blieb.

Trotz all ihrer Erfolge blieb Rykiels Verhältnis zur Modebranche stets ambivalent. Man verbringe seine Zeit damit, Models an- und auszuziehen, einen Rock zu kürzen und ein Kleid von Nahem und von Weitem zu betrachten. Manchmal habe sie sich gefragt, was sie da eigentlich mache, nur Kleider zu verkaufen, sei doch ein bisschen idiotisch, fand sie. Deswegen war in den Vitrinen ihrer Geschäfte immer auch eine Reihe von Büchern zu finden.

Noch heute hat die große Boutique auf dem Boulevard Saint-Germain das Flair einer Buchhandlung, in der es nebenbei auch Kleider zu kaufen gibt. Die Puppen mit den Stücken stehen zwischen den Regalen wie Lesende, Kleiderständer rollen wie Garderoben zwischen den Bücherregalen herum, die bis zur Decke gehen – ganz wie es Sonia Rykiel gefallen hätte.