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Berlin Fashion Week : Warten? Was für eine Zumutung!

Das Konzept "See now, buy now" soll die Mode revolutionieren. Auf der Berlin Fashion Week erprobt Julia Leifert von der Marke Philomena Zanetti die neue Schnelllebigkeit. Von

"Es tut mir leid, hier sieht's etwas chaotisch aus", sagt Julia Leifert. Die Produktion der neuen Kollektion habe sich verzögert, deshalb gleiche ihr Studio gerade einer Lagerhalle. Leifert hat nicht mal mehr eine Woche bis sie die Kollektion ihres Labels Philomena Zanetti auf der Berlin Fashion Week präsentiert. Wenn nur die wenigen Kisten, die sich in dieser stressigsten Zeit des Modejahres in ihrem Atelier zwischen Stahlrohrregalen, Kleiderstangen und Schreibtisch stapeln, für sie Chaos bedeuten, muss Leiferts Ordnungsliebe groß sein.

Ihre Mode und ihr eigenes Styling bestätigen diese Vermutung: Leifert liebt es minimal, man könnte fast sagen aufgeräumt und trotzdem entspannt. Sie trägt eine helle Jeans, die auf der Wade endet, zwei Schichten Wollpullover und ein Paar weiße Stoffschuhe ohne Strümpfe. Eine schwarze runde Brille fungiert als Kontrast. Leifert präsentiert zum dritten Mal ihre Mode auf der Berlin Fashion Week. Die 34-Jährige hat sich bereits an die Aufregung gewöhnt. Dabei hat sie diese Saison einen neuen Grund, nervös zu sein: Sie bietet neben einem Dutzend anderer Labels ihre Entwürfe zum ersten Mal direkt nach der Show zum Verkauf an. In diesen wenigen Stunden wird sich zeigen, ob sie den Geschmack der Kunden getroffen hat oder nicht. Der Name des Formats, das die IMG, Veranstalter der Mercedes Benz Fashion Week, in Los Angeles erprobte und nun nach Berlin bringt, lautet "The Shop". 

Das Prinzip, an das es angelehnt ist, nennt sich See now, buy now. Vier Worte, die die Modewelt im vergangenen Jahr mächtig durcheinander wirbelten. Im Februar 2016 verkündete Christopher Bailey vom britischen Label Burberry unter diesem Motto den Abschied vom jahrzehntealten Rhythmus der Mode. Statt wie bislang im Herbst die Mode fürs kommende Frühjahr zu zeigen und im Frühjahr die Mode für den Herbst, ließ Bailey die Wartezeit für die Konsumenten radikal zusammenschnurren: Im September zeigte er erstmals eine Herbst-/Winterkollektion mit Mode für Männer und für Frauen, die direkt im Anschluss online und offline erhältlich war. Marken wie Tom Ford, Tommy Hilfiger oder Topshop zogen nach.

See now, buy now ist ein Zugeständnis an die Ungeduld. Seit die Kunden von Modemagazinen, Bloggern und den Marken selbst schon während der Schauen mit Livestreams, Instagram und Snapchat versorgt werden, wollen sie die Entwürfe danach direkt in ihren Warenkorb legen können. Trends kommen und gehen heutzutage so schnell, dass keiner mehr sechs Monate warten will, bis die Jacken, Mäntel, Taschen und Kleider endlich in den Läden liegen. See now, buy now ist aber auch eine Kampfansage an Modeketten wie Zara und H&M, die den Luxusunternehmen mit ihren immer besseren und schnelleren Kopien seit Jahren das Geschäft vermiesen. Das Prinzip bietet noch mehr wirtschaftliche Vorteile: Wenn Frauen- und Männermode zusammen auf einem Laufsteg gezeigt werden, können die Kosten für eine weitere Schau gespart werden.

Hinter den Kulissen der Philomena-Zanetti-Show im Sommer 2016 © Getty Images

Im Berliner The Shop wird das Prinzip weniger dogmatisch umgesetzt. Den Designern bleibt es selbst überlassen, ob sie nur Brandneues oder auch Teile aus vergangenen Kollektionen anbieten wollen. Dass eine wie Julia Leifert von Philomena Zanetti überhaupt daran teilnimmt, überrascht. Weil Philomena Zanetti, benannt nach Leiferts Urgroßmutter, auf Slow Fashion, auf Nachhaltigkeit setzt. Die Materialien stammen aus ökologischer Landwirtschaft und Leifert verwendet weder Leder noch Fell und nur "gewaltfreie" Wolle und Seide. Irgendwann soll Philomena Zanetti ein veganes Label sein. Doch Leifert muss immer wieder zwischen Umweltschutz und Tierschutz abwägen. Schließlich ist längst nicht alles ökologisch, was vegan ist. Fertigen lässt sie ihre Kollektionen ausschließlich in kleinen Manufakturen in Deutschland und Polen und unter fairen Bedingungen. Doch wie passt dieser Ansatz zur Geschwindigkeit von See now, buy now

"Es klingt wie ein Widerspruch, ich weiß", sagt Leifert. Sie hat lange überlegt, ob sie bei The Shop mitmachen soll. Sie hat sich dafür entschieden. Sie will sich den neuen Geschäftsmodellen innerhalb der Branche nicht verschließen. "Sonst setze ich mich ins Aus." Die Teilnahme an The Shop bietet ihr schließlich nicht nur eine Verkaufsfläche, sondern auch eine Kommunikationsplattform. So kann sie ihren Kunden direkt an den Entwürfen beweisen, wie modisch ein gutes Gewissen aussehen kann. Der Schnelllebigkeit der Mode schlägt sie allerdings schon länger ein Schnippchen, indem sie das Konzept des Trendsetting aus ihrem Design verbannt hat. Ihre Kollektionen für Philomena Zanetti sind zeitlos und leicht zu kombinieren: Bundfaltenhosen mit hoher Taille, Rollkragenpullover und Seidenblusen spickt sie mit raffinierten Details, wie einer Knopfleiste am Rücken. Sie ist Autodidaktin. Eigentlich hat Leifert mal Jura und dann Modemanagement studiert.

Auch deshalb weiß sie nur zu gut, dass See now, buy now für kleine Marken, wie Philomena Zanetti eine ist, auch ein großes Risiko birgt: Wenn nicht auf Bestellung produziert werden kann, laufen Designerinnen wie sie Gefahr, auf der Ware sitzen zu bleiben, die sie dann auf eigene Kosten haben produzieren lassen. Leifert verkauft deshalb erst mal nur aktuellen Schmuck und sonst vor allem Teile aus vergangenen Kollektionen. Denn gerade für ihre neue Herbst-/Winterkollektion wäre es eine allzu ironische Wendung, würde Leifert auf den Entwürfen sitzen bleiben. Sie ist nämlich eine Hommage an das Textilhandwerk und an aussterbende Berufe wie den des Plisseebrenners. Also ein modischer Blick zurück in eine hoffentlich kleidsame Zukunft.

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Herr Werner, sicher, .....sicher haben Sie auch solch einen natürlichen, höchste Intelligenz ausstrahlenden Blick wie die Model's?!

Ich finde Mode gut und wichtig, achte selbst darauf oder erfreue mich was so zu sehen ist auf der Strasse.

Die Veranstaltungen Fashion Week die landauf und landab in alten Fabrikhallen oder auch modernen Sälen laufen finden natürlich meine Hochachtung :) .

Nicht nur ungeduldige Menschen. Es sind auch Menschen, die alles haben müssen, das man ihnen als modisch,modern und unentbehrlich vekauft. Der neueste Trend ist das neue goldene Kalb das verehrt wird. Wenn die Designer es auf einmal als absoluten Trend erkennen, das Frau Ritterrüstung trägt, fängt die modeaffine Dame schon an zu jubeln. Sie wartet dann schon ungeduldig auf die entsprechende Kollektion.Koste es was es wolle. Und allen voran die ganzen A/B/C Promis