© John Dolan /​ 2017 PROKINO Filmverleih GmbH

Dries van Noten : Ein Freigeist für Freigeister

Der Designer Dries van Noten macht Mode, die aus der Zeit fällt, inspiriert von Rubens, Monroe und Bowie. Ein Film zeigt seine Gegenentwürfe zur Fast-Fashion-Hysterie. Von

Er weiß auch nicht, wie er das nennen soll, was er da macht. Mode, sagt der belgische Modedesigner Dries van Noten, sei so ein leeres Wort, ein Begriff für etwas, das nach sechs Monaten passé ist: "Wir müssen ein neues Wort dafür erfinden." Eines, das zeitlos ist. Eines, das erklärt, warum man ein Kleid wie ein Kunstwerk schätzen lernen sollte. Und es für eine kleine Ewigkeit hautnah bei sich haben möchte. Van Noten, 59, darf man wohl als High-End-Antithese zum heutigen Fast-Fashion-Rummel bezeichnen: Da er seine Stoffe selbst zu entwerfen pflegt, dauert allein deren Herstellung schon mal vier, fünf Monate.

Während andere Label schon wieder zwei Kollektionen auf den Markt gebracht haben, ist Dries van Noten noch nicht mal in Gedanken fertig mit dem Kleid, das aus solchem Gewebe entstehen soll. Wie auch, wenn man erst mal überlegen muss, was die Präraffaeliten und David Bowie verbinden könnte. Wie ein Gemälde Gerhard Richters den Faltenwurf eines Rocks beeinflussen oder das Antlitz Marilyn Monroes die Flächen eines Mantels plastisch verändern würde. Oder wie die Robe einer viktorianischen Dame aussähe, die über Bord eines Schiffes gegangen ist und aus eiskaltem Wasser gerettet werden muss.

Jeder Zentimeter muss sitzen, nicht nur auf dem Laufsteg. © 2017 PROKINO Filmverleih GmbH

Im März 2017 hat Van Noten in Paris seine 100. Kollektion gezeigt. Aus diesem Anlass ist die Dokumentation Dries entstanden, die nun ins Kino kommt und von ihrem Regisseur als "sehr persönliches Porträt" gedacht ist. Rainer Holzemer, der bislang vor allem das Werk von Fotografen wie August Sander oder Juergen Teller dokumentiert hat, hat Dries van Noten ein ganzes Jahr hindurch begleitet, ins Atelier, ins Auto, zu den Stoffproduzenten in Indien, zur Locationsuche nach Paris. Holzemer ist dabei eher die Fliege an der Wand denn ein forsch Fragender, der Filmemacher ist sehr darauf bedacht, nicht zu stören, wenn Outfits für die Schau zusammengestellt werden, das Model wieder und wieder dasselbe Kleid durch den Raum trägt und es dabei eigentlich nur noch um Zentimeter geht.

Mit sehr viel Liebe zum Detail: Dries van Noten in dem Film "Dries" © 2017 PROKINO Filmverleih GmbH

Es hatte zuvor drei Jahre gedauert, den Antwerpener Designer von diesem Ansinnen zu überzeugen. Dries van Noten bleibt dem großen Fashion-Zirkus gerne fern. Er versenkt sich lieber in die klassische Konstruktionstechnik für Herrensakkos, in die perfekte Schnittführung, die ein Damenkleid in eleganter Kurve an Taille und Hüften entlang führt, in die Schätze der Kunstgeschichte, die seine Heimatstadt – Rubens Wohn- und Wirkungsstätte – so stolz hütet. Gestrig ist daran trotzdem nichts, denn van Noten hat auch keinerlei Berührungsängste mit der Popkultur. Ebenso wie Yves Klein oder Francis Bacon sind Malcolm McLaren oder Stanley Kubrick für ihn Inspiration geworden. Als er 2014 die Models statt über den glatten Catwalk auf einem Teppich, kissenweich und bucklig wie Moos, gehen lässt, steckt darin Shakespeares Sommernachtstraum ebenso wie die Frage, wie denn Hippies heute so aussehen würden. Für Dries van Noten sind es, zum Beispiel, Mütter, die in der Öffentlichkeit ihr Kind stillen, den aufgeklappten Laptop neben sich: Freigeister, die die Regeln ihrer Zeit kennen und elegant ignorieren.

Dries van Noten würde es wahrscheinlich ziemlich schaudern, wenn man ihn bitten würde, T-Shirts mit lärmigen Slogans zu versehen oder protzige Logos als Statement und Eigenwerbung auf seinen Produkten anzubringen, wie es derzeit auch Luxushäuser wie Dior oder Gucci tun. Seine Gewänder sind so kultiviert wie er, sie drängen sich nicht auf – und dann ertappt man sich doch dabei, wie man sich hineinversenkt wie in ein Gemälde. Man muss nicht gleich den Faltenwurf einer Rubens-Zeichnung in der Knotung eines Rockes entschlüsseln oder in seinen heißgeliebten düsteren Rosenmustern die flämischen Stillleben des Goldenen Zeitalters wiederentdecken können, um die Schönheit dieser Entwürfe zu verstehen.

Die Entwürfe von Dries van Noten bewegen sich irgendwo zwischen den Präraffaeliten und Bowie. © 2017 PROKINO Filmverleih GmbH

Schon in seiner ersten eigenen Damenkollektion, die der Absolvent der Antwerpener Königlichen Hochschule der Schönen Künste 1987 zeigte, gab es diesen Moment des kalkulierten Verfalls, vergleichbar dem bei den barocken Blumenstillleben unerlässlichen Insekts, das in der Ecke schon darauf lauert, an den tausendschönen Rosen und Lilien zu nagen: Dries van Noten hatte Seidenkleider entworfen, die ihm allzu glatt und neu aussahen, deswegen wurden sie in die Waschmaschine gesteckt und kamen ziemlich knittrig auf den Catwalk.

Mit den Moodboards der Trendforscher hat seine Palette nicht das Geringste zu tun.

Bis heute erkennt man bei ihm eine Abneigung gegen ladenneu brüllende Farben, trotz aller Begeisterung für moderne Drucktechniken und 3-D-Effekte. Betritt man eins der weltweit 500 Geschäfte, in denen Dries van Notens Mode verkauft wird, erkennt man das dunkle Leuchten der Stoffe sofort. Es sind Edelsteinfarben, das Lila des Amethysts, das Rot des Granats, das Blau des Saphirs oder das Grün des Smaragds. Mit der Pantone-Farbe des Jahres und den Moodboards der Trendforscher hat seine Palette nicht das Geringste zu tun.

Vier Kollektionen erscheinen von ihm pro Jahr, zweimal Frauen, zweimal Herren. Im oberen Preissegment, das bestickte Sweatshirt um 700 Euro oder die Bomberjacke zum Wenden für 1.300 Euro. Es gibt keine günstigere Zweitkollektion, kein Parfüm und Accessoires nur, insofern sie die aktuelle Kollektion ergänzen. Von Schuhen einmal abgesehen, lässt sich der Weg in seine Welt also nicht durch Beiwerk abkürzen. Üblicherweise refinanzieren solche kleineren Fische, solche Einstiegsdrogen ja den mitunter ins Wahnhafte abgleitenden Aufwand, eine Prêt-à-porter-Schau auf den Laufsteg zu bringen. Karl Lagerfeld hat für Chanel schon ganze Brasserien und Supermärkte nachbauen lassen, Raf Simons ließ bei Dior die Wände eines Palais komplett mit frischen Schnittblumen verkleiden. Die Bilder, die von solchen Unterfangen um die Welt gehen, sind einen kleinen Moment onmipräsent, auch wenn es dabei um das Spektakel geht, nicht so sehr um die gezeigte Mode. Wer gern dabei gewesen wäre, kauft sich dann ja vielleicht wenigstens mal ein Fläschchen Eau de Toilette mit Designerduft. So wird heutzutage gerechnet, in Zeiten, in denen die meisten großen Marken sich an wenige Großkonzernen wie Kering oder LVMH Moët Hennessy, Louis Vuitton, verkauft haben. Dries van Noten, der nie Anteile an seinem Unternehmen verkauft hat, schaltet noch nicht mal Werbung.

Reiner Holzemers Film folgt dem Designer bis nach Indien, wo dessen Stoffe produziert werden, wo die Stickereien entstehen, die ornamentalen Verzierungen, die aus Pailletten und ameisenkleinen Stabperlen sich bilden wie allerfeinste Austernschalen. Und er ist bei ihm in Paris, wenn Dries van Noten sich nach der Schau Modejournalisten im Minutentakt erklären muss – aufmerksam noch bei der albersten Frage, weil alles andere und jedes Verspannter-Künstler-Getue für ihn eben auf geradezu vulgäre Weise unhöflich wäre.

Jede Perle sitzt, ist Teil des großen Ganzen. © 2017 PROKINO Filmverleih GmbH

Der Film Dries ist eine Dokumentation, in der man schwelgt wie in einem Coffeetable-Book, jeder Blick delektiert sich an feinsinnigen Details. Den Fan wird das beglücken, denn Holzemer geht so behutsam vor, denkt sich so ohne jede eitle Pose hinein in van Notens Gedankenwelt, dass der Zuschauer dem scheuen, jede Öffentlichkeit scheuenden Designer tatsächlich bis nach Hause folgen darf: ein neoklassizistisches Anwesen in Lier unweit Antwerpens, in dem natürlich nicht einmal der Korb, in den Dries van Noten die frischgeschnittenen Rosen bettet, es an Vornehmheit mangeln lässt. Die Rasenfläche gemäht zu nennen, wäre ebenfalls allzu grob, so gemäldeschön ist sie manikürt.

Die chronologische Anordnung jedoch, die von ebenfalls zeitlich durchsortiertem Archivmaterial flankiert wird, mutet für den, der kein Kenner dieses Œuvres ist, allzu statisch an. Da steht auch Reiner Holzemer als Gegenmodell da, zu Loïc Prigent, der in diversen Formaten für den Sender Arte die großen Designer der Gegenwart heimgesucht hat: Jean Paul Gaultier beispielsweise, der sich lustvoll wie ein Kind in die Hysterie vor der Show hineinspult. Oder Diane von Fürstenberg, deren eingeübte Sanftmut beim Yoga-Praktizieren den scharfen Ton der Business Woman doch nie recht kaschieren kann. Das sind ein wenig boshafte Thesen, aber sie reichen dem Betrachter dramaturgisch eben auch ganz praktikabel das Händchen. Mag sein, dass es allzu naheliegend gewesen wäre, Dries van Notens bedächtige Arbeitsweise der Fashion-Hysterie von heute gegenüberzustellen – und doch erhofft man sich ja, dass sein Modell Schule macht, dass das nächste Kleid eins für die Ewigkeit sein wird, eins, an dem man sich nicht sattsehen kann.

"Es gibt keine Zauberformel, und es ist nicht gesagt, dass man nur etwas Glitzerstaub braucht, um die Leute zu begeistern, ganz im Gegenteil. Magie entsteht dann, wenn die Leute spüren, dass das Ganze auf Ehrlichkeit und Leidenschaft basiert, dass es von Herzen kommt", sagt Dries van Noten in Holzemers Film. Wie sehr es bei diesem Streben nach kultivierter Schönheit auf jedes Detail ankommt, das zeigt eine Szene, in der ein Team um Dries van Noten beschließt, die Einladungen zu einer Schau mit einem Kuss zu veredeln. Erst wird aus dem Team diejenige ausgewählt, die am schönsten auf Karton küssen kann. Und dann wird sie das für alle 800 Platzkarten tun, jedes Mal mit frisch aufgetragenem Lippenstift.

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