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Mode von Politikern Mächtiger Stoff

Modische Statements von Politikern existieren häufig nur als platter Gag. Umso mehr begeistert die Wähler, wenn Politiker es verstehen, Haltung und Stil zu verbinden. Von

Niemand kann der eigenen Biografie entfliehen, und deshalb ist das erste Bild, das mir einfiel, als ich über deutsche Politiker und Mode nachdachte, ein Foto von Joschka Fischer bei seiner Vereidigung als hessischer Umweltminister 1985.

Ich war elf Jahre alt, und ich weiß noch, wie gebannt ich auf das Foto sah, das in der Zeitung abgedruckt worden war: Der Mann, von dem ich nicht viel mehr wusste, als dass er jetzt der erste grüne Minister der Bundesrepublik war, und dass die Grünen von vielen Erwachsenen gehasst wurden, trug bei der Vereidigung weiße Turnschuhe von Nike.

Von heute aus betrachtet, besonders für Nachgeborene, lässt sich die Wirkung dieses Bildes kaum noch erahnen, weil heute die halbe Welt Turnschuhe trägt. Nikes waren jung, waren cool, standen in Deutschland für amerikanische Popkultur. Das Bild war eine einzige Provokation: Es vereinte Politik und Coolness, Rebellion und Inszenierung. Ausgerechnet ein Grüner, einer aus der Partei, die eigentlich doch gegen Konsum war, hatte mit einem Fashion-Statement (und nichts anderes waren die Nikes an seinen Füßen) gezeigt, dass man in Deutschland mit Mode Politik machen kann. Die Geste drückte ein ganzes Generationsgefühl aus, natürlich auch in all seinen Widersprüchen. Denn Joschka Fischer zeigte einerseits, wie klar ihm war, dass die Rebellion seiner Generation ihn an die Macht gebracht hatte – aber wie konnte man auf Dauer ein Rebell bleiben, wenn man an der Macht war?

Als Joschka Fischer Jahre später wieder einmal Erster wurde – diesmal erster grüner Vizekanzler und Außenminister –, setzte er auch wieder seinen Körper ein, um Politik zu machen. Diesmal war es nicht das Fitnesssymbol Turnschuhe, diesmal war es die Fitness selbst. Er joggte sich an die Macht, trank nur noch Wasser und schrieb einen Bestseller darüber: Mein langer Lauf zu mir selbst. Wieder traf er damit den Zeitgeist, genauso wie der deutsche Außenminister der Mode, Karl Lagerfeld, der in derselben Zeit ebenso radikal abnahm und ebenso ein Buch darüber veröffentlichte. Auch wenn Lagerfelds Motiv etwas banaler war: Er wollte vor allem in die engen Jeans passen, die Hedi Slimane gerade entworfen hatte.

Die Nikes von Joschka Fischer haben meine Generation geprägt. Vielleicht ist sie auch deshalb immer besonders begeistert von Politikerinnen und Politikern, denen gelingt, beides zu verbinden: Haltung mit Stil. Wie beim "Cool Britannia"-Wahlkampf der britischen Labourregierung der Neunzigerjahre (auch wenn das Versprechen der Coolness leider nicht eingelöst wurde) oder zwei Jahrzehnte später bei den Kleidern von Michelle Obama, die als Frau des amerikanischen Präsidenten mit ihrem Stilbewusstsein junge amerikanische Designer förderte.

Eines ihrer bekanntesten Kleider: die Robe von Atelier Versace, die Obama bei ihrem letzten Staatsbankett trug. © MICHAEL REYNOLDS/EPA/DPA

In meinem Büro in der Redaktion des ZEITmagazins hängt ein Foto von Willy Brandt aus den Siebzigern an der Wand, das ihn lässig in blauem Jeanshemd mit offenem Knopf zeigt, mit Zigarette im Mund und Mandoline in der Hand. Wenn Besucher zum ersten Mal in das Büro kommen und das Bild sehen, kommt es immer zur selben Reaktion: ein schwärmerisches Lächeln im Gesicht, egal ob sie Brandts Partei jemals gewählt haben.

Ich habe das Bild aufgehängt, obwohl ich weiß, dass es längst nicht so zufällig entstanden ist, wie es wirkt. Willy Brandt konnte überhaupt keine Mandoline spielen, er hatte das Instrument nur für den Fotografen in die Hand genommen. Und er war auch nicht so alleine, wie die Aufnahme suggeriert. Wahlkampfmanager haben Brandts Begleiter im Bildhintergrund einfach entfernen lassen, damit der Kanzler noch einsamer, noch melancholischer, noch attraktiver wirkt. Der Lonesome-Cowboy-Style à la SPD. Das Motiv, das die Partei 1976 hunderttausendfach als Postkarte und Poster drucken ließ, sieht so authentisch aus, als sei es an einem Sommerabend in Südfrankreich aufgenommen und nicht – wie in Wahrheit – in der Nähe von Bielefeld.

Willy Brandt hatte Stil, ob mit oder ohne Mandoline. Schon als er im Nachkriegsdeutschland Bürgermeister von Westberlin war, ließ er sich, so berichtete zumindest die Berliner Morgenpost, von einem Senatskollegen zum legendären Maßschneider Müller lotsen, der in der Leibnizstraße Ecke Ku’damm saß. Er störte sich nicht daran, dass Stil nicht der Klischeevorstellung eines Sozis entsprach. Brandts Anzüge saßen. Als er 1963 neben Kennedy stand, machte er ebenso eine gute Figur wie 1960, als ihn Marlene Dietrich im Roten Rathaus besuchte.

Helmut Kohl besuchte Michail Gorbatschow 1990, um über die Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu sprechen. © DPA

Auch sein Nach-Nachfolger Helmut Kohl ließ seine Anzüge maßschneidern, bei Eduard Dressler. Aber das ist bis heute weniger bekannt als die berühmte Strickjacke, die er 1990 im Kaukasus trug, als er Michail Gorbatschow besuchte und bei einem Spaziergang von der deutschen Wiedervereinigung überzeugte. Kohl wusste, wie sehr man mit Kleidung Symbolpolitik machen kann. Als er Ende der Neunziger in die überfluteten Oder-Gebiete reiste, trug er demonstrativ Gummistiefel.

Gerhard Schröder hat diesen Trick von ihm übernommen, und auch er hat als Bundeskanzler modische Schlagzeilen gemacht, aber ganz anders als von ihm geplant. Frisch im Amt ließ er sich 1999 von Peter Lindbergh fotografieren – als die Bilder veröffentlicht wurden, war der Spott groß. "Kaschmir-Kanzler", "Brioni-Kanzler": Diese Etiketten ist Schröder nie mehr wirklich losgeworden. Peter Lindbergh hat sich später in einem Interview darüber aufgeregt: "Das Lifestyle-Magazin von Gala, das die Bilder damals brachte, nannte in den Fotocredits auch die Herstellernamen und die Preise. Mantel: Brioni, 4.000 Mark, Anzug: Kiton, 3.000 Mark. Der Kanzler wurde so zu einem Mannequin degradiert, das war eine Schwachsinnsidee. Grotesk."

Zu festlichen Anlässen erscheint Angela Merkel gerne mal in Rot, hier kam sie solidarisch gekleidet zur Buchvorstellung von Gerhard Schröders Biografie im September 2015. © Sean Gallup/Getty Images

Angela Merkel hat wie so oft in ihrem Leben auch in diesem Fall von Fehlern ihrer Vorgänger gelernt. Es gibt bis heute kein Modeshooting mit ihr, auch wenn die deutsche Modeindustrie sich bestimmt freuen würde. Alle Versuche auch der renommiertesten internationalen Fotografen und berühmtesten Magazine blieben erfolglos. Schon 1996 hat Merkel in einem Interview der Fotografin und Autorin Herlinde Koelbl gestanden, dass sie "das Aufgestylte" nicht liebe: "Ich fühle mich dann nicht wohl." Schon damals wollte man ihr zurufen, dass ja gerade ein gutes Styling so dezent wirkt, dass man sich erst richtig wohlfühlen kann. Aber es gehört zu den Ironien der deutschen Modegeschichte, dass ausgerechnet die erste Kanzlerin mit dem Thema gar nichts anzufangen weiß. Sie trägt das funktionale "Merkel-Jackett" in fast allen Farben, entworfen von der Hamburger Designerin Bettina Schoenbach, und versucht ansonsten vor allem, Fehltritte zu vermeiden. Die Schweißflecken-Bilder von Bayreuth, das tiefe Dekolleté beim Opernbesuch in Oslo – wann immer solche Bilder auftauchen, hat man als Betrachter Mitleid mit der Kanzlerin: Lasst die Frau mit solchem Firlefanz in Ruhe, sie soll ja das Land regieren und nicht in Paris auf den Schauen laufen. Es passte lange Zeit perfekt zu ihrem Ruf der stets bedächtigen, uneitlen Politik-Managerin, dass ihr die Oberfläche der Mode fremd ist. Nach der Grenzöffnung im Herbst 2015 hat sich die öffentliche Wahrnehmung von Angela Merkel verändert – nur modisch ist alles beim Alten geblieben.

Das Verhältnis von deutschen Politikern und Mode, abgesehen von Willy Brandt und Fischers Nikes, existiert oft vor allem als platter Gag. Außenminister Genscher liebte gelbe Pullover, die Farbe seiner Partei. SPD-Politiker von Franz Müntefering bis Walter Momper trugen aus demselben Grund gerne rote Schals. Guido Westerwelle klebte sich die Zahl 18 unter die Schuhsohlen, als er glaubte, mit seiner Partei bei Bundestagswahlen auf 18 Prozent kommen zu können. Und man galt schon als Exzentriker, wenn man wie Heinz Riesenhuber, lange Zeit Minister unter Helmut Kohl, Fliege statt Krawatte trug.

Heute regiert wieder das Prinzip Unauffälligkeit – bei deutschen Politikerinnen wie bei Politikern, wenn man von Claudia Roth absieht. Das muss nichts Schlechtes bedeuten, aber manchmal wünsche ich für die 11-Jährigen von heute, dass auch sie einen Moment mit der deutschen Politik erleben wie ich damals, als ich das Foto von Joschka Fischer in den Nikes sah.

Wir können doch nicht alles Justin Trudeau überlassen.

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Diesen Text schrieb Christoph Amend für das Buch The Germans, das im Verlag teNeues erschienen ist.

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