Badeanzug Das Mehr an ihr

Lange galt der Badeanzug als langweiligste Bekleidung zu Wasser. Nun ist er wieder da, setzt den Hintern in Szene und verführt vor allem zur Entspannung. Von

Weg vom Stoff – das ist die Geschichte der Bademode in drei Worten. Jedenfalls, seit das öffentliche Bad ein Bestandteil bürgerlicher Freizeitgestaltung ist. Zwei kleine Dreiecke oben, ein Zusammengeknotetes unten, der Bikini war lange Zeit vom Beckenrand nicht wegzudenken. Badeanzüge trug nur, wer sportlich schwamm, praktisch veranlagt war oder seinen Bauch vor den Blicken der Welt schützen wollte.

Doch nun ist der Badeanzug zurück: Bella Hadid trägt einen, Kendall Jenner auch, und Rihanna wirft manchmal nur ein Jäckchen über ihren und schon ist sie fertig angezogen. Auf der Plattform ShopStyle, die für ihre Nutzer Tausende Onlineshops nach Produkten durchforstet, stiegen die Suchanfragen nach Badeanzügen um fast 700 Prozent. Während die Begehrlichkeit von Bikinis um zwei Prozent sank. Jetzt fragt man sich: Warum?

Im Laufe des letzten Jahrhunderts haben sich die Badenden mit jeder Dekade ein bisschen weiter entkleidet. Vor 100 Jahren wateten die Frauen noch in Badekleidern ins Meer. Manche von ihnen mussten vor dem Ertrinken gerettet werden, weil die schwere Kluft sie gen Boden zog. Auch die Männer trugen am öffentlichen Strand Anfang des letzten Jahrhunderts noch knielange Badeanzüge. Die Zeiten änderten sich. Und mit zunehmender gedanklicher Freiheit, befreite man sich Bahn für Bahn auch von den Badekleidern. Spätestens, als das erste Bond-Girl Ursula Andress 1962 den karibischen Wellen in einem weißen Bikini – mit Jagdmesser – entstieg, hatte der Bikini den Badeanzug abgelöst. Wenige Jahre zuvor galt der Bikini noch als geschmacklos und anrüchig. In Großbritannien wurde er sogar von den Stränden verbannt. Aber die von Andress gespielte Muscheltaucherin Honey Ryder legte nicht nur Stoff ab, sondern auch eine verstaubte Moral.

55 Jahre später gehören nackte Bäuche und Beine nicht mehr nur an den Strand, sondern wandern durch Restaurants und Fußgängerzonen. Zu Andress' Zeiten war das Zeigen von Haut ein Akt wider die Prüderie. Heute können wir uns vor nackter Haut kaum retten. Das ist wichtig, auch und gerade für Frauen, die ihre Zeit nicht in Fitnessstudios verbringen und trotzdem Hotpants tragen wollen. Frauen wie Lena Dunham, die in der Serie Girls so etwas wie eine Anti-Andress verkörperte. Denn Andress' Nacktheit befreite die Frauen, aber die Befreiung passierte trotzdem in den dafür vorgesehenen Grenzen eines männlichen Betrachters. Die Bikini-Trägerin musste schön, schlank, eingeölt sein, eine Fantasie. Dunhams Nacktheit befreite die Frauen von diesen Ansprüchen. Sie ist ziemlich normal geworden. Der Bikini hat sich dementsprechend vielleicht einfach selbst überlebt. Und so die langsame Rückkehr des Badeanzugs eingeleitet: Erst kamen nämlich Bikinis, deren Hosen bis hoch in die Taille reichen und dadurch den Bauchnabel verdecken, dann kamen Badeanzüge mit Cut-outs, die immer noch viel Haut freilegten, aber eben aus einem Stück waren. Mittlerweile tragen modebewusste Frauen sogar wieder ganz unironisch den klassischen Schwimmbadeanzug. Ein Rückschritt in keuschere Zeiten?

Wohl kaum. Eins der vielen Dinge, die uns die Kardashians gebracht haben – neben Contouring und der Farbe Beige –, ist die Entdeckung des Hinterteils. Jahrzehntelang stand das Dekolleté im Rampenlicht, nun geht es darum, den Po ins rechte Licht zu rücken. Da kommt der Badeanzug gerade recht. Die Beinausschnitte werden höher, die Rückenausschnitte tiefer. Nach Baywatch sieht die neue Bademode trotzdem nicht aus.

Denn wenn eine Frau wie Tilda Swinton in A Bigger Splash, einem Remake des Klassikers La Piscine, im schwarzen Einteiler mit tief ausgeschnittenem Rücken in die Sonne blinzelt, sieht das sehr unaufgeregt und sehr elegant aus. Und vielleicht geht es genau darum: dass das größte Glück darin liegt, sich einfach mal zu entspannen. Und auch nicht mehr danach schauen zu müssen, dass die drei Dreiecke auch an den richtigen Stellen sitzen. Denn das war eh der schlechte Witz am Bikini – dass man so viel wie möglich zeigen wollte, ohne dabei nackt zu sein.

Seit 25 Jahren sammelt Jürgen Kraft historische Bademode. Womit man vor 100 Jahren im Trend lag, erklärt er im Video.

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