Jacke wie Hose Die Leichtigkeit des Beins

Männerbeine haben leider keine starke Lobby. Der Umgang mit ihnen grenzt fast schon an Bodyshaming. Dabei können sie in den richtigen Shorts so gut aussehen. Von
Aus der Serie: Jacke wie Hose

Männer sollten eigentlich keine Shorts tragen: Den Satz hört man öfter. Im Zweifel aus dem eigenen Mund. Manchmal fragt man sich dann erschrocken, ob das eigentlich schon Bodyshaming oder gegen einen selbst gerichtet ist.

Was ist eigentlich an männlichen Beinen so hässlich oder auch nur anstoßerregend, dass man ihrer Entblößung in der Öffentlichkeit mindestens skeptisch gegenübersteht? Männerwaden haben jedenfalls keine starke Lobby. Entweder sie sind zu sehr behaart, zu stoppelig behaart oder zu glatt rasiert, man weiß ja gar nicht, was man am schlimmsten finden soll, zu dünn, zu dick und immer so weiter: Das sagen ziemlich viele Männer, die man selbst so kennt, heterosexuelle wie schwule. Über Frauenwaden würde keiner von ihnen so was behaupten.

Ist das schon Selbsthass?

Entweder finden sie weibliche Beine einfach formschöner als männliche. Oder sie sagen nichts mehr laut über sie, weil sie begriffen haben, dass das Bodyshaming von Frauen viel zu lange schon eine grässliche Methode von Männern ist, Macht und Kontrolle auszuüben. Damit wollen wir nicht weitermachen. Mit dem Bodyshaming von Männern haben wir aber weiterhin kein Problem. Ist das schon Selbsthass oder bloß paradox?

Wenn man in dieser Situation Zuflucht in der Literatur sucht, dann fallen einem auch nach längerem Nachdenken keine Hymnen ein, die dem Männerbein gesungen wurden. Was selbstverständlich daran liegen muss, dass vor allem heterosexuellen Männern jahrhundertelang das Privileg vorbehalten war, Bücher vollzuschreiben, mit oft sehr begeisterten, sehr ausführlichen Beschreibungen von Frauenkörpern. Okay, angesichts solcher "Stellen" ist man als männlicher Leser einfach froh darüber, selten etwas Dahingesabbertes über die Anatomie des Geschlechts lesen zu müssen, dem man selbst angehört.

Unser Model in Slim Jeans Shorts von Calvin Klein

Selbst wenn ein Erzähler eine männliche Figur mal Begehren gegenüber einem Mann ausdrücken lassen möchte, am besten am Meer, denn dort gäbe es viel Haut zu sehen, stockt dessen Stimme oft gleich der Atem. Als zum Beispiel Aschenbach am Strand den jungen Tadzio zum ersten Mal erblickt, "die schlanken Beine bis über die Knie entblößt", gleitet der Blick des im Wesentlichen ja aufs Spannen konzentrierten Aschenbach gleich wieder g'schamig weg. Und als der traurig-trunkene George vom splitterfasernackten Kenneth aus den Fluten des Pazifiks gerettet ist, erfährt man über den Körper des Letzteren trotzdem nicht viel mehr, als dass dessen Beine lang sind und er "heavy-hung" ist. Nun mögen die Protagonisten von Thomas Manns Tod in Venedig und Christopher Isherwoods A Single Man angesichts ihres fortgeschrittenen Alters in der Vitalität junger Männer eher ihre eigene Hinfälligkeit erkennen: Der Andere, der einem ja doch gleicht, ist das, was man selbst nicht ist und womöglich nie war. Aber warum geizen die Erzähler da so furchtbar mit beschreibenden Worten, anatomischen Informationen?

Das männliche Bein taugt offenbar bestenfalls zum Schocker-Meme. Als der polnische Radprofi Pawel Poljański während der Tour de France vor ein paar Wochen ein Bein-Selfie auf Instagram postete, ging ein Schmerzensschrei durchs Netz. Gleich mussten ein paar medizinisch geschulte Wissenschaftsjournalisten Erklärtexte schreiben: So ausgezehrt und dickvenig sehen Sportlerbeine halt aus nach ein paar Etappen. Wem der Begriff "Unterhautfettgewebe" bis dahin noch nicht geläufig war, der weiß seither, dass jenes Gewebe bei ausdauernder Beanspruchung der Muskeln darunter krass schwinden kann. Doch wer sollte, mit Ausnahme von antiken Skulpturen vielleicht, denn noch bessere Beine haben als Radprofis? Es ist zum Verzweifeln.

Die weißen Shorts von Lacoste kontrastiert man am besten mit einem farbigen Oberteil

Andererseits gibt es die Sorte von Männern, die scheinbar völlig ungerührt ihre Freizeit im Sommer in kurzen Hosen durchschreiten. Ins Büro sollte man übrigens niemals welche anziehen: So entspricht man nicht nur traditionellen Bekleidungskonventionen, man behält zumindest rein äußerlich auch seine Würde.

Nicht bunt, sondern leicht

Die meisten dieser scheinbar äußerst selbstgewissen Männer tragen gerne Camouflage-Shorts aus dem Army-Laden, Funktionsshorts aus dem Outdoorshop oder grellbunte Pseudo-Surfer-Shorts von wer-weiß-woher. In denen aber kann man nur lächerlich ausschauen: Weil diese Hosen stets zu weit sind und durch aufgesetzte Seitentaschen oft noch weiter erscheinen, und weil sie außerdem fast immer bis übers Knie reichen. Ein Körper, der in diesen Shorts steckt, wird optisch gestaucht, sein Mittelpunkt gleichsam tiefer gelegt – das kann niemand wollen, außer riesengroße Männer. Hat man nicht die baumstammdicken Waden eines Gewichthebers, wirkt das bisschen Restbein, das unter diesen Shorts hervorlugt, eigentlich immer spargeltarzanhaft.

Die perfekte Shorts ist nicht zu weit und endet ein paar Zentimeter über dem Knie

Relativ schmal sollte eine Shorts geschnitten sein, einfarbig monochrom und ein paar Zentimeter überm Knie enden. Die sind auch nicht schwer zu finden, denn eigentlich alle halbwegs modischen kurzen Hosen erfüllen heute diese Kriterien. Es ist sogar so, dass man sich fast schon Mühe geben muss, nicht bei einem der vielen beigen oder dunkelblauen Modelle zu enden, die derzeit noch überall in den Läden hängen und eigentlich Kurzvarianten von Chinos sind. War man schon im Urlaub und ist dementsprechend vorgebräunt, kann man die letzten heißen Wochen des Jahres untenrum in anderen Farben verbringen, in Weiß, Bleu oder ausgewaschenem Denimblau zum Beispiel. Wenn schon kurzbehost, dann doch sommerfarbig, und das bedeutet bei Männern eben nicht bunt, sondern leicht.

Der Rest ist dann auch nicht so schwer: Je feiner der Stoff, desto eher ein Hemd dazu anziehen statt T-Shirt; weiße Shorts stets mit einer Farbe kontrastieren, sonst sieht man nach medizinischem Fachpersonal im Einsatz aus oder nach einem Traumschiffkapitän auf Landurlaub. Zu Jeansshorts trägt man ein weißes T-Shirt, was denn sonst; niemals, wirklich niemals Socken tragen, schon gar nicht diese fiesen Füßlinge. Socken sind im Sommer nicht nur unnötig, sie verkürzen auch optisch das Bein. Segeltuchschuhe passen eigentlich immer gut zu Shorts, Loafers nur zu eleganten.

Unser Model trägt zur Shorts von Polo Ralph Lauren wie empfohlen ein weißes Hemd

Und doch bleibt am Ende die Frage nach den Männerbeinen. Betrachtet man noch mal den Film der vergangenen Jahre, der Männer wohl am schönsten in Szene gesetzt hat, Tom Fords Verfilmung eben von Isherwoods Roman A Single Man 2009, tauchen dort nur an einer Stelle Shorts auf. In einer Szene, in der Colin Firth als George aus dem Augenwinkel ein paar Tennisspieler beobachtet. Fords Kamera aber hält nur die irritierenderweise nackten Oberkörpern der Spieler fest, deren Beine würdigt sie keines Blickes. Vielleicht sollte man sich an Ford halten, der ja vor allem auch Modedesigner ist: In dessen aktueller Sommerkollektion gibt es keine Shorts. Sondern nur zwei Badehosen, und die zählen nicht. Denn um die kommt man einfach nicht herum. Außer man möchte am Strand Anstoß erregen.

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