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Modest Fashion Bedeckte Aussichten

Auch wenn der Streit ums Kopftuch wohl nie verebbt: Modest Fashion ist allgegenwärtig. Denn nicht nur Musliminnen fühlen sich in körperferner Kleidung besser angezogen. Von

Funkelnder Strass auf Turbanen und Kopftüchern, seidig glänzende Kleider und weite Haremshosen, unter denen Schuhe mit schwindelerregend hohen Absätzen hervorblitzten: Ganz und gar nicht bescheiden sah das aus, was auf dem ersten Modest Fashion Festival im Londoner Grosvenor House zu sehen war. Mode, die sich innerhalb religiöser Bekleidungsvorschriften bewegt, kann ein Spektakel sein. Und das war erst der Auftakt. In den kommenden Monaten finden auch in Dubai und Doha Schauen für Mode statt, die mehr bedeckt als enthüllt.

London avanciert dabei zum zentralen Ausgangspunkt, dem Festival gingen in diesem Jahr gleich zwei London Modest Fashion Weeks voraus: Das britische Modelabel Haute Elan lud im Februar zu Schauen für die konservative Kundin in die Saatchi Gallery, der türkische Onlineshop Modanisa verwandelte im April das Messezentrum Olympia in einen gigantischen Laufsteg.

Viel Stoff statt viel nackter Haut

Längst berichten nicht mehr nur Nischen-Magazine und spezialisierte Blogs über Veranstaltungen wie diese Kopftuch & Co sind im Mainstream angekommen. Halima Aden, das erste Kopftuch tragende Model, vertreten von der renommierten Agentur IMG Models, darf in den Schauen wenig verhüllungsinteressierter Designer – Max Mara beispielsweise – das Kopftuch aufbehalten. Im Juni schaffte sie es als Erste im Hidschab auf das Cover von Vogue Arabia. Firmen wie Hennes & Mauritz, Nike oder Dolce & Gabbana setzen muslimische Frauen nicht nur geschickt in der Werbung ein, sondern bieten ganze Kollektionen für die wachsende Zielgruppe.

Musliminnen sollen im Jahr 2015 allein für Modest Fashion rund 44 Milliarden US-Dollar ausgegeben haben. Doch der Modest-Fashion-Markt ist, jenseits hitziger Kopftuch-Diskussionen, mittlerweile alles andere als eine rein islamische Angelegenheit. Auch ganz ohne religiöse Beweggründe shoppen immer mehr Frauen am liebsten dort, wo knallenge Sanduhrsilhouetten schon längst weiten Schnitten und fließenden Stoffen gewichen sind. Beim französischen Label Céline zum Beispiel oder bei The Row, dem Modelabel von Mary-Kate und Ashley Olsen. Auch Demna Gvasalia von Vetements und Erdem Moralioğlu von Erdem setzen eher auf viel Stoff statt auf viel nackte Haut. Diesen ganz bewussten Verzicht auf sexuelle Provokation bezeichnete die US-Journalistin Naomi Fry gerade erst in der New York Times als "fast schon aggressiv" und verwies auf Vanessa Friedman, Chef-Modekritikerin desselben Blattes.

Friedman verkündete nämlich schon im Frühjahr, dass Modest Fashion der maßgebliche Trend der 2010er Jahre sei. In der Tat ist er nicht nur auf Laufstegen, sondern auch auf dem roten Teppich an sonst betont sexy auftretenden Musikerinnen wie Rihanna oder Schauspielerinnen wie Jessica Biel und Isabelle Huppert zu beobachten. Die neue Begeisterung für Hochgeschlossenes sei eine "ästhetische Reaktion" auf die ausufernde Transparenz der sozialen Netzwerke und des Reality-TV, wo nichts mehr privat und verborgen bleibt, so Friedman.

Ansichtssache: Der indonesischen Designerin Anniesa Hasibuan wurde nach dieser Show auf der Jakarta Fashion Week vorgeworfen, ihre Outfits entsprächen nicht den Modest-Fashion-Regeln. © Getty Images

Auch viele jüdische Frauen folgen einem religiös beeinflussten Dresscode. Im orthodoxen Judentum fallen Bekleidungsvorschriften unter das Tznius-Konzept. Aufreizende, körperbetonte und auffällige Kleidung soll demnach vermieden werden. Darüber, was das genau heißt, gibt es mindestens so viele unterschiedliche Meinungen wie unter Muslimen darüber, ob ein Kopftuch zu starkem Make-up und Designer-Stöckelschuhen passt. Halbwegs einig ist man sich in jüdischen Gemeinden, dass Frauen ihre Knie und Ellbogen bedecken sollten. Nicht zu eng, nicht zu kurz, nicht zu verführerisch: Diese Grundprinzipien setzen immer mehr junge orthodoxe Jüdinnen auf ihre ganz eigene Weise um.

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