Modest Fashion Bedeckte Aussichten

Die Designerinnen Mimi Hecht und Mushki Notik aus New York etwa. Seit 2012 begeistern die Schwägerinnen mit den weit geschnittenen und fließenden Tuniken und Kleidern ihres Labels Mimu Maxi eine weltweit wachsende Fangemeinde, die nicht nur aus jüdischen Frauen besteht. Die muslimische Bloggerin Summer Albarcha modelte bereits für Mimu Maxi, aber auch gänzlich unreligiöse Kundinnen wissen die bequemen, genau durchdachten und bezahlbaren Entwürfe zu schätzen. Auch bei The Frock NYC designt ein Frauenduo: Die Schwestern Simi Polonsky und Chaya Chanin, ebenfalls orthodoxe Jüdinnen, setzen gerne auf den Lagenlook: Zartes Trägerkleid überm langärmligen Shirt, schmales Hemdblusenkleid über einer Jeans, das alles wirkt unaufgeregt, lässig und tatsächlich nicht aufreizend. Die Orientierung an religiösen Regeln kommt hier ganz beiläufig und leichtfüßig daher. Mit ihren Designs schafften Polonsky und Chanin es schon in Magazine wie Vogue, Elle und Vanity Fair.

Hippie-Look für Orthodoxe

Von Israel aus bietet die Onlineplattform ModLi laut Selbstbeschreibung den Zugang zu einer "Mode-Utopie: unendlich schick und bewusst bescheiden". Nach Kleidung, die diesen beiden Kriterien gleichermaßen entspricht, suchte die Gründerin Nava Brief-Fried selbst oft vergeblich. Also gründete sie 2015 ModLi. Darum, den Körper zu verstecken, gehe es bei bescheidener Mode nicht, heißt es auf der Website. Vielmehr solle "natürliche Schönheit auf klassische Weise unterstrichen werden". ModLi funktioniert ähnlich wie die Plattform Etsy. Unabhängige Designer und Kreative können hier ihre Entwürfe anbieten. Und das tun sie: Von bunt gemusterten Maxikleidern im Hippie-Look über elegante schwarze Ponchos bis hin zu Turbanen und Accessoires für den perfekten Sitz des Kopftuchs orthodoxer verheirateter Jüdinnen findet man hier alles, was jüdischen – und ganz nebenbei auch islamischen – Bekleidungsvorschriften entspricht.

Frauen, die den eigenen Körper lieber verbergen als zur Schau stellen möchten, werden seit Beginn dieses Jahres auch beim Luxus-Onlineshop The Modist fündig. Der virtuelle Streifzug durch das Sortiment, zu dem etwa metallisch glitzernde Midiröcke von Christopher Kane für rund 1.500 Euro und bunt gemusterte Leggins von Marni für 540 Euro gehören, wirft die Frage auf, was genau an dieser Art von Mode eigentlich bescheiden sein soll. Die Preise sind es jedenfalls nicht.

Vielleicht die schlüsselbeinbedeckenden Ausschnitte und die handgelenkslangen Ärmel? Sieht man sich ein Foto Catherine Deneuves in einem Smoking von Yves Saint Laurent an, weiß man sofort wieder, dass eine hochgeschlossene Bluse zum schwarzen Hosenanzug verführerischer sein kann als jedes noch so knappe, knallfarbene Minikleid. Auch Mode-Blogerinnen wie die Jüdin Adi Heyman und die Muslimin Ascia al-Faraj tänzeln auf ihren Instagram und Websites auf einer hauchdünnen Linie zwischen attraktiv und aufreizend, luxusverliebt und demütig, eitel und gottesfürchtig. Aber bedeckt.

Autumn '17, folks

Ein Beitrag geteilt von Adi Heyman (@adiheyman) am

Ob religiös oder nicht, eines haben fast alle Modest-Fashion-Unternehmen gemeinsam: Sie werden von Frauen geführt. Von Frauen, die aus den unterschiedlichsten Gründen keine Lust mehr auf die oft enge und verführerische, aber auch wahnsinnig unpraktische Mode haben, die eine von Männern dominierte Branche an ihren Körpern sehen will. Von Frauen, die sich Bekleidungsvorschriften männlich geprägter Religionen aneignen und daraus einen ganz eigenen Stil entwickeln. Ob das nun Emanzipation bedeutet oder Unterwerfung nur in ein hübscheres Gewand hüllt, darüber dürfte es mindestens so viele unterschiedliche Meinungen geben wie darüber, ob ein hochgeschlossener Smoking oder ein offenherziges Minikleid verführerischer ist.

Kommentare

245 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren