Socken Top of the Socks

Die armen Socken führen ein eintöniges Leben im Kleiderschrank des Mannes. Das muss nicht sein. Denn man kann mit einem guten Strumpf so viel richtig machen. Von
Aus der Serie: Jacke wie Hose

Männerfüße sind ja echt ein Problem. Rein ästhetisch. Selbst Menschen, die der Body-Positivity-Bewegung angehören, dürfte es schwerfallen, sich die krummen Dinger schönzureden. Also zieht man ihnen nicht nur zum Warmhalten Socken und Strümpfe über, sondern auch aus Sichtschutzgründen. Und da kommt jetzt gleich die Mode ins Spiel und das nächste Problem: Warum nur müssen Designer daraus das kreischbunte Accessoire der Stunde machen? Und warum machen so viele Männer da mit, im Büroalltag wie in der Freizeit?

Gibt man zum Beispiel beim Männermode-Onlinehändler Mr Porter "socks" ein, dann öffnen sich die Türen zur Farb- und Musterhölle: grellgelbe Modelle von Ralph Lauren, argyle-gemusterte Rautenmauken von Thom Browne, Pinguine auf blutroter Baumwolle bei Etro, langweilig überteuerte Logo-Tennissocken von Vetements für 80 Euro, Tressenmuster bei Prada ... Es tränen einem nach der Besichtigung 450 verschiedener Paare die Augen, man sitzt vor seinem Computer und bettelt um unifarbenes dunkelgraues Merino, das vielleicht ausnahmsweise mal nicht von Falke stammt – obwohl natürlich absolut nichts einzuwenden ist gegen die Produkte dieses längst auch international bekannten Mittelständlers aus dem Hochsauerland. Doch nach unzähligen Exemplaren Falke-Airport für 14 Euro das Paar könnte es auch mal was anderes sein. Etwas, das nicht nur in erster Linie praktisch ist.

Die Pantherella-Socken mit 85 Prozent Kaschmir sind Ansichtssache: Mal scheinen sie tief lila zu sein, mal dunkelblau. Raffiniert.

Tatsächlich scheinen ja gerade junge deutsche Männer Socken als modisches Stilmittel entdeckt zu haben, als Selbstbehauptung nach britischem Vorbild. Dort unterlaufen viele im Berufsalltag gedeckt gekleidete Männer traditionell die ebenso traditionellen Konventionen spielerisch mit bunten Socken: Oben mag ich Nadelstreifen anhaben, doch mein wahres Ich trage ich unterm Hosenaufschlag. Da blitzt es manchmal hervor und es ist buntgeringelt und manchmal sogar schreiend pink. Crazy.

Die Sache ist nun aber die, dass in Deutschland seit Langem kaum mehr Bekleidungsregeln für Männer existieren. Außer eingebildete in Verkaufsgesprächen bei Herrenschneidern. Und manche allzu nostalgischen Männer mögen sich auch nach der Verbindlichkeit früherer Garderobevorschriften zurücksehnen. Doch sogar in obersten Bundesbehörden, wo es zumindest informelle Kleidungsgebote weiterhin gibt, würde fröhlich vielfarbige Bestrumpfung nicht moniert, bestätigte eine alte Bekannte, die in einer solchen Behörde beschäftigt ist: Männer, deren Dienstherr von ihnen auch in Positionen ohne Publikumskontakt das Tragen eines Straßenanzuges erwartet, hätten an den Füßen großen Spielraum zur modischen Selbstentfaltung. Buntkarierte Burlington-Socken, sagte die alte Bekannte, seien unter jüngeren Beamten männlichen Geschlechts äußerst beliebt.

Das Modell Norse Projects erinnert mit seinen Streifen an die bretonischen Marinières. Es hält dementsprechend sogar Fischer warm, auch wenn es zu 90 Prozent aus Baumwolle ist.

Es gibt also nichts, wogegen man mit Socken ernsthaft rebellieren könnte. Vielleicht braucht das Gefühl, sich modisch nonkonformistisch zu verhalten, aber auch gar keine real existierende Konvention, gegen die man verstoßen könnte. Und die Grenze zum bloß Geschmacklosen ist bei solchen Zeichen der vermeintlichen Widerständigkeit ja auch eine fließende. Die von deutschen Männern längst verbrauchten bezeugen das: Ohrstecker, Zopf, Turnschuhe zum Anzug etwa. Bunte Brillengestelle. Übergroße Brillengestelle. Kassengestelle aus Metall. Halbversteckte Tattoos. Das gerade noch aktuellste Beispiel, das einem einfiele, wäre die Undercut-Frisur, während der Man Bun es nie wirklich vom Kopf einzelner Baristas hinter den Espressomaschinen der Großstadtcafés ins richtige Berufsleben geschafft hat; und die komplizierten Vollbärte scheinen fast alle von ihrem Kurzaufenthalt in Berlin nach Brooklyn zurückgekehrt zu sein, dort versteht man sich wohl besser auf deren Pflege.

100 Prozent Kaschmir, wolkenweich verstärkte Sohle: Die Socken von Sunspel (65 Euro) nimmt man vielleicht besser nicht in einer Kreischfarbe, an der man sich schnell sattsieht.

Nun also sind offenbar die Socken dran als Behauptung sogenannter Persönlichkeit und Individualität. Befragt man von derlei männlichen Verstiegenheiten direkt Betroffene, nämlich heterosexuelle Frauen, scheint es bei denen aber tatsächlich gesteigertes Interesse an Farbgestaltung, Garn und möglichen Mustern von Männersocken zu geben. Bei einer ausgedehnten Umfrage unter Freundinnen und Kolleginnen wurde die neue Buntheit prinzipiell begrüßt; es fand sich nur eine einzige Frau, die strikt unifarbenes Dunkelblau, Grau oder Schwarz an Männerfüßen bevorzugt. (Sie zieht aber selbst ausschließlich schwarze Kleidung an.) Alle anderen Frauen wünschten sich mehr Farbe und Verspieltheit, aber bitte keine Tiere oder sonstige Symbole. Es kam nur zu vereinzelten Schilderungen von leicht traumatischen Sex-in-Tennissocken-Begegnungen mit bestrumpften, ansonsten aber vorbildlich unbekleideten Männern. Überhaupt scheint das Tragen von Sportsocken in nicht unmittelbar sportlichen Zusammenhängen auch außerhalb des Betts gewisse ästhetische Bedenken bei Frauen auszulösen. Was ja erst mal eine nützliche, wenn auch nicht unbedingt überraschende Information für einen als Mann darstellt.

Doch man kann als solcher sein Glück ja nicht allein vom weiblichen Blick abhängig machen. Ein anderes, wenn auch dehnbares Kriterium könnte da eine Vorstellung von eigener Würde als Mann sein: Schwarzgelb geringelte Strümpfe mit Wolfskopf-Applikation zum Beispiel, die es derzeit von Gucci gibt, lassen sich mit dieser Würde schwerlich vereinbaren, nicht mal wenn man als verzweifelter Fan von Borussia Dortmund den Vereinsfarben auch an den Füßen treu bleiben möchte; und Bekleidung ironisch zu tragen, wirkt eigentlich immer nur albern, erst recht bei Socken. Streifen jedoch sind ja im Grundsatz nichts Schlimmes, wenn ihre Farbgebung dezent ist. Schmale weiße auf Dunkelblau zum Beispiel wie bei dem Freizeitmodell von Norse Projects (19 Euro) zitieren das klassische Muster französischer Fischer-Sweater, passen gut zu Blue Jeans und sind erstaunlich warm, obwohl sie aus 90 Prozent Baumwolle bestehen. Den gleichen Baumwollanteil haben auch die etwas abenteuerlicheren, aber in den Grundtönen Rot, Weiß, Blau farblich harmonisch abgestimmten Socken von Missoni (28 Euro), die man als Konzession an den Bunten-Büroalltag-Trend auch mal zur dunkelblauen Anzughose tragen kann.

Bei Missoni muss man sich auf verwegene Farbkombinationen und Zackenmuster gefasst machen, diese Ringel-Angelegenheit ist aber so dezent, dass sie auch zum Anzug passt.

Die Materialfrage wiederum führt einen im Winter fast zwangsläufig zu zwei verschiedenen Wollarten: Merino oder doch Kaschmir? Letzteres hat ein paar wesentliche Nachteile: Kaschmir ist eigentlich zu fein, um auf ihm herumzutrampeln, es kann sehr schnell verschleißen, was angesichts des zumeist höheren Preises total ärgerlich ist; zudem ist es so empfindlich, dass man Socken daraus eigentlich nur kalt und per Hand waschen sollte. Andererseits ist es nun aber so, dass weiches Kaschmir sich fabelhaft anfühlt an den Füßen, die Wolle wärmt vorzüglich und lässt doch möglichen Schweiß sehr gut durch.

Vielleicht also doch mal Kaschmir, vielleicht doch mal eine außergewöhnliche, aber edle Farbe und das Ganze kommt sogar aus dem Land der Buntsockenträger: Die alte britische Strumpffirma Pantherella aus der alten Textilstadt Leicester hat gerade ein breitgeripptes Paar (45 Euro) aus 85 Prozent Kaschmir in ihrer Kollektion, das in seinem tiefen Lila wie eine Hommage an die Lieblingsfarbe Purple des großen, zu früh verstorbenen Musikers Prince wirkt. Lustigerweise scheint das Lila je nach Lichtverhältnissen in ein zurückhaltendes Dunkelblau zu changieren. So passt diese Socke zu dunkelblauen und grauen Anzügen ebenso wie zu Jeans, ist also recht universell einsetzbar. Man verliebt sich so sehr in sie schon beim ersten Anziehen, dass man jedoch später möglicherweise sehnsuchtsvolle Blicke von Frauen gar nicht mehr bemerkt.

Rot, Weiß, Blau: die Missoni-Exemplare (90 Prozent Baumwolle) im Detail. Nicht zu lustig, aber eben auch nicht einfach nur grau.

Das scheint überhaupt eine mittelbare Folge des Tragens von Kaschmirsocken zu sein: Man wird auf fröhliche Weise selbstgenügsam. Die Wirkung lässt sich mit 100 Prozent Kaschmir noch steigern, dann aber sollte man vielleicht angesichts des noch höheren Preises konventionelles Grau kaufen, daran wird man sich anders als an Kreischfarben nicht schnell sattsehen. Das Modell von Sunspel (65 Euro) zum Beispiel hat ein verstärktes Fußbett, was zumindest theoretisch die Haltbarkeit der Socke erhöhen sollte. Die ist so himmlisch weich, dass man das Gefühl hat, auf Wolken zu gehen. Man schreitet auf ihr geradezu durch den Alltag und vergisst selbst die miesen Witterungsverhältnisse draußen. Wenn eine so triviale Sache wie eine Socke das schafft, ganz ohne optisch beeindrucken zu müssen, dann ist das doch eine höchsterfreuliche Sache.

Auch wenn diese Argumentation bei besagter Umfrage unter Frauen nicht wirklich verfing. Eine seufzte nur verzweifelt: "Farbe!" Eine flugs durchgeführte Sockenkontrolle offenbarte: Die Frau trug Tennissocken.  

Manche Socken sind beim ersten Anziehen schon so bestrickend, dass man leicht in fröhliche Selbstgenügsamkeit verfallen kann.


Kommentare

39 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Wieso habe ich das Gefühl, dass manch Schreibtätiger Angst hat, der Kühlschrank könnte Weihnachten nicht voll sein und daher noch schnell ein "Problem" detektiert, von dessen Existenz 99% der Menschen im Lande nichts ahnen? Zum Beispiel über Socken.

So etwa zwei Mal im Jahr hat der Discounter des Vertrauens im Rahmen seines Heimwerkerangebotes auch Socken. Meine sind etwas dicker, grau, aus Baumwolle und es steht "Work Wear" darauf. Man kann sie also im Büro, auf dem Weihnachtsmarkt und im Hobbykeller, d. h. eigentlich überall tragen. Drei Paare kosten, wenn ich mich nicht irre, so ca. 6 - 7 Euro. Und damit ist das Thema eigentlich fast durch.
Nur im Hochsommer bedarf es einer kleinen Änderung. Denn zu der Wohlfühlkombination weiß-braun eng kariertes Hemd, braune Shorts und braune Sandalen passen weiße Tennissocken einfach am besten.