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Dorothee Schumacher "Was wollen wir eigentlich noch hören, damit wir an uns glauben?"

Frauen werden nicht stärker, wenn sie sich in eine Uniform hineinreduzieren. Dorothee Schumacher zeigt auf der Berlin Fashion Week, wie man das Weiche und Toughe vereint. Interview:

ZEITmagazin ONLINE: Frau Schumacher, Sie zeigen Ihre Mode seit 2009 bei der 2007 ins Leben gerufenen Berliner Fashion Week, von der in diesen Tagen eher eine Schrumpfversion stattfindet: E-Werk statt Zelt am Brandenburger Tor, ein auf ein Dutzend Designer reduziertes Schauenprogramm, Präsentationen oft im sehr privaten Salonrahmen … Kann man da noch an Berlin als Modestadt glauben oder muss man endgültig pessimistisch werden?

Dorothee Schumacher: Das ist so mit all den Dingen, die am Anfang stehen. Zehn Jahre hört sich vielleicht nach viel an. Ist es aber nicht, gemessen an all dem, was organisch wachsen konnte. Viele Designer finden in Berlin große Inspiration. Eben weil es keine festgefahrenen Codes gibt, weil viele junge Leute hier leben, weil Dinge sich mixen und matchen. Was wollen wir eigentlich noch hören, damit wir endlich an uns glauben?

Die Berliner Modewoche spielt international kaum eine Rolle; jetzt zieht sich auch noch Hauptsponsor Mercedes Benz zurück. Welche Perspektive hat der deutsche Modemarkt?

ZEITmagazin ONLINE: Berlin glaubt ja bekanntermaßen auch nicht an seine eigene Strahlkraft. Ist die Stadt denn für Sie ein guter Markt? Berlin mag eine tolle Location sein – Sie zum Beispiel zeigen Ihre aktuelle Kollektion im Secret Garden, den einstigen, so herrlich morbide konservierten Kolibri-Festsälen –, aber die Geschäfte werden nach wie vor in Düsseldorf gemacht.

Schumacher: Die Showräume sind seit langen Jahren in Düsseldorf, da gab es aus unserer politischen Situation heraus diesen Bruch. Aber Berlin hat eine wunderbare Tradition, an die wir nun auch wieder anknüpfen können. Ich glaube, dass Menschen gern an Orte mit positiver Energie kommen. Ich spreche nicht nur von schönen Stoffen und schönen Farben – sondern von Frauen, die auf Augenhöhe miteinander sprechen. Frauen, die bereit sind, an der Welt ein bisschen mitzudrehen. So entstehen tolle Gespräche und Begegnungen – und auch das macht ein Geschäft aus. Das spielt auch auf künstlerischer Ebene eine große Rolle. Nicht zuletzt war die Entscheidung unsere neue Kampagne mit Viviane Sassen zu shooten genau solch eine Begegnung. 

ZEITmagazin ONLINE: 1989 war das Jahr Ihrer ersten Kollektion – und für Sie, wie Sie sagen, zugleich Inspiration für das, was Sie nun am 16. Januar auf der Berliner Fashion Week zeigen?

Schumacher: Es geht für mich nicht nur um einen politischen Mauerfall, sondern darum, dass auch wir Frauen damals in unseren imaginären Mauern steckten. Frauen haben ihre Kraft, weil sie weiblich sind – wenn sie die Kraft haben, ihre Weiblichkeit zu zeigen. Dann ist sie da, diese feminine Stärke, von der wir heute alle sprechen. Für mich hat 1989 auch da eine friedliche Revolution stattgefunden: bei den Frauen. Schritt für Schritt sind sie einen Weg gegangen und sehen heute ganz anders aus, wenn sie im Beruf stehen. Sie setzen ihre selbstbewusste Weiblichkeit ein. Darum geht es mir.

Die aktuelle Winterkollektion von Dorothee Schumacher, präsentiert vor einem Jahr – dieser Vorlauf ist üblich – während der Berlin Fashion Week im Kaufhaus Jandorf. © Getty Images

ZEITmagazin ONLINE: Kam das auch ein bisschen durch die selbstbewusste Ostfrau, die man ja vor 1989 als Typus gar nicht wahrgenommen hatte?

Schumacher: Ja, ich denke da an eine Veranstaltung zurück, bei der ich mit Frauen gesprochen habe, die vor der Wende Fabriken geleitet haben. Es gibt in Europa aber viele dieser Powerfrauen. Als ich in jungen Jahren ein Praktikum in einer Strickfabrik in Italien gemacht habe, da habe ich sie kennengelernt: diese Italienerin, die die Fabrik geleitet hat, die ihre Familie managte, die mit dem Opa über Politik diskutiert hat und dabei ihre Mähne geworfen hat. Tolle Frauen. Männer machen einen fantastischen Job, was auch immer sie machen, aber wir Frauen sind umso toller, wenn wir wir selbst sein können. Was natürlich für jeden Menschen gilt.

ZEITmagazin ONLINE: Aber viele Frauen fragen sich in puncto Kleidung, gerade in Zeiten von #MeToo, was angemessen ist fürs Büro, um ernst genommen zu werden. Und dann greifen sie eben doch auf eine Art Uniform zurück, das scheinbar seriöse Kostüm oder den Hosenanzug. Das war nun allerdings noch sehr viel zwingender, als Sie Ihre Firma 1989 gegründet haben.

Schumacher: Ich sehe da eine riesige Veränderung, nämlich wie glücklich Frauen sind, die zu sich stehen. Mit Selbstbewusstsein kommt von außen doch auch ein tolles Feedback. Natürlich würde ich mir manchmal am frühen Morgen am Flughafen noch ein etwas anderes Bild von Frauen wünschen. Man wird nicht stärker, wenn man sich versteckt, wenn man sich in eine Uniform hineinreduziert. Ich bin davor auch nicht gefeit. Wenn meine Bankerin vor mir sitzt, die Kleidung fein abgestimmt, mit den richtigen Codes und Nuancen, dann kann ich mich ihr besser öffnen, als wenn da einfach jemand zugeknöpft im Kostüm sitzt. Das sieht aus wie Dienst nach Vorschrift. Die Idee meiner neuen Kollektion ist Alter Ego. Man hat ja verschiedene Facetten, was dann auch die Persönlichkeit spannender macht.

Die Designerin Dorothee Schumacher © schumacher

ZEITmagazin ONLINE: Mit diesen Facetten zu spielen, ist eines Ihrer Markenzeichen. Ich kann mich an eine Kollektion erinnern, in der eher romantische Kleider mit Harnessen kombiniert waren. Ist es Ihnen wichtig, immer diese verschiedenen Facetten durchscheinen zu lassen, das Weiche und das Toughe zugleich?

Schumacher: Ich arbeite jeden Tag mit weit über hundert Frauen zusammen, seit mittlerweile 28 Jahren. Ich kenne die Frauen. Sie werden umso schöner, wenn sie auch ihre andere Seite strahlen lassen. Da Sie diese Kollektion ansprechen: Wir hätten nicht geglaubt, dass die Harnessmodelle, die teilweise sogar mit Blumen besetzt waren, kommerziell so ein Erfolg sein würden. Aber so sind wir danach noch mutiger geworden.

Feminin und stark zugleich: Die Entwürfe von Dorothee Schumacher zwängen Frauen nicht in eine Uniform. Diese Kollektion präsentierte die Designerin vergangenen Sommer in Berlin. © Stefan Knauer/Getty Images

ZEITmagazin ONLINE: Haben Sie gerade die Golden Globes gesehen? Was sagen Sie als Designerin dazu, dass alle Frauen sich verabredet hatten, ganz in Schwarz zu erscheinen?

Schumacher: Mode kommuniziert – und kann ein unglaubliches Verbundenheitsgefühl erzeugen. Natürlich mag es so sein, dass alle, die dort im schwarzen Abendkleid standen, morgen schon wieder die bezauberndsten Farben tragen. Aber fantastisch daran ist doch, dass Frauen zusammenstehen und zusammenhalten. Dass sie wissen, wer ihre Vorbilder sind, dass sie total schlau sind, dass sie die Welt verändern können, dass sie die Jobs wie Männer machen können. Dass sie selbstverständlich auf Augenhöhe sind.

ZEITmagazin ONLINE: Wann kam das eigentlich, dass Frauen gelernt haben, modisch ihre Stärke nicht nur mit Schulterpolstern zu signalisieren?

Schumacher: 1989 gab es nur eine große Designerin in Deutschland und alle haben sie geliebt: Jil Sander. Alles von ihr war reduziert, minimalistisch, maskulin. Und es war sicher hundertprozentig richtig für diese Zeit. Meine erste kleine Jerseykollektion, mit Satinbändern und zarten Farben, konnten damals nur Einkäufer gut finden, die schon Lust auf eine friedliche Gegenbewegung hatten.

ZEITmagazin ONLINE: Waren es tatsächlich nur drei T-Shirts damals?

Schumacher: Ja! Doch unter dem Hosenanzug eine Schleife, eine Satinkante hervorblitzen zu lassen, das zeigt so viel mehr: In dieser starken Frau im Anzug steckt auch ein Mädchen – das hat sie sich bewahrt. Für mich ist das eine gemeinsame Sprache, eine Offenheit, die ich fühle und verstehe. Mit der gleichen DNA habe ich weitergemacht: Meine Entwürfe sollen die Weiblichkeit unterstreichen, ohne sie zu verniedlichen. Es geht mir um starke Weiblichkeit. Und damit ich weiß, dass es sich richtig anfühlt, probiere ich immer noch jedes Stück meiner Kollektionen selbst an.

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Habe ich eigentlich nicht so empfunden. Hier scheint mir eine Frau unterwegs zu sein, die weiß was sie will und was sie tut. Der Name war mir bisher zwar kein Begriff, doch die Überschrift hat mich neugierig gemacht. In dem was sie dann im Interview sagt, steckt viel Wahrheit. Wenn ich mir die abgebildete Mode ansehe, finde ich auch, dass die sehr gut aussieht.