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Golden Globes Wie elegant kann stummer Protest sein?

Bei den Golden Globes will Hollywood Solidarität mit der #MeToo-Bewegung zeigen und posiert demonstrativ in Schwarz. Doch taugt das kleine Schwarze zum Protest? Von

Das Gebrüll jedenfalls war schon mal genauso wie immer. Michelle! Michelle! Michelle! Jessica! Jessica! Jessica! Dreh dich, zeig dich! Hierher! Hierher! Gorgeous! Für die Fotografen am roten Teppich der 75. Verleihung der Golden Globes in Los Angeles zählt nicht die Botschaft, sondern das Bild. Von der Frau in großer Robe, vom Ausschnitt an Brust und Bein, vom Blick über die Schulter, der perfekt sitzt bei Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt im Schauspielfach verdienen.

Wie sollte es auch anders sein. Nicole Kidman hatte wie immer ihren Mann Keith Urban dabei, der wie immer die Haare ein wenig zu affig geglättet hatte und von der Hälfte der Fotos ferngehalten werden musste. Sarah Jessica Parker hatte wie immer das richtige Kleid dafür gefunden, ihren mädchenhaft tändelnden Sex-And-The-City-Rockschwung neu aufleben zu lassen. Halle Berry hatte wie immer eine Möglichkeit gefunden, zugleich zu dekolletiert und zu beinfrei zu einer Abendveranstaltung zu erscheinen.

Alles wie immer also? Nicht ganz. Es gab kein Pink, kein Weiß, kein Blau zu sehen, höchstens mal ein zaghaftes silbernes Glitzerkrägelchen wie bei Elizabeth Ross oder einen roten Gürtel wie bei Mandy Moore. Es muss sich im Nachhinein niemand die Frage stellen, ob sich hier eine stilistische Tendenz abzeichnet, die sich bei der großen Schwester, der Oscarverleihung, fortsetzt. Die Verabredung zu den Golden Globes lautete: Wir gehen schwarz, Hashtag: #AllBlackEverything. Aus Protest gegen Sexismus und sexuellen Missbrauch, gegen fest zementierte Ungleichheiten und das Schweigekartell im System Hollywood. Gegen all das, was mit den Berichten über die Belästigungen und Übergriffe des Filmproduzenten Harvey Weinstein seit Oktober 2017 bekannt geworden ist.

"Die Zeit ist um"

Zu #MeToo ist am 1. Januar 2018 #TimesUp hinzugekommen, eine Initiative von mehr als 300 Schauspielerinnen, darunter Reese Witherspoon, Alyssa Milano, Meryl Streep, Emma Stone und Maggie Gyllenhaal. In einer ganzseitigen Anzeige in der New York Times und einem offenen Brief haben sie ihre Botschaft, "Die Zeit ist um", dargelegt: "Wir verpflichten uns dazu, unsere eigenen Arbeitsumfelder weiterhin in die Verantwortung zu zwingen, auf Wandel und wirkliche Veränderung zu drängen, sodass die Entertainment-Industrie ein sicherer und gerechter Ort für alle Menschen wird, und die Geschichten von Frauen durch unsere Augen und Stimmen zu erzählen mit dem Ziel, das Bild und die Behandlung von Frauen durch unsere Gesellschaft zu ändern."

Kann man da Solidarität zeigen, indem man in einem bizarren Boudoir-Look erscheint wie Catherine Zeta-Jones, deren Robe aus schwarzen Tüll bestand, der nur an den bestickten Stellen nicht völlig transparent war – und der zugleich enthüllte, dass sie #AllBlackEverything bis hin zur schwarzen Spandex-Unterhose berücksichtigt hatte? Oder ist auch diese Frage schon wieder völlig unangebracht? Muss man jetzt erneut überlegen, ob eine Frau mit einem taillentiefen Ausschnitt am Kleid – wie zum Beispiel Kate Hudson – ernst genommen werden will und sich nur schön machen wollte? Oder für schön befunden werden wollte und es ernst gemeint hat? So kann das doch nicht beabsichtigt gewesen sein: dass man im Jahr 2018 so jemanden wie Sharon Stone in einem Gewand mit ans Art déco erinnernden Transparenzeinsätzen sieht und sich fragt, ob das denn dem Anlass angemessen sei. Ansonsten wäre sie damit einfach in der Top Ten der tollen Kleider gelandet.

Eine Frage aber sollte bei der diesjährigen Verleihung, sonst der Klassiker beim Schaulaufen, eben nicht gestellt werden: "Who are you wearing?", sonst scheinbar der wichtigste Aspekt, wenn eine Frau sich nach mehrstündigen Meliorationsmaßnahmen zu einer Gala begibt. "Machen Sie das so auch bei den Männern?", das hatte Cate Blanchett schon 2014 bei den SAG Awards einen Kameramann gefragt, der sie von Scheitel bis Sohle abfilmte und damit das, was sie derweil zu sagen gehabt hätte, zur Nebensache degradierte.

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