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Nachruf auf Ingvar Kamprad Schraubst du schon?

Er hat die Welt zum Heimwerkermarkt gemacht – und aus Möbeln eine Mitnahme-Mode: Ingvar Kamprad, der Gründer des schwedischen Ikea-Konzerns, ist 91-jährig verstorben. Von

Das meistverbreitete Buch der Welt ist keins, in dem man liest – und doch eins, in dem man in einer Geschichte über die Gegenwart versinken kann. Einen Autor hat es nicht, einen Urheber hingegen schon: Ingvar Kamprad. Es ist der Ikea-Katalog mit einer jährlichen Auflage von 220 Millionen Exemplaren, und er wird vielleicht deshalb als Buch rezipiert, weil er den Kunden sehr viel über ihre Art zu leben erzählt.

Dass sich unsere Art zu leben vom zentnerschweren Wohnzimmerschrank hin zum immer wieder neu arrangierbaren Regalsystem entwickelt hat, dass Wohnen heute insgesamt als flexible Variante oder gar Übergangslösung und nicht mehr als unverrückbare Hausstandsgründung verstanden wird – das ist vielleicht die klügste Erkenntnis des Ikea-Gründers, der am 27. Januar im Alter von 91 Jahren in seinem Haus im südschwedischen Småland verstorben ist. Ingvar Kamprad hatte sein Unternehmen 1943 – da war er gerade mal 17 Jahre alt – ins Leben gerufen, es ist nach ihm benannt, als Abkürzung von Ingvar Kamprad Elmtaryd Agunnaryd. Elmtaryd heißt der Hof nahe des Dorfes Agunnaryd, auf dem er aufgewachsen ist. Zuerst verkaufte er an die Bauern der Umgebung Alltagswaren wie Bilderrahmen und Kugelschreiber, ab 1947 bot er auch Möbel zum Versand an, seit 1956 werden sie als Bausatz vertrieben. Das erste Modell zum Selberschrauben war "Lövet", ein Nierentisch, dem die zierlichen Beinchen flach im Paket beilagen.

Heute hat Ikea weltweit 403 Filialen und einen Jahresumsatz von rund 34 Milliarden Euro, der Konzern bezeichnet sich schon lange nicht mehr als das "unmögliche Möbelhaus aus Schweden". Klingt ja auch ein bisschen zu sehr nach Klassenkasper, wenn man doch eigentlich eine viel höhere Botschaft die seine nennt: Ikea hat die zunehmend wohlwollenderen Auslegungen von anfangs noch ratlosen Design-Theoretikern, Innenarchitekten und Kuratoren – die Neue Sammlung München widmete dem Unternehmen 2009 die erste Einzelausstellung – dankbar aufgenommen. Das Unternehmen inszeniert sich heute als Gralshüter des sogenannten "Democratic Design", das dank niedriger Preise allen zugänglich und millionenfach multiplizierbar ist. Das vielleicht bekannteste Produkt des Hauses, das Regal "Billy" – Pressspanplatte mit Folienbeschichtung, variable Maße, wechselnde Farben – wurde innerhalb von 30 Jahren 41 Millionen Male verkauft. Mehr als zwei Umzüge überlebt es selten, dann bröseln die Kanten.

Ordnung muss sein

"Benutze es und wirf es weg", das klingt nach einem billigen T-Shirt, das sich nach der ersten Wäsche in einen formlosen Lappen verwandelt, und damit wie eine zeitgenössische Kritik an der Fast-Fashion-Industrie. Doch das war in den siebziger Jahren tatsächlich Ikeas Werbeslogan: Möbel sollten wie Modeartikel vermarktet werden. Korrespondierend zu Laufsteg-Präsentationen mit saisonalen Wechseln gab es, seit den fünfziger Jahren schon, einen jährlich erscheinenden Ikea-Katalog mit wechselnden Slogans. "Wohnst du noch oder lebst du schon?" ist zum Sprichwort geworden, der aktuelle lautet: "Dein Zuhause. Dein Leben. Auf alles eingerichtet."

In den letzten Jahren ging es in gesellschaftlichen Diskussionen viel um Diversifikation, weswegen bei Ikea nun gern Multikulti-Wohngemeinschaften in der Statistenrolle an malerisch unaufgeräumten Küchentischen oder in lässigen Sofalandschaften zu sehen sind. In Zeiten, da der Wohnraum in den Städten teurer und knapper wird, haben sich die Kataloge jüngeren Datums, wiederum ganz trendgerecht, der Frage gewidmet, was sich denn alles auf 18 oder 25 Quadratmetern Wohnfläche an Familienleben unterbringen lässt. Aufbewahrung, so heißt der Produktbereich, in dem man findet, worin man Bücher, Teller, Platten, Spielzeug und Kleider unterbringt.

Die Farben der Einrichtung folgen stets den Laufstegtrends, derzeit ist das gräuliche Rosa mit gelben und petrolfarbenen Akzenten ein Favorit. Der Schwerpunkt der Kataloge richtet sich nach den Schwerpunkten der Möbelmessen – jahrelang wurde die Küche als Gemeinschaftsraum inszeniert, nun ist es wieder das Wohnzimmer, weil die Menschen heutzutage ja gar nicht mehr unbedingt in der Küche sitzen, sondern mit Laptop und Abendessen in der Portionsschüssel auf möglichst geräumigen Sofas lagern wollen. Wie im Möbelhaus mit seinem Parcours, der kaum Abkürzungen duldet, wird das alles auch im Katalog in Wohnwelten inszeniert, inklusive sämtlicher Accessoires wie Kissen, Kerzen, Poster und Lampen. Und doch liegt hinter den sanft verräumten Tableaus immer die sehr sachliche Aufforderung, doch bitte aufzuräumen. In der Ikea-Welt soll Ordnung herrschen, nur dann ist die Welt in Ordnung. Das Du, mit dem die Kunden angesprochen werden, klingt deswegen mitunter ein wenig schulmeisterlich, nach Erziehungsanspruch.

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