© Mireya Acierto/Getty Images

Südkorea K wie kool

K-Mode, K-Musik, K-Kosmetik: In Südkorea entstehen gerade viele Trends. Das asiatische Land beweist mit Humor und Selbstbewusstsein einen ganz eigenen Sinn für Schönheit. Von

Aus Korea kommt etwas auf uns zu. Nein, im Grunde ist es längst da. Es nennt sich Hallyu, ist völlig unpolitisch und muss uns keine Angst machen. Der Begriff umschreibt die weltweite Begeisterung für südkoreanische Trends in Mode, Musik, Beauty und Küche – und das Staunen über die Innovationskraft des ostasiatischen Landes. Samsung zum Beispiel könnte Apple durchaus den Rang ablaufen. In Berlin, Paris oder London hält man sich leicht für den Nabel der Welt. Wer aber aus Seoul, einer Megastadt mit über zehn Millionen Einwohnern, gelegen im Ballungsraum Sudogwon mit mehr als 25 Millionen Menschen, in eine europäische Metropole reist, empfindet sie vermutlich als liebenswert museal.

In Asien entsteht Zukunft, und in Südkorea werden gerade Lifestyle-Trends gesetzt. Am deutlichsten merkt man das in der Küche. Die feurigen und mit reichlich Knoblauch gewürzten Gerichte werden in den vielen neuen koreanischen Restaurants von Berlin, Hamburg oder München eifrig bestellt: Kimchi, der scharf marinierte, milchsauer vergorene Kohl, oder Bibimbap, ein Reisgericht mit verschiedenen Gemüsesorten, etwas Rindfleisch und einem Spiegelei obendrauf. Längst beeinflussen koreanische Gerichte auch Rezepte von Sterneköchen wie Tim Raue, finden sich Chilipaste und Sesamöl in vielen deutschen Küchen.

Aber nicht nur das: K-Mode, K-Musik, K-Kosmetik: Korea ist inzwischen in vielen Bereichen trendsetzend. Karl Lagerfeld hat das Potential Seouls als Fashion City früh erkannt: 2014 zeigte er dort die Chanel-Cruise-Show. Die großen alten Namen der Modewelt waren und sind in Asien zwar sehr begehrt, aber Südkorea entwickelt längst ein eigenes Selbstbewusstsein in Sachen Lifestyle. Koreanische Modemacher werden mit großem Interesse in den USA und Europa empfangen, und sie tun einiges dafür, um sich hier bekannt zu machen. Auf der Pitti Uomo in Florenz, der weltgrößten Männermode-Messe, war Südkorea zum Beispiel im Januar Gastland. Auf der Fashion Week in New York präsentierten sich im vergangenen September die koreanischen Labels Lie by Chung Chung Lee und Greedilous by Younhee Park.

Gerade das Thema der Sommerkollektion von Lie gibt ein gutes Beispiel dafür, was Mode aus Korea so attraktiv macht. Die Modelle waren inspiriert von einer Blume in ihren verschiedenen Stadien: von der Knospe über die perfekte Schönheit der Blüte bis zum melancholischen Zauber des Verwelkens. Bei koreanischen Modemachern ergänzen sich Minimalismus und Maximalismus, anstatt im Widerspruch zueinander zu stehen. Das für europäische Augen oft etwas exzentrische Modebild Asiens findet in Korea eine Balance, bei der Dekorativität unbedingt erwünscht ist. Das kann man naiv finden. Oder aber einfach schön und unbeschwert.

Mode für attraktive und verwirrte Männer: Ein Model führt die Kollektion von Beyond Closet vor. © Guitarpress

Auch in der Männermode gelingt der Spagat zwischen Avantgarde und Tragbarkeit, wie in Florenz bewiesen wurde. Das eher konzeptuelle Label Bmuet(te) schrieb auf die Kragen eines Polohemds "Weird but beautiful", also "Merkwürdig, aber schön". Und das war programmatisch für die Kollektion, in der etwa ein im Rücken zugeknöpftes Hemd mit einem rückenlosen Pullover kombiniert wird, ein Sweatshirt auch als Hose getragen werden kann oder Bomberjacke und Mantel unerwartet zu einer Jacke mit neuen Proportionen verschmelzen. Das Label Beyond Closet zeigte eine Neuinterpretation des amerikanischen Preppy-Stils, ebenfalls mit koreanischem Humor und Schönheitssinn gewürzt. Samtanzüge, lilafarbene Jogginganzüge, Crockett-Mützen, Hundemotive, Fanschals oder Tennisstirnbänder und Häkeljacken finden zu einer schrägen und doch merkwürdig homogenen Mischung zusammen. Es sei Kleidung, so beschreibt es der Designer Ko Taeyong, "für einen überaus attraktiven und sehr verwirrten jungen Mann".

Der Erfolgskurs, auf dem sich die koreanische Mode befindet, hängt wohl damit zusammen, dass sie Tradition und modernste Technologie mit Humor, Optimismus und Kleidsamkeit verbinden. In der Regel ist sie auch noch einigermaßen erschwinglich, was sicher auch nicht schadet. In Berlin etwa bietet der Knok Store koreanisches Design, die Onlineshops Stylananda oder W Concept liefern ebenfalls einen guten Überblick dazu, was in Korea gerade Mode ist.

Auch koreanische Topmodels sind inzwischen Modebotschafterinnen des Landes. Hye Park folgen auf Instagram immerhin 90.000 Abonnenten, Hyoni Kang über 390.000, Irene Kim mit ihrem bunten Haar sogar eine Million.

Disziplin und Effizienz der Koreanerinnen gehören zu den Erfolgsfaktoren des Landes. Diese Mentalität spiegelt sich gerade auch im Bereich der pflegenden Kosmetik wieder. "Get-it Beauty" lautet das Motto. Man kommt nicht schön zur Welt, Schönheit wird erarbeitet, so die Philosophie. Natürlichkeit spielt eine eher untergeordnete Rolle. Das "Herstellen" von Schönheit mithilfe von Expertentricks ist gefragt. Und die empfehlen das Layering, also die Verwendung verschiedenster Produkte übereinander, in einem sogenannten Beauty-Ritual. Kein Wunder, dass die Industrie weltweit so eine Idee preist. Viele Produkte versprechen schließlich nicht nur schöne Haut, sondern sichern vor allen Dingen hohe Umsätze.

Viele Schichten, viele Produkte: Die südkoreanische Schönheitsindustrie setzt auf Layering. © Vince Talotta/Getty Images

Ideal, dass beim Wort Ritual gedanklich im Westen so begehrte Seelenzustände wie Ruhe, Entspannung und Meditation mitschwingen, wo es sich doch tatsächlich um ein Zwangskonzept im Auftrag der Schönheit handelt. Beispielhaft dafür steht der Trend Glass Skin, den auch deutsche Frauenzeitungen propagieren. Nur eine ausgeklügelte Kombination und streng einzuhaltende Abfolge von diversen Reinigungsprozessen, Peelings, Masken, Seren und Cremes, angewendet über einen langen Zeitraum, versprechen schlussendlich den in Südkorea und generell in Asien so geschätzten, porzellanenen, porenfreien und perlengleich schimmernden Teint. Wobei, das bleibt in den Anleitungen nicht unerwähnt, für den wirklich perfekten Glow eine positive Lebenseinstellung auch noch dazukommen muss. Laissez-faire ist in Sachen Beauty nicht angesagt.

Die koreanische Disziplin zeigt sich auch in der Popmusik. Musik ist in Südkorea im wahrsten Sinne des Wortes eine Industrie. Viele K-Pop Bands, allesamt gecastet, von Managern zusammengestellt und in ein Image gezwängt, nehmen ihre Songs und Videos auch auf Chinesisch auf. Die überaus erfolgreiche Band EXO teilt sich sogar in Exo-M und Exo-K auf. Der eine Teil der Band singt Mandarin und tritt in China auf, der andere singt koreanisch und steht nur in Südkorea auf der Bühne.

Auch in Deutschland hat der K-Pop Fans, aber längst nicht dieselbe Bedeutung wie K-Küche, K-Fashion oder K-Beauty. Der erfolgreichste Musikexport bleibt bis auf Weiteres Gangnam Style des Rappers Psy. Das Video ist übrigens auch eine schöne Illustration koreanischer Mode und Beauty-Ideale, und nicht zuletzt des Humors des Landes.

Kommentare

66 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren