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Hubert de Givenchy Der Schönheitschirurg der Couture

Ein schwarzes Kleid für Audrey Hepburn hat Hubert de Givenchy berühmt gemacht. Die Kunst des nun verstorbenen Modeschöpfers war seine schlichte, schnörkellose Eleganz. Von

Wenn Hubert de Givenchy auf den Laufsteg trat, um den Applaus des Publikums entgegenzunehmen, trug er immer das gleiche Kleidungsstück: einen weißen Arbeitskittel, makellos gebügelt und gestärkt. Während andere Modedesigner in Fantasieuniform und Maßanzug den großen Auftritt suchten, wirkte Givenchy, als habe er bloß schnell seine Arbeit im Atelier zur Seite gelegt. Mit höflicher Diskretion und elegantem Schnitt perfektionierte er die Kunst der schnörkelfreien Mode. "In der Haute Couture arbeiten wir wie Schönheitschirurgen", sagte er einmal. "Wir tilgen Unvollkommenheiten und verfeinern die Silhouette." Givenchy wusste damals noch nicht, dass sein Modehaus im 21. Jahrhundert mit neobarocker Spitze und bedruckten T-Shirts für eine kurze Zeit zur liebsten Einkaufsadresse des Kardashian-Clans avancieren sollte.

Seine Muse: Mit Audrey Hepburn war Givenchy sein Leben lang befreundet. © Hulton Archive/Getty Images

Geboren wurde Hubert de Givenchy 1927 als Sohn einer Adelsfamilie im nordfranzösischen Beauvais. Sein Vater, ein Marquis, starb an den Folgen einer Grippe, als der Sohn zwei Jahre alt war. Für Hubert hatte die Familie eigentlich eine juristische Laufbahn vorgesehen. Doch glaubt man der Legende, so war der zehnjährige Givenchy bei der Pariser Weltausstellung von 1937 so beeindruckt vom Modepavillon, in dem Designerinnen wie Jeanne Lanvin oder Elsa Schiaparelli ihre Entwürfe zeigten, dass er seine Berufswahl zur beschlossenen Sache erklärte. Die Avantgardistin Schiaparelli hatte eine Schaufensterpuppe nackt über einem Blumenbeet drapiert und das Kleid locker danebengeworfen.

Mit ein paar Skizzen in der Tasche stieg Givenchy als Siebzehnjähriger in den Zug nach Paris. Weil man ihm im Atelier seines großen Vorbildes, des spanischen Couturiers Cristóbal Balenciaga, an der Tür abwies, lernte er das Handwerk bei Jacques Fath, Lucien Lelong, Robert Piguet und schließlich bei Schiaparelli, für die er vier Jahre lang arbeitete. Als Givenchy mit 25 sein eigenes Atelier eröffnete, brauchte er – es war 1953 – nicht viel, um die exquisiten Pariser Modezirkel zu schockieren. Weil ihm das Geld für teure Stoffe fehlte, schneiderte er Mäntel und Abendkleider aus Leinen und günstiger Baumwolle. Obendrein waren seine Schnitte körperbetonter als die der Konkurrenz. Anstelle von Komplettgarderoben schneiderte Givenchy schmale Röcke und Hosen, feine Pullover und Oberteile mit tiefen Rückenausschnitten, die beliebig miteinander kombiniert werden konnten. Er brauchte kaum ein Jahr, um zum neuen Liebling der Modeszene aufzusteigen. Givenchy, gutaussehend und stets akkurat gescheitelt, eroberte Bälle, Salons und Künstlerkreise. Bald hingen seine Designs in den Garderoben von Gloria Guinness, Grace Kelly und Jackie Kennedy.

Eine Ausstellung in Calais würdigte 2017 Givenchys Schaffen. Vorne links findet sich sein berühmtester Entwurf, das schwarze Kleid mit Perlencollier aus "Frühstück bei Tiffany". © Philippe Huguen/AFP/Getty Images

Niemanden jedoch kleidete Givenchy so oft und so gern ein wie Audrey Hepburn, mit der ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Als sich Hepburn 1953 in Givenchys Atelier anmelden ließ, hatte der eigentlich eine andere Schauspielerin erwartet: Katherine Hepburn, die damals noch weit berühmter war als die 24-jährige Audrey. Er ließ der Besucherin höflich ausrichten, er habe keine Zeit, die Kostüme für ihren neuen Film zu entwerfen, schließlich habe er gerade erst seine Modelinie gegründet und alle Hände voll zu tun. Weil die beiden sich auf Anhieb verstanden, durfte Hepburn sich trotzdem aus den Kleidern der letzten Saison bedienen. Wenig später erwartete sie Humphrey Bogart im Film "Sabrina" in einem bauschig-weißen Givenchy-Ballkleid zum nächtlichen Rendezvous auf dem Tennisplatz. Hepburn war die beste Werbefläche, die der Designer sich wünschen konnte. Spätestens mit dem schwarzen Etuikleid aus Frühstück bei Tiffany, in dem Hepburn bis heute millionenfach von großformatigen Postern lächelt, ging Givenchy in die Filmgeschichte ein.

Viel Schwarz, ein bisschen Rüsche – Claire Waight Keller entwirft ganz im Sinne des Gründers für das Haus Givenchy. © Alain Jocard/AFP/Getty Images

Die zweite große Freundschaft, die Givenchys Karriere prägte, war die zu Cristóbal Balenciaga. Obwohl die beiden nie offiziell zusammenarbeiteten, wurde der spanische Couturier zum Mentor des jüngeren Designers. Als gläubiger Mann vertraue er auf zwei Dinge, sagte Givenchy einmal: Gott und Balenciaga. Ihre Ateliers befanden sich nur ein paar Meter voneinander entfernt auf der Pariser Avenue George V, und so oft Givenchy konnte, wohnte er den Anproben auf der anderen Straßenseite bei. Von Balenciaga lernte er, alles Überflüssige wegzunehmen, um zur Quintessenz vollendeter Eleganz zu finden. Als der sich 1968 aus der Mode verabschiedete, empfahl Balenciaga seinen treuen Kundinnen, sich fortan von seinem Kollegen einkleiden zu lassen. Hubert de Givenchy war nun der unangefochtene Couturier von Paris.

Für Givenchy waren diese Zeiten, in denen eine Frau nie ohne Hut und Handschuhe aus dem Haus ging, die goldenen Tage der Mode. Doch spätestens mit dem Anbruch der Achtziger war es in der Mode um die hübsche Zurückhaltung geschehen. In Paris und Mailand herrschten Designer wie Gianni Versace oder Thierry Mugler, die Bombast und Exzess feierten. Auf der anderen Seite standen die Modeschöpfer, die Kleider als Konzeptkunst verstanden und das Establishment mit intellektuell verwickelten (und gelegentlich verstörend hässlichen) Entwürfen hinterfragten, wie Rei Kawakubo von Comme des Garçons oder Martin Margiela. Givenchy wollte Frauen immer bloß schön machen.

Schlichte Eleganz, ganz in Weiß: Eine Reminiszenz an Hubert de Givenchys Vorlieben bei den Haute-Couture-Schauen im Januar 2018. © Bertrand Guay/AFP/Getty Images

1995, sieben Jahre, nachdem er seine Marke an den Luxuskonzern LVHM verkauft hatte, verließ er das Haus auf Drängen von Konzernchef Bernard Arnault. Fortan wechselten die Designer dort in schneller Folge. LVHM heuerte junge, wilde Modeschöpfer wie John Galliano und Alexander McQueen an. Man wollte Givenchy eine Frischekur verabreichen: weg vom gesetzten französischen Couture-Schneiderwerk, hin zur innovativen und leicht skandalösen Verve junger britischer Moderebellen. Es verwundert wenig, dass Hubert de Givenchy in den Entwürfen von Galliano und McQueen "das Gegenteil von Schönheit und Eleganz" entdeckte. Er selbst, sagte er, habe zumindest keine Mode für verhungerte Frauen mit orthopädischen Schuhen und Kriegsbemalung entworfen. Die Rechnung ging ohnehin nicht auf. Galliano blieb kein Jahr und ließ sich noch 1996 vom Konkurrenten Dior anstellen. McQueen, der eine Givenchy-Show in einem Schlachthaus abhielt, flog raus.

Erst 2005, als der Italiener Riccardo Tisci als Designer bei Givenchy übernahm und die Marke mit religiös angehauchter Goth-Romantik und Rottweiler-T-Shirts runderneuerte, kam das Modehaus wieder auf Kurs. Jetzt kleideten sich Madonna, Beyoncé und Kim Kardashian in Givenchy, deren Hochzeitskleid Tisci entwarf. Die Marke verkaufte wie nie zuvor. Dass Hubert de Givenchy mit der Mode, die seinen Namen trug, noch immer ausgesprochen wenig anfangen konnte, dürfte als gesichert gelten. Es war vielleicht einer der Gründe, warum sich der Couturier zuletzt vor allem darauf verlegte, Kunst und erlesene Möbel im Louis-Quatorze-Stil zu sammeln und in seinem Renaissance-Schloss im nordfranzösischen Jonchet opulente Gärten anzulegen. Im letzten Jahr wurde Tisci aber von Clare Waight Keller abgelöst – ihre mädchenhaft-schlichten Entwürfe dürften wieder ganz im Sinne des Gründers sein.

Nun ist Hubert de Givenchy im Alter von 91 Jahren gestorben. Sein Modehaus bestätigte den Tod des Gründers am Montag. Er sei ein Gentleman gewesen, der über ein halbes Jahrhundert lang Pariser Chic und Eleganz symbolisiert habe, wurde in einem Statement in den sozialen Netzwerken mitgeteilt: "Er wird sehr vermisst werden."

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