Porzellan Die Erben der Scherben

Was Foodies so anrichten: Das ehrgeizige Menü soll auf einem schönen Teller serviert werden. Das ist einer der Gründe dafür, dass gutes Porzellan wieder im Trend liegt. Von

James mit dem Vollbart, Chloe mit dem Schmollmund oder der gepiercte Peter: Wandteller sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Statt ländlicher Szenen oder nostalgischer Streublumen finden sich nun die Porträts von Party People und anderen Nachtschwärmern auf weißem Porzellan. Gerade wurden sie auf der Ambiente-Messe in Frankfurt am Main vorgestellt. Ihr markantes Profil, ihre auf wenige Striche präzisierten Gesichtszüge erinnern an Zeichnungen Jean Cocteaus, entworfen hat sie Otto Drögsler, einer der beiden neuen Kreativdirektoren der Porzellanmanufaktur Meißen. Drögsler und sein Partner Jörg Ehrlich haben in den letzten Jahren ihr Modelabel Odeeh auf Kurs gebracht, jetzt wollen sie den Gesamtauftritt der Manufaktur auf die Höhe der Zeit bringen. Da sind sie nicht die Einzigen: Fürstenberg kooperiert mit Sebastian Herkner, einem der erfolgreichsten deutschen Produktdesigner. Hella Jongerius setzt Tiermotive aus den Archiven von Nymphenburg neu auf Tellern um, Villeroy & Boch legt sein klassisches Service Wildrose als Rose Sauvage neu auf, Louise Campbell hat für Royal Copenhagen die berühmte Musselmalet-Serie überarbeitet. Und die Königliche Porzellanmanufaktur Berlin bietet einen schlichten weißen Becher zusammen mit einer Flasche Wodka als Berlin Mule Set an. Sie alle setzen mit modernisierten Dekors und neuen Produkten auf neue Zielgruppen.

Denn Porzellan erlebt gerade eine Renaissance, und das hat mit den Foodies zu tun, mit den anspruchsvollen Besseressern. Wer biologisch angebaute Pastinaken sous vide gart, der will diese Meisterleistung seiner Küche auch angemessen präsentieren – im Gourmetrestaurant wie zu Hause. Abgestoßene Startersets aus dem Möbelhaus taugen nicht so recht, um die feinen Unterschiede zu betonen. Denn das Geschirr, von dem man den Bachsaibling an Rhabarber und grünem Spargel in kleinen Portionen auf die Gabel spießt, spiegelt ja auch Lebenshaltung und Lifestyle wider. Für die Selbstdarstellung und den größtmöglichen Genuss muss das Gesamtpaket stimmen.

Mit rund 2.300 Ausstellern ist die Dining-Sektion auf der Ambiente die größte und wichtigste Ausstellungsplattform der Branche. Hier wird alles gezeigt, was in die Küche und auf den Tisch kommt. 6,3 Milliarden Euro Gesamtumsatz 2017, etwas mehr als im Vorjahr, kann der Handelsverband Koch- und Tischkultur (GPK) verkünden. Besonderes Plus machen Geschirr, Tischtextilien und dekorative Accessoires. "Man will's wieder schön zu Hause haben: Gäste bewirten, zusammen kochen, vielleicht auch gleich in der Küche gemeinsam essen. Eine lässige Form von 'Besonders einladen' entwickelt sich", sagen Jörg Ehrlich und Otto Drögsler.

Um Etikette geht es weniger: Ein klassisches Service, das vom Vorspeisenteller über die Sauciere bis zur Dessertschüssel die komplette Abfolge eines bürgerlichen Menüs bestückt, muss man sich heute nicht mehr zusammensammeln. Zeitgemäßer erscheinen zusammengewürfelte Einzelteile, das betont den individualistischen Charakter der Gastgebenden. Die Kombination von Formen, Mustern und Farben wird allerdings auch schon von vielen Manufakturen in Serie angeboten, damit man nicht ewig sammeln muss, etwa bei Rosenthal mit Mesh It.

Wie in der Mode gibt es dabei eine erstaunliche Diskrepanz zwischen massenhaft hergestelltem Gebrauchsgeschirr, das ähnlich wie die Kleider mancher Hersteller das Waschen eigentlich nicht lohnt, und einer neuen Wertschätzung für feinste, sehr hochwertige Porzellanwaren. Das Teeservice der aus Minsk stammenden und in den Niederlanden arbeitenden Künstlerin Vika Mitrichenka etwa hat schon Kunstcharakter. Die Kannen und Tassen sind aus unterschiedlichsten Teilen gebrochenen Porzellans zusammengesetzt. Eine Erinnerung an ihre Großmutter, wie sie sagt, bei der nie ein Teil weggeworfen wurde – und die sich nicht an Brüchen oder Stößen störte.

Piercings statt Streublumen: Das ist "Peter", gezeichnet vom Modedesigner Otto Drögsler. © Meissen

Solches Patchwork-Porzellan verströmt das so sehr gewünschte Flair gelebten Lebens. Wenn Teller fehlen, müssen sie nicht durch identische ersetzt werden, im Gegenteil. Und eine Untertasse kann auch als Ablage für Kekse verwendet, in der Teetasse ein Süppchen serviert werden. Kombinierbarkeit untereinander und Teile eines Services vielfältig nutzen zu können sind aktuell entscheidende Kriterien für den Erfolg einer neuen Linie.

Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

sie sprechen mir aus der seele ;-)
und zu den messern: ich hab tatsächlich welche vom "versandhaus für die besseren", bestellt vor 20 jahren als studentin, die mit der windmühle, kein rostfreier stahl, gut schärfbar und damals als lagerware aus vorkriegsbeständen verkauft. ohne die möchte ich nicht mehr kochen. ohne die mit dem gelben plastikgriff aber auch nicht, wenns ausbeinen etc. geht.