Porzellan: Die Erben der Scherben

Inzwischen ist es selbstverständlich, dass man aus einer Schale Tee trinken kann und bei anderer Gelegenheit Reis in ihr serviert. Auch bei Stefanie Hering, die 1992 eine eigene Manufaktur in Berlin gegründet hat. Ihr Markenzeichen ist die klare, weite Form, die Kombination von seidig-mattem Biskuitporzellan und glasierten Oberflächen. Das lädt zum Streicheln ein und verleiht den Stücken – manche haben einen von Hand perforierten Rand, eine Geduldsarbeit – eine besondere Sinnlichkeit.

Sieht sehr schlicht aus, aber bei Stefanie Hering steckt der Luxus im handgelochten Tassenrand. © Hering Berlin

Diese neue Porzellankultur hat sich veränderten Lebensgewohnheiten angepasst, sie will es schlicht, nicht prätentiös. Andererseits erleben auch feudale Objekte wie das seit dem 18. Jahrhundert von Nymphenburg hergestellte Rhinozeros Clara die Trendwende. Als Tischdekoration sollte es einst dafür sorgen, dass Gäste bei Abendgesellschaften mit einem leichten Thema ins Gespräch kommen konnten. Heute ist Clara ganz in Weiß ein aparter Hingucker in millimetergenau durchgestalteten Concept-Stores wie dem von Andreas Murkudis in Berlin. Das lebensecht nachgebildete Tier verleiht dem modern minimalistischen Ambiente einen Tick Exzentrizität und verheißt zugleich Tradition, denn es wirkt wie ein Familienerbstück.

Das spanische Unternehmen Lladró setzt ebenfalls auf neue Sichtweisen. Der Modemacher Paul Smith und das junge Londoner Design Studio Committee wurden engagiert, um die Figurine aus Omas Vitrine neu zu erfinden, sie von Kitsch in ein Kunstobjekt zu verwandeln. Ob das porzellanene Liebespaar mit den rosenblütenbesetzten Köpfen ironisch ein Klischee bedient, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Das liegt wohl im Auge des Betrachters und mag sogar Strategie sein. Paul Smith hat für Lladrò so etwas wie ein clowneskes Marsmännchen entworfen, in dem man mit gutem Willen eine Hommage an Jeff Koons erkennen kann. Der erhob schließlich besonders massenwirksam Kitsch in den Rang von Kunst.

Opulenz und Dekorum, Kitsch und Kunst liegen heute dicht beieinander. Denn bei der neuen Porzellan- und Tischkultur geht es vor allem um Erlebnishunger, um Dinge, die Geschichten erzählen und lebendig werden lassen. So versuchen Marketingexperten Produkte heute zu verkaufen, auch Porzellan. Glücklich, wer da noch im Besitz von Omas angeschlagenen Erbstücken ist. Das erfüllt genau diese Kriterien. Es muss ja nicht gleich das ganze hundertteilige Service sein.

Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

sie sprechen mir aus der seele ;-)
und zu den messern: ich hab tatsächlich welche vom "versandhaus für die besseren", bestellt vor 20 jahren als studentin, die mit der windmühle, kein rostfreier stahl, gut schärfbar und damals als lagerware aus vorkriegsbeständen verkauft. ohne die möchte ich nicht mehr kochen. ohne die mit dem gelben plastikgriff aber auch nicht, wenns ausbeinen etc. geht.