© Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Chinos Das Glück in Hosen

Chinos sind die Frühjahrs- und Sommerhosen für Männer schlechthin. Aber bei der Farbwahl muss man aufpassen: Zu viel Personality kann in die Hose gehen. Von
Aus der Serie: Jacke wie Hose

Das Verrückte ist ja, dass man über die langen Winter jedes Mal fast vergisst, wie sich das noch mal anfühlt: Frühling, gar Sommer. Dann kommt eines Morgens plötzlich die Sonne heraus, man tritt aus dem Haus und spürt auf der Haut irritierenderweise Wärme. Und weiß erst gar nicht, was man damit anfangen soll. Man kann doch nicht auf ein bloßes Wetterkommando hin so etwas wie Befreiung empfinden, Glück gar, nachdem solch seltsame Gefühle unterm Wintergrau schon verloren gegangen schienen. Man möchte vor Freude laut ausrufen, wüsste aber nicht, wie das funktioniert. Außerdem möchte man auch nicht doof auffallen: Warum bitte schreit dieser Typ da auf dem Bürgersteig irgendwas von Freiheit und Glück, ist der noch ganz dicht?

Die Chino aus dem Hause J.Crew (95 Euro) hat ein leicht keilförmiges Bein, ist also ein bisschen bequemer geschnitten. © Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Das ist dann zugleich der Augenblick, in dem man ganz banal realisiert: Man ist völlig falsch angezogen. Zu dick und zu düster. Man wird gleich erstens furchtbar anfangen zu schwitzen, und zweitens sieht man noch total nach Winter aus in seinen dunklen Klamotten. Also geht man wieder zurück ins Haus, öffnet die Tür seines Kleiderschranks und sieht vor sich wieder all die Dinge, die man auch schon fast vergessen hatte. Weil man sie monatelang keines Blickes gewürdigt hatte, aus Selbstschutz, um nicht noch demoralisierter zu sein vom endlosen Grau draußen: farbenfrohe Kleidungsstücke.

Diese Hosen etwa, die dort unbenutzt hängen. In den Kleiderschränken deutscher Männer dürften das seit dem Preppy-Revival vor ein paar Jahren, also der Wiederkehr des amerikanischen Nordostküstenschicks, vor allem Chinos sein. Diese Hosenform, die amerikanische Männer schlicht für die einzig existente neben Jeans und Anzughosen zu halten scheinen, hatte bei uns hier damals geradezu Neuigkeitswert als Sommerbekleidung. Nun verschwindet sie anscheinend nicht mehr. Chinos sitzen irre bequem und sind dank ihres robusten Baumwolltwills geradezu unzerstörbar und sehr pflegeleicht. Man steckt sie bei Bedarf in die Waschmaschine und muss sie hinterher nicht mal bügeln, denn sie sollen ja etwas knittrig wirken. Und man kann an den Chinos eben seinen Farbfantasien freien Lauf lassen.

Die Bedfort Pant von Polo Ralph Lauren (140 Euro) ist aus weichen Baumwolltwill mit drei Prozent Elasthan. Gemütlich genug für einen Tag im Strandbad Wannsee. © Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Es gibt sie in fast jedem Ton, sie sind geradezu der Idealtypus der bunten Hose, und an der Stelle ist dann das Zitieren eines modehistorischen Quellentextes unausweichlich: Tom Wolfe, Mauve Gloves & Madmen, Clutter & Vine, ursprünglich erschienen 1976 in der Zeitschrift Esquire. In der Reportage schildert der damals noch journalistisch schreibende spätere Romanautor Wolfe unter anderem die Freizeitbekleidungsgewohnheiten wohlhabender weißer Männer aus Boston, wie sie des Sommers auf der exklusiven Urlaubsinsel Martha's Vineyard zu besichtigen waren. Für den farb- und musterempfindlichen Weißträger Wolfe muss das eine geradezu erschütternde Erfahrung gewesen sein. Während diese Männer obenherum ganz seriöse Blazer trugen und an den Füßen klassische Loafers, erblickte er an ihren Beinen äußerst gewagtes Tuch, Hosen mit irren Karos und aus Farben wie "a solid airmail red or taxi yellow or some other implausible go-to-hell color". Das leuchtende Rot des Luftpoststempels, Taxigelb und andere laut Wolfe "Fahr-zur-Hölle-Farben": Diese Männer, und eine andere Erklärung gibt es eigentlich nicht, wollten ausgerechnet mit Hosen ihre Persönlichkeit ausdrücken. Oder das, was sie für ihre Persönlichkeit hielten, wenn die sich gerade auf Urlaub befand.

Die Gesäßtasche wird mit einem Knopf verschlossen. © Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Das Phänomen der Zur-Hölle-Farben verschwand nie gänzlich, es breitete sich im Gegenteil über die ganze Welt aus. Jenes Rot etwa, das mittlerweile als Nantucket Red bekannt ist, benannt nach der Nachbarinsel von Martha's Vineyard, wurde im Laufe der Zeit zum Gegenstand modischer Glaubensstreitigkeiten: Darf man, soll man als Mann rote Hosen tragen, sind die doch zum Symbol des tendenziell älteren Besserverdienenden mit lautem Geschmack geworden, als der man im Zweifel nicht dastehen möchte? Und falls man sie unbedingt anziehen möchte, muss die Farbe dann ausgeblichen sein? Denn, so geht eine sehr restriktive Argumentationslinie, nur dadurch wiese man den vermeintlich einzig wahren Gebrauch der roten Chinos nach, als Seglerhose nämlich, denen die Sonnenstrahlen, das Meerwasser und die salzige Luft über ein paar Sommer hinweg die Farbe genommen hat. Der Gedanke jedoch ist alberner, als das Nantucket Red selbst je wirken könnte, insofern beantwortet sich die Frage danach von selbst: Khaki, die ursprüngliche Farbgebung des Twills, der wie so vieles in der Männermode auf die Gestaltung von Uniformen zurückgeht, ist in jedem Fall die weniger streitbare Alternative. Dass das Wort Khakis im englischen Sprachgebrauch oft synonym für Chinos benutzt wird, ist halt kein Zufall.

Die Bedford Pant gäbe es auch in Nantucked Red. Dann doch lieber einen Strandkorb mieten. © Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Und das Preppy-Revival vor wenigen Jahren mit seinen Zur-Hölle-Farben war eben auch nur eine Phase. Eine Modeerscheinung, die vorbei ist. Die aber die Chinos als Hosenform dagelassen hat, die weiterhin von fast allen Marken weiter hergestellt wird. In immer noch kreischbunten, aber auch in zurückhaltenden Farben. Vernunft, Selbstachtung und in Modefragen eine völlig gerechtfertigte Humorlosigkeit führen einen vermutlich zu Letzteren beim Neukauf von Chinos. Zum Beispiel zu der von Polo Ralph Lauren in khaki tan, ausgeblichenem Beige also. Lauren ist der Designer, der nach der großen Preppy-Welle der frühen Achtzigerjahre den Nordostküstenschick schlicht zum Gestaltungsprinzip erklärt hat, und die aktuelle Bedford Pant ist der Form nach eine total klassische Chino: halbweites gerades Bein, Seitentaschen, mit einem Knopf geschlossene Gesäßtaschen, fertig. Wenn es denn wirklich sein muss, gibt es die Bedford Pant auch in Nantucket Red.

Die Chino der weiterhin dem bislang letzten Preppy-Revival verpflichteten US-Marke J.Crew hingegen hat einen leicht keilförmigen Schnitt, ein tapered leg also, und endet bereits in Knöchelhöhe. Deshalb ist es für diese Hose eigentlich saisonal noch etwas früh, ihre Passform signalisiert ja, dass man sie bitte ohne Socken in den Loafers oder Sneakers tragen soll. Freundlicherweise stellt sich bei ihr auch die lästige Frage nicht, ob man Chinos nun krempelt oder nicht: Wenn man nicht gerade barfuß durchs Meer watet, ist das ziemlicher Quatsch.

Bisschen schicker: Mit der Chino Tristan von Wood Wood (140 Euro) kann man tags am Strand flanieren und in der Nacht im Club durchtanzen. © Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Die ebenfalls hochwasserkurze und vergleichsweise schmale Tristan-Chino des dänischen Labels Wood Wood (139,95 Euro) wiederum ist eine noch etwas modischere Variante in Dunkelblau und zeigt, dass diese Hosenform auch ganz anders als auf Nordostküstenschick hin interpretiert werden kann: In dem Modell geht man im Zweifel nicht aufs Boot, sondern in den Club. Und kann locker eine Nacht in der Hose durchtanzen.

World wide … Wannsee? Wer die Stickerei am Bund nicht mag, kann einen Gürtel tragen. © Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Doch daran denkt man einem Frühlingsmorgen in Deutschland ja erst mal nicht. Man steht da vor seinem Kleiderschrank und erlebt dank der Chinos vergangener Sommer einen seltsamen Augenblick der Klarheit: Anders als bei fast allen anderen Kleidungsstücken erkennt man beim Blick auf ihre Buntheit einen Willen zum Ausbruch an sich, den man auch schon fast vergessen hatte – so deutlich ist die Abweichung von der restlichen gedeckten Garderobe. Bevor man darüber furchtbar melancholisch wird, obwohl man doch gerade noch vor Freude jauchzen wollte übers Wetter, steigt man im Zweifel in die alten, klassisch beigefarbenen Khakis. Und tritt leise pfeifend in die blütenschlagende Welt hinaus. Meine Persönlichkeit, denkt man still bei sich, steckt nicht in den Hosen, die ich trage. Oder gerade eben doch.


Wir danken den Berliner Bäder-Betrieben für die Genehmigung, im Strandbad Wannsee fotografieren zu dürfen. War schön jewesen.

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