© Emanuele Cremaschi/Getty Images

Mailänder Möbelmesse Irgendwo zwischen Kommandozentrale und Schrebergartenlaube

Das Wohnzimmer wandelt sich zum Wartezimmer, zum Angeben gibt es Küchen und gefläzt wird künftig im Bad: Wie Mailands Möbelmesse unser Zusammenleben neu sortiert.
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Was für ein Sitztyp sind Sie eigentlich? Träumer oder doch eher Athlet? Strenger Aufräumer oder fläzender Hippiehocker? Wer das Sitzen – auf Stühlen, Sesseln, Sofalandschaften – für eines der letzten Refugien der Passivität, des Innehaltens in einer Zeit hielt, in der jeder jederzeit einen Fitnessrekord, ein neues Businessmodell oder zumindest eine scharfe Meinung im Anschlag hat, der wird auf dem Mailänder Salone del Mobile eines Besseren belehrt: Ja, auch Sitzen ist eine Frage der Haltung.

So zeigt es beispielsweise die Installation des Traditionsherstellers Vitra, der sich vom Wiener Designer Robert Stadler unterstützen ließ: 200 Vitra-Entwürfe aus den vergangenen 70 Jahren, von Charles & Ray Eames bis zu Ronan & Erwan Bouroullec, sind zu einem knallbunten Sitz-Setzkasten arrangiert, so umfangreich, dass die Besucherin das Gesamtkunstwerk nur von einer Aussichtsplattform komplett erfassen kann. Von hier oben ist deutlich zu erkennen, dass das Herumlümmeln auf bodennahen Sofaflößen ganz sicher etwas anderes über unser Miteinander sagt als die strengen, geraden Linien, die disziplinierte Haltung erfordern.


Vitra und Stadler stellen damit die eine große Frage: Wie formen Möbel künftig unser Zusammenleben? Das Publikum des Salone del Mobile darf auch andersrum fragen: Hat die Gestaltung von Möbeln heute noch gesellschaftliche Relevanz?


In Sachen Sitzen finden sich vor allem zwei Formate reichlich auf der Messe: lässige Fläzware mit samtig sanften Oberflächen einerseits, gesetzte Geometrie mit körnigem Wollstoffbezug andererseits, dem zumindest neue Farben wie Senfgelb oder Mattrosa die Bürostrenge nehmen. Einige der schicken Baukasten-Sofasysteme scheinen eher für ein Warte- denn für das Wohnzimmer geeignet zu sein: Auch wenn jede Lehne, jedes Sitzelement nach Kundenwunsch vorab Form und Farbe ändert, sitzt man hier doch recht steif nebeneinander.


Wer wirklich mal unter sich sein will beim Wohnen, könnte in Timothy Oultons mit Leder ausgeschlagene Raumkapsel klettern. © Carmen Böker für ZEITmagazin ONLINE

Doch die Formel für das Zusammenleben von morgen wird sowieso gerade in anderen Räumen neu erfunden, in den Bädern, in den Küchen. Das Badezimmer ist der Raum für die Me-Time des gestressten Menschen, die Küche wird zur häuslichen Kommunikationszentrale.

Das Wohnzimmer ringt also mit seiner inhaltlichen Ausdeutung: Sitzmöbel wie der Cila-Stuhl von Arper oder neue Entwürfe bei Thonet signalisieren mit ihren weich gerundeten hohen Lehnen beschützende Ummantelung, enthüllen letztendlich aber, dass der Mensch bei der Pflege seiner Onlinekontakte eigentlich gar keinen Nebensitzer braucht. Wer twitternd, instagrammend oder chattend mit der Außenwelt kommuniziert, ist am liebsten für sich allein.


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