[M] Alexander Höpfner für ZEIT ONLINE, Foto: Beer wyl

Beton Warum wir diesen Softie lieben

Lange galt Beton als grob, nun ziert er Wände, Lampen und Tapetenmuster. Wie der Werkstoff zum Softie des Hauses werden konnte, erklärt unsere neue Serie "Innenleben". Von
Aus der Serie: Innenleben

Wie wir uns einrichten und mit welchen Dingen wir uns umgeben, das sagt genauso viel über uns aus wie die Kleidung, die wir tragen. In unserer Serie "Innenleben" ergründen wir aktuelle Wohntrends.

Früher war Beton brutal, jetzt ist er zum Softie geworden. Um immer um uns zu sein. Er wurde zum Druckmuster auf der Bettwäsche, zum Schaukelpferd fürs Kind, zur Vliesstrukturtapete für das Loftgefühl, zum Kerzenständer für romantische Abende. Beton als Trend kann sogar völlig zum Dahinschmelzen sein, in der Stuttgarter Eisdiele Flori & Palma etwa gibt es die Sorte Beton & Asphalt, die dank Aktivkohle genauso schartig grau aussieht wie das, was sonst im Betonmischer angerührt wird.

Beton hält fast jeden Druck aus, isoliert gegen Wärme wie gegen Kälte, schützt vor Schall, widersteht Feuer und ist deshalb schon lange eine Grundfeste unseres Wohnens. Heutzutage bildet er nicht mehr nur die Mauern und Wände, in denen wir leben, sondern auch die Küchentresen, Hockerbeine, Lampenschirme und Standfüße für unser elektronisches Gerät. Das lange als hart, brachial und wuchtig empfundene Material hat sich zum einfühlsamen Alltagsunterstützer gewandelt, der sich mit jedem Kissen, jedem Sofa, jeder Gardine gut versteht. Sollte er früher möglichst versteckt und verschalt werden, weil er als zu banal empfunden wurde, gilt genau diese Rohheit jetzt als seine Qualität: Er ziert Anhänger an silbernen Ketten und wird sogar zur Perle am Ohrring. Damit ist der Werkstoff stilistisch vollends veredelt und umgedeutet.

Materialgerechtigkeit nennt man es in der Designtheorie, wenn ein Rohstoff in seiner natürlichen Schönheit gezeigt wird. Was als schön empfunden wird, bestimmt allerdings der Zeitgeschmack. Und der will nun nicht die prächtige Angebertour, sondern das Authentische. Die Schönheit der Dinge liegt heute eben nicht mehr nur im Wert der Materialien, sondern in der Ehrlichkeit des Einfachen, im Ungeschminkten, Rohen und komplett Ungeschönten. Das ist es, was wir vom Beton gelernt haben.

Beton drängt sich nicht auf, er ist von Natur aus ohnehin massiv genug. Seine mattgraue Farbe bringt alle anderen Farben groß raus, ob es ein knalliges Blau ist oder ein zartes Gelb. Sein komplett unromantischer Charakter passt zu modernen Minimalisten, die zu Hause nur ein Sofa und einen WLAN-Zugang haben wollen, er hilft aber ebenso gegen zu viel Landhaus-Appeal in der Wohnung. Vielleicht braucht der Beton sogar ein bisschen Kitsch, um seine ganze Stärke zu entfalten, aber auch zu den dunklen Holztönen des gerade so beliebten Mid-century-Designs bietet er einen coolen Kontrast.

Als Straßenbaumaterial, sowohl auf manchen Autobahnen als auch als Gehwegpflaster, hat Beton zudem eine gewisse Street Credibility und nimmt, staubig, wie er nun mal wirkt, goldenen oder silbernen Effekten ihren neureichen Touch. Er kann Buchstütze sein oder Bodenbelag, Kommodenknopf oder Buddha-Bowl. Und er ist sehr viel wärmer im Griff als der zudem auch noch ausgesprochen zimperliche und pflegeintensive Marmor. Eine geschliffene Betonwand fühlt sich überraschend sanft und samtig an. So wurde der Beton von uns zivilisiert: Hart ist er immer noch, doch seine Wirkung ist nun weich. Dieser Widerspruch ist im Grunde schon in seiner Herstellung angelegt: Er besteht aus Zement, einem fein vermahlenem Trockengemisch aus Kalkstein, Ton, Sand und Eisenerz, und Gesteinskörnungen. Hart wird er durch die Zugabe von weichem Wasser, das eine chemische Reaktion der anderen Stoffe auslöst.

Schon die alten Römer haben ein vergleichbares Gemisch verbaut, die Kuppel des Pantheons in Rom ist aus dem Vorläufer des Betons, Opus caementicium, entstanden, einem Gussmauerwerk, dessen fein vermahlene Bestandteile sich durch Wasser höchst widerstandsfähig verbinden. In die Neuzeit kam er 1755 durch den Engländer John Smeaton, der entdeckte, dass Kalk mit einem bestimmten Anteil von Ton besser aushärtet, und damit einen Leuchtturm vor Cornwalls Küste witterungsbeständig machte. Seit gut einem Jahrhundert prägt Beton nun die Architektur als modern sachliches Material, mit ihm konnten seit den Zwanzigerjahren unkompliziert freie, bewegte Formgebungen realisiert werden.

Die Verschalungen, in die der flüssige Beton gegossen wird, haben die eher unelegante Ästhetik des Werkstoffs mitbestimmt: Die Oberfläche sägerauer Bretter wird detailgetreu abgebildet im erstarrenden Beton. Lässt man ihn unverputzt, nennt man das Sichtbeton. Oder Béton brut, wie Le Corbusier den nackten Beton nannte. Das wiederum hat ab 1950 einem ganzen Architekturstil seinen Namen gegeben: Der Brutalismus setzt kompromisslos auf Sichtbeton und wird gerade in Büchern, Ausstellungen und Pilgertouren in London, Berlin und anderswo wiederentdeckt, auch wenn viele der städtischen Bauten heute verfallen sind. Oder bemoost wie Felsen und eigentlich auch genauso raumgreifend wie diese.

Beton, das zeigt sein Einzug ins Innere unseres Wohnens, ist einfach grenzenlos. Im Kleinen hat man ihn schon lieb, nun muss man auch im Großen lernen, ihn wieder schön zu finden. Nur eine Sache, die wird man nie wieder sehen wollen auf dieser Welt, das sind Betonfrisuren. Aber dafür kann der Beton nun wirklich nichts.

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