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Gelb Endlich Modefarbe

Gelbsucht? Gelbe Gefahr? Gelbe Karte? Kein Wunder, dass Gelb als modischer Misston galt. Dieses Frühjahr erlebt die uncoolste Farbe der Welt ihre Wiederauferstehung. Von

Wenn man mal wieder glaubt, nichts Zeitgemäßes zum Anziehen zu haben, dann bleibt einem als Inspiration immer noch der Lerchenstärling. Sturnella ist nämlich das Vorbild für die Trendfarbe des Jahres 2018: Gelb. Natürlich nicht irgendein Gelb, sondern ein Sonnengelb, das eher kühl, ganz leicht grünstichig und deshalb frühlingsfrisch wirkt. Man findet es auf der Brust des amselgroßen Vogels, der in den Prärielandschaften Nord- und Mittelamerikas beheimatet ist. Der Rest seines Gefieders ist von einem fein gezeichneten Graubraun, damit erklärt sich zugleich ein Untertrend zum Gelb: Es wirkt in Kombination mit anderen Farben besonders leuchtend. Kleidet den Vogel gut. Menschen tun sich mit Gelb etwas schwerer: Bei keiner anderen Frage finden so viele, dass es ihnen nicht steht.

Zum Hype erklärt wurde Meadowlark, so die englische Bezeichnung des Lerchenstärlings, vom Farbinstitut Pantone. Damit sich keiner rausreden kann, das mache ihn blass, wurde auch noch die sommerlich warme Variante Mimosa zur Trendpalette 2018 hinzugefügt, ein Gelb, das an Sonnenblumenblätter oder den gleichnamigen Cocktail erinnert, der aus Champagner und Orangensaft gemixt wird. Pantone, das mit seinen kodierten Farbkarten Industriestandards schafft – damit der Ton auch immer gleich aussieht – ruft alljährlich das Kolorit für die nahe Zukunft aus. Und liegt damit oft auch nicht so ganz richtig, denn vorhergegangenen Prognosen wie etwa dem kermitgrünen Greenery für 2017 mochten sich die Konsumenten dann doch nicht so gern anschließen.

Längsgeteilt und mit dramatischen Schultern: Sarah Paulsons gelb-schwarzes Kleid bei der Vanity-Fair-Party anlässlich der Oscar-Verleihung © Jon Kopaloff/FilmMagic/Getty Images

Mit Gelb aber scheint Pantone recht zu behalten. Der sonnige Ton zieht sich durch zahlreiche Laufstegkollektionen, bei Chanel, Jil Sander und Gucci beispielsweise. Bei Highstreet-Ketten wie Topshop (als Sandalette) oder Hennes & Mauritz (als Rüschenkleid) oder Zara (als kastige Jacke) ist Gelb ebenfalls reichlich zu finden. Bei den Oscars trug Schauspielerin und Regisseurin Greta Gerwig ein mit Paillettenblüten besticktes mimosagelbes Kleid des Labels Rodarte. Ihre Kollegin Sarah Paulson erschien in einem ein längs in Meadowlark-Gelb und Schwarz geteilten Samtkleid von Ronald van der Kemp. Damit bewies sie außerdem, dass in der Mode keine Regel länger als eine Saison gelten muss. Von dieser Farbkombination wurde nämlich bislang dringend abgeraten, weil sie entweder an Biene Maja erinnert oder einen als Fan von Borussia Dortmund ausweist.

Im Streetstyle ist Gelb längst adoptiert, wie das Publikum der Fashion Weeks des Frühjahrs von Stockholm bis Paris, von Mailand bis New York gezeigt hat. In allen Nuancen von warm bis kalt, zitronig grün oder mit einem Hauch Orange wie das Fruchtfleisch der Cantaloupe-Melone, bräunlich wie Messing oder königlich golden schimmernd. Da die Mode wieder mehr Farbe will nach all den Pastelltönen – vor allem dem blassen, graurosé Millennial Pink des letzten Jahres –, kommt Gelb auch bei Influencern, Bloggerinnen und Moderedakteurinnen selten allein. Es wird mit Smaragdgrün kombiniert, mit Kobaltblau und Knallpink, wichtig ist ein starker Kontrast. Das sieht ein wenig nach Tuschkasten aus, aber es ist ja auch ganz schön, dass die Menschen sich in diesen unbeständigen Zeiten wieder fröhlicher anziehen wollen. Und nun hat es eben sogar Gelb geschafft, jene Farbe, die wie Orange immer wieder günstige Prognosen bekommt und dann doch wieder bei den Sonderangeboten landet, weil man sie theoretisch toll findet, dann aber trotzdem nicht tragen will. Orange war immerhin das letzte Mal in den Siebzigerjahren Modefarbe. Gelb noch nie. Sollte es dieses Mal tatsächlich klappen? Aber warum jetzt?

Gelb ist das neue Cool. Auch bei Männern © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Zu Modefarben gibt es die tiefschürfendsten Oberflächlichkeiten: "Blau ist das neue Schwarz" kehrt immer wieder, danach folgt "Schwarz ist das neue Schwarz", nur selten unterbrochen von "Schwarz ist das neue Bunt". Diana Vreeland, in den Sechzigern die legendär exaltierte Chefredakteurin der US-Vogue, hat eine ihrer Farbdiagnosen geradezu literarisch gefasst: "Pink ist das Marineblau Indiens." Alle diese Sätze drücken aus: Ohne die genannte Farbe geht es gerade nicht. Sie sind eine Bestandsaufnahme des Trends, ergründen können sie ihn nicht.

Die  britische Tageszeitung The Guardian leitet sich das Ganze so her: Es sei alles schon 2016 losgegangen, mit dem Film La La Land, in dem die Hauptdarstellerin Emma Stone ein wunderbar schwingendes Kleid trägt, mimosagelb. Vielleicht fehlte also nur ein solches positives Bild, das die Farbe nicht mehr mit Neid und Missgunst verbindet, sondern mit sprühender, positiver Energie assoziiert wird. Und nicht immer die Gelbe Karte bekommt, als – wiederum schwarz-gelbe – Warnung vor den Gefahren von nassen Böden und Atomkraftwerken. 

Li Edelkoort, die in der Modewelt als wichtigste Trendforscherin gilt, hat die neue Gelbphase im letzten Jahr vorausgesagt. Pantone erklärt sich und uns Meadowlark und Mimosa folgendermaßen: Der Direktorin Leatrice Eiseman zufolge haben sich die Designer von der letztjährigen totalen Sonnenfinsternis inspirieren lassen – vielleicht vermisst man Gelb ja tatsächlich erst, wenn es komplett weg ist?

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