© [M] Alexander Höpfner für ZEIT ONLINE, Foto: clem around the corner/unsplash und gardening trading

Kork So lässig wie keiner

Er ist natürlich, nachhaltig und sieht auch auf Instagram gut aus: Kork ist ein Lieblingsmaterial der Designer – weil man ihn so gern anfasst. Analoger geht's nicht. Von
Aus der Serie: Innenleben

Wie wir uns einrichten und mit welchen Dingen wir uns umgeben, das sagt genauso viel über uns aus wie die Kleidung, die wir tragen. In unserer Serie "Innenleben" ergründen wir aktuelle Wohntrends.

Eigentlich stehen Korkeichen gern ungehemmt im Wind herum, am liebsten in Portugal, denn dort befinden sich weltweit die meisten von ihnen. Doch neuerdings haben es viele mit ihrem schartigen Äußeren in Instagram-Feeds geschafft, denn Kork passt mit seiner heimeligen Haptik und nachgiebigen Optik wunderbar zu dem, was Influencer und andere Menschen heute gern bei sich zu Hause sehen: naturnahe Materialien, die zur Monstera auf der Fensterbank passen und zur Pastellnote des Scandi-Chics. Aus Kork werden heute Hocker, Bänke, Tischplatten, Untersetzer, Handyhüllen, Lampenfüße und Becher-Ummantelungen hergestellt. Auch Korkleder gibt es, in Rucksackform oder als Meterware, wobei diese Bezeichnung natürlich genauso verwirrend ist wie vegane Wurst, schließlich kann Wurst nicht vegan sein und Kork nicht Leder.

Möbel aus Holz sind eine wunderbare Sache, ökologisch in Ordnung, angenehm anzufassen, umstandslos zu vererben – aber auch dafür müssen natürlich irgendwann einmal Bäume gestorben sein. Kein Wunder also, dass sogar in puncto Pflanzenrechte empfindliche Gemüter sich neuerdings so für den Werkstoff Kork begeistern können: Der Baum muss dafür nur seine zentimeterdicke Borke opfern, das tut er zwar nicht freiwillig, aber doch ohne Schmerzen. Nach dem Schälen kann er, verschlankt wie ein frisch geschorenes Schaf, einfach weiterwachsen. 

Kork ist so angenehm griffig, so wie man es sich wünscht in digitalen Zeiten, die an sinnlichen Erlebnissen dieser Art arm sein können. Darüber hinaus ist er wasserabweisend, isolierend, leichtgewichtig, flammhemmend, temperaturbeständig, schwimmt immer oben (was ihn auch für Angler interessant macht) und vollständig recycelbar; zu Granulat vermahlen und mit Latex- oder Polyurethan-Klebstoffen wieder zusammengefügt, wird dieser sogenannte Sekundärkork etwa zum widerstandsfähigen Bodenbelag und ist damit ein Musterbeispiel der oft beschworenen Cradle-to-Cradle-Produktion, die einen verlustfreien Rohstoffkreislauf anstrebt. Der Kork hat also, geradezu streberhaft, eine ganze Menge an guten Eigenschaften zu bieten.

Dank seines graublonden, sandigen Tons ist er ideal als warmer Akkord, der kalten Marmor und kühles Rosa, blinkendes Messing und Retro-Rauchglas begleitet und etwas Hippie-Attitüde in die Bude bringt. Mit den auch gerade sehr trendigen Sisal-Blumenampeln geht er Ton in Ton, was aber zum Problem werden kann, denn im Verbund mit zu viel anderen Naturmaterialien und nachgedunkelten Altbaudielen ist Kork optisch so aufregend wie Porridge. Kontrastarmut sollte dringend vermieden werden. Nicht mal Jeanshosen sehen ja zusammen mit Jeanshemden gut aus, auch wenn die Mode das gerade mal wieder anders sieht.

Was für eine Karriere für ein Naturmaterial, das lange Zeit eher nur mit schmerzenden Füßen in Verbindung gebracht wurde, weil es so angenehm federt und jeden Druck ausgleicht. Und die Renaissance des Korks hat verblüffenderweise auch mit Schuhen zu tun. Denn sein allmählicher Aufstieg begann, als Birkenstocks wieder in Mode kamen, ab 2013, nachdem das Label Céline eine Luxusvariante davon auf den Laufsteg gebracht hatte und man darüber nachzudenken begann, ob Schuhe nicht auch mal wieder gemütlich sein könnten. Dafür steht Kork: für die Unangestrengtheit des Seins. Es ist anspruchslos und komfortabel, unaufdringlich und chamäleongleich anpassungsfähig.

Selbst diese komischen Pinnwände, an denen man früher Briefmarken, Postkarten und andere Produkte prädigitaler Zeiten festgesteckt hat, kommen nun auch zurück. Kein Comeback hingegen braucht der Kork da, wo er in Miniatur-Zylinderform traditionell körbeweise herumliegt: beim Weinhändler. Menschen, die viel von diesem Getränk zu sich nehmen, pflegen die Flaschenkorken immer noch zu sammeln und zurückzutragen. Weil sie irgendwann mal gehört haben, dass Korkeichen nur alle neun Jahre geschält werden können, und zwar das erste Mal nach 25 Jahren. Da fühlt sich der sorgsame Umgang mit diesem Rohstoff gleich noch viel nachhaltiger an.


Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren