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Meghan Markles Hochzeitskleid So schlicht wie zehn Striche

Französische Couture ohne Rüschen: Meghan Markle heiratete in einem maximal schlichten Kleid. Mit ihr kann es endlich modern zugehen im britischen Königshaus. Von

Immerhin ist die Designerin des Hochzeitskleides Ihrer königlichen Hoheit eine Britin. Ganz Großbritannien wäre nicht darauf gekommen, dass Meghan Markle ihr Kleid auf dem Festland bestellen würde, bei dem urfranzösischen Modehaus Givenchy. Die neue Herzogin von Sussex aber scheint bereits jetzt genug Routine darin zu haben, das von außen bizarr starr wirkende höfische Protokoll für sich beugen zu können. Jedem "Das macht man nicht" setzt sie eine eigene Auslegung entgegen – und bei Givenchy ist mit Clare Waight Keller eine aus Birmingham die Chefdesignerin. Das geht schon in Ordnung.

Schon toll auch, dass sie den Tüll nicht am Kleid hatte. Als Meghan Markle im Rolls-Royce zur Trauung auf Schloss Windsor gefahren wurde, sah man durch die Fensterscheiben ungeheure Mengen an Spitze und Tüll. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Braut sich in eine Art Bridezilla verwandelt hätte und so viel kostbaren Stoff um sich raffen ließ, wie sie nur tragen kann. In diesem Fall jedoch war der zarte Stoff für die bestickte Schleppe vorgesehen, deren Ausmaße ein britischer Kommentator mit dem Prädikat cathedral length bezeichnete, kathedrale Länge.

Als 1947 Prinzessin Elisabeth von Großbritannien ihren Verlobten Philip Mountbatten heiratete, trug sie zur Zeremonie ein Satinkleid von ihrem Hofschneider Norman Hartnell. Das Kleid war mit mehr als 10.000 Perlen und Kristallen in Blumenmustern bestickt, nach der Vorlage von Botticellis Gemälde "Primavera". Zudem war das Kleid mit einer fast vier Meter langen Spitzenschleppe versehen und wurde durchaus als politische Botschaft an das britische Volk interpretiert: Es sollte das Wiederaufleben und das Wachstum Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg symbolisieren. © dpa

Das Kleid erschien so schlicht, als hätte ein Designer in weniger als zehn Strichen eine klassische Silhouette zeichnen sollen: körpernah geschnitten, mit Wiener Nähten, schmal anliegenden, dreiviertellangen Raglanärmeln und einem flachen, sogenannten U-Boot-Ausschnitt, der nicht mehr als die Schlüsselbeine freilegt. Es stammt aus dem Hause Givenchy, dessen Gründer einmal Audrey Hepburn zu seiner Muse erkoren hatte. Hepburn hätte man sich in diesem Kleid genauso gut vorstellen können wie Meghan Markle, die sich dazu aus den Beständen des Hauses Windsor die diamantenglitzernde Queen-Mary’s-Diamond-Bandeau-Tiara geliehen hatte.

Meghan Markle wählte für ihre Hochzeit ein schlichtes Brautkleid aus Seide mit einer fünf Meter langen Schleppe. Designerin ist die Britin Clare Waight-Keller (47), die für das französische Label Givenchy arbeitet. Die beiden entschieden sich nach einem Treffen im Frühjahr 2018 für eine Zusammenarbeit, teilte der Palast mit. In den langen Schleier der Braut sind Blumen eingearbeitet: Sie sollen die 53 Commonwealth-Staaten symbolisieren. © Andrew Matthews/REUTERS

Sich nicht hinter Details zu verstecken, zeugt von Selbstbewusstsein und dem Glauben, allein auf sich selbst vertrauen zu können. Kates Brautkleid, das eigentlich von jedem Designer auf Erden gelobt wurde für seine klassische Schönheit, wirkte durch seine Hüftpolster und den voluminösen Rock ein wenig wie ein Rüstung. Dianas Rüschentraum illustrierte das Klischee der Unschuld vom Lande. Meghan Markles Hochzeitskleid hingegen ist pur, minimalistisch und klassisch modern. Es stellt die Trägerin in den Mittelpunkt.

Imposant und unvergessen wie seine Trägerin Prinzessin Diana: Das Brautkleid, in dem sie 1981 Prinz Charles heiratete, war angefertigt aus Seidentaft und handgearbeiteter Spitze. Entworfen wurde es von dem Designerduo David und Elizabeth Emanuel. Auch dieses Kleid war mit handgefertigten Stickereien, Pailletten und 10.000 Perlen verziert. Bei der Schleppe hat Diana ihre Schwiegermutter übertrumpft, ihre war fast acht Meter lang. © Anwar Hussein/Getty Images

Und ja, um dem Hofprotokoll zu genügen, musste das Kleid natürlich deutlich billiger sein als das von Kate, die den Thronfolger geheiratet hat. Kates Kleid, entworfen von Sarah Burton, Chefdesignerin des Labels Alexander McQueen, soll 150.000 britische Pfund gekostet haben, und die Näherinnen mussten sich wohl beim Besticken alle halbe Stunde die Hände waschen.

Natürlich muss die Welt nicht länger als ein paar Sekunden stillstehen wegen eines Kleides. Aber es scheint für Großbritannien entspannend gewesen zu sein, mal nicht darüber zu streiten, wie viele Fantastilliarden der Brexit wirklich kosten wird. Sondern zu raten, was der Traum in Weiß gekostet habe. Es waren dem Vernehmen nach um die 100.000 Pfund.

Das Kleid, in dem Kate Middleton Prinz William 2011 heiratete, ist ein Entwurf der britischen Modedesignerin Sarah Burton, der Kreativdirektorin des britischen Modehauses Alexander McQueen. Das Kleid ist aus Satin und hat ein mit Spitzenapplikationen ausgearbeitetes Mieder, auf dem in feinen Details die Nationen des Vereinigten Königreichs abgebildet werden: Rosen als Symbol Englands, Disteln standen für Schottland, Narzissen symbolisierten Wales und Kleeblätter Irland. © Chris Jackson/Getty Images

Der Wunsch nach repräsentativen Auftritten von Männern in Galauniformen und Frauen in Couturekleidern ist nicht auf Großbritannien beschränkt. Das Interesse in den USA für diese Hochzeit ist schon deshalb groß, weil Meghan Markle mit der Fernsehserie "Suits" bekannt geworden ist. Sie verkörperte damit den amerikanischen Traum, von dem so viele Hollywoodkomödien handeln: Es ist die Geschichte einer Selfmade-Frau, die trotz widriger Startbedingungen ganz nach oben klettert und am Ende auch noch den Prinzen abbekommt.

Josh Glancy, der New Yorker Korrespondent der britischen Tageszeitung The Times, attestiert den Amerikanern eine darüber hinausgehende Sehnsucht, nämlich eine Art Neuengland-Phantomschmerz: Es gebe in den USA eine diffuse Sehnsucht nach einer Monarchie, die ihre Aufgaben kenne. Der Präsident der Vereinigten Staaten sei wie ein gewählter König, nur habe man sich mit Trump nun eben jemanden wie George III. ausgesucht. George III. soll unter Porphyrie gelitten haben, oder wie Glancy es ausdrückt: Er war mad as a box of frogs – verrückt wie eine Schachtel Frösche. 

Mit einer parlamentarischen Monarchie hätte man eine Gewaltentrennung, die auch ästhetisch leichter zu ertragen wäre: Das Königshaus übernimmt das Winken und Grüßen, tätschelt Kinderwangen, begutachtet Lämmer und besucht Altenheime. Die Profis, die Herren in den grauen Anzügen, kümmern sich derweil im Hintergrund um die Inhalte der Politik.

Selbstverständlich ist die Trennung des Inhaltlichen und des Oberflächlichen auch ein Klischee. Mode ist sehr viel mehr als Mode, wie es Meryl Streep einmal maliziös anhand eines einzigen Gürtels im Film Der Teufel trägt Prada erklärt hat: Mode ist eine Multimillionen-Dollar-Industrie. Und Meghan Markle könnte darin eine bemerkenswerte Rolle spielen. 

Ein wenig Konkurrenz bekam das Kleid von Kate dennoch: Als ihre Schwester, die Brautjungfer und Trauzeugin Pippa Middleton, die Schleppe des Hochzeitskleides in die Westminster Abbey trug, verhedderte sich mancher Blick in Pippas Kleid, ebenfalls aus dem Hause Alexander McQueen. © Dave Cannon/Getty Images

Zuvor war in Großbritannien immer vom Kate-Faktor die Rede. Was Williams Gattin anzieht, verbreitet sich rasant durch Fotos, die Absätze steigen. Bei der neuen Herzogin von Sussex könnte der Effekt sich verstärken: Als Meghan eine Jeans von Mother trug, verzeichnete das Label 200 Prozent mehr Traffic auf seiner Webseite. Bei einer Lederjacke von Mackage waren es sogar 1.600 Prozent mehr. Eine Handtasche der kleinen schottischen Marke Strathberry war bereits elf Minuten nachdem sie an Meghan zu sehen war ausverkauft.

Londoner Analysten wie die Consultingagentur Brand Finance schätzen, dass Meghans Modekompetenz sich mit bis zu 150 Millionen Pfund jährlich auf die Umsätze britischer Labels auswirken könnte. Insofern kann auch Winken, Grüßen und Bänderdurchschneiden eine bemerkenswerte wirtschaftliche Einflussnahme mit sich bringen. So war es bereits bei Michelle Obama, die gezielt junge Designer wie den mittlerweile sehr erfolgreichen Jason Wu für ihre Auftritte aussuchte. Meghan Markle musste zwar nach der Verlobung sämtliche Social-Media-Accounts kappen. Mit solchen Prognosen aber steht ihr immer noch eine Rolle als einflussreichste Influencerin auf Erden offen – und das ganz ohne Internet.

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