© House Doctor; Ulet Ifansasti/Getty Images

Rattan: Wenn die Palme zum Pfau wird

Er wächst schnell nach, ist leicht und in Handarbeit verarbeitet: Rattan ist das perfekte Material für Großstadtnomaden – und auch exotisch genug fürs Hippie-Gefühl. Von
Aus der Serie: Innenleben

Wie wir uns einrichten und mit welchen Dingen wir uns umgeben, das sagt genauso viel über uns aus wie die Kleidung, die wir tragen. In unserer Serie "Innenleben" ergründen wir aktuelle Wohntrends.

Obwohl die Welt immer lauter wird, mag man auch zu Hause plötzlich gern Dinge, die Geräusche von sich geben, ganz leise zumindest: knarzende Stühle, knarrende Dielen, raschelnde Balkon-Bastvorhänge. Im Idealfall klingt das so, als wäre man gerade im Wald unterwegs. Diese Fantasie allerdings lässt sich nur mit Naturmaterialien verwirklichen – Plastik bleibt stumm und sagt uns nichts.

Auch Rattan ist ein großer Knarzer. Nimmt man Platz in einem Stuhl, der aus den Bestandteilen der Palmenart Calamus Rotang hergestellt ist, dann ächzt der Stuhl oft, als wiege man drei Zentner. Das ist ein wenig entwürdigend, zumal Rattan oft sehr zierlich und filigran verarbeitet wird, mit viel Luft zwischen den Stäben, was Rattan-Mobiliar selbst für kleine Wohnungen attraktiv macht: Ein Sessel bildet keine massive Fläche, sondern besteht aus Linien mit Durchblick, die beschwingt Kurven schlagen oder grafisch harmonisch angeordnet sind.

Diese physische und optische Leichtigkeit macht den Werkstoff für die Gegenwart so interessant, dass es aus Rattan derzeit eigentlich alles für die Wohnung gibt: schalenförmige Sessel von House Doctor, wiederaufgelegte Wandgarderoben, Pendelleuchten von Zuiver oder Ikea – bei denen das Geflecht ein Schattenmuster an die Wand wirft –, Regale, Aufbewahrungskörbe, Windlicht-Behältnisse und Konsolen, wie die von Tikamoon.

Die wilden, organischen Schwünge spiegeln eine vage Sehnsucht nach der libertinären Hippiegeste der Siebzigerjahre wider, die strengen Linien erinnern an das ebenfalls gerade so beliebte Midcentury-Design, das immer etwas schmalfüßig und geizig in den verwendeten Materialien daherkommt. Rattan, das fast immer aus Indonesien kommt, ist trotz seiner meist zarten Gestalt außerdem stabil, widerstandsfähig, pflegeleicht und leichtgewichtig, was es ideal für die nomadische Idee des Wohnens macht. Heute hier, morgen dort. Die Rattan-Sitzgruppe kann man sich einfach unter den Arm klemmen und in der U-Bahn zur nächsten WG transportieren.

Rattan zählt zu den nachhaltigsten Naturmaterialien, die im Interior-Bereich Anwendung finden, denn es wächst innerhalb von fünf bis sieben Jahren nach. Gewonnen wird es aus den Stämmen und dornenbesetzten Lianen der Rotangpalme, die bis zu 200 Meter lang werden können. Die verholzten Sprossen erreichen einen Durchmesser von vier bis sechs Zentimetern, und sind innendrin nicht hohl wie Bambus, sondern weich und faserig. Aus den Stämmen werden die stabilen Möbelteile gefertigt, das Innere der getrockneten Lianen kann zu Rundstäben geschnitten werden. Oder zu Streifen, dem sogenannten Wickelrohr, das sechsfach verflochten die Sitzfläche der klassischen Thonet-Stühle bildet. Sie entstehen, wie alles aus Rattan, in Handarbeit. Auch darin entsprechen sie dem Zeitgeist, im Zeitalter der Massenproduktion wird ja das individuell gefertigte Einzelstück besonders geschätzt.

Rattan gibt es auch farbig lackiert, in Schwarz und Weiß und dem ganzen Rest. Sieht man aber Gartenmöbel mit einheitlich dunkelbrauner Färbung und relativ breiten Bändern, handelt es sich dabei mit ziemlicher Sicherheit um Polyrattan. Die Kunststoffvariante des Naturmaterials mag wetterfest und unverwüstlich sein, hat aber in puncto Designqualität einen ziemlichen Niedergang zu verzeichnen. Zum Möbelmaterial entwickelt wurde Polyrattan bei der recht hochpreisigen Gartenmöbelfirma Dedon, wo man sich von den Trageriemen an Waschmittelkartons inspirieren ließ. Heute steht Polyrattan klobig, eckig und hässlich in jedem Baumarkt, gruppenweise mit dem Etikett "Lounge" versehen. Wo das draufsteht, ist ohnehin stets Vorsicht geboten.

Die Lehne des "Peacock Chair" soll an einen Pfau erinnern, der ein Rad schlägt. © The Family Love Tree

Das Naturmaterial erlebte seinen ersten Boom zu Beginn des 20. Jahrhunderts, denn die Stäbe lassen sich unter Dampf sehr viel leichter in Form bringen als das für die typischen Caféhausstühle verwendete Buchenholz. Zudem bleibt Rattan elastisch und macht nach Bearbeitung keinerlei Anstalten, in seine ursprüngliche Form zurückzukehren. In den Siebzigerjahren wurde er dann wegen seines Talents zum Ornament und wegen seines etwas schwülstigen Exotismus' wieder Trend. Was damit gemeint ist, zeigen sämtliche Emmanuelle-Verfilmungen mit Sylvia Kristel ab 1974. Im Film und auf den Plakaten räkelt Kristel sich auf einem Rattansessel, der als "Peacock Chair" weltberühmt geworden ist. Die halbrunde Rückenlehne überragt Sitzende tatsächlich wie den Pfau seine zum Rad aufgestellten Schwanzfedern. Das Geflecht der Lehne ahmt das Muster der Pfauenfedern nach, mit kreisrunden Augen und gefiederten Bögen. Es ist nicht das einzige Möbelstück aus Rattan, bei dem die Fantasie des Betrachters ein bisschen mit ihm durchgeht.

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