Raumteiler Die Wohnung als Kleingartenkolonie

Hohe Mieten, wenig Platz: Da wächst der Wunsch nach Abgrenzung. Durch Bücherregale, Holzklötze oder schallschluckende Paravents. So wird das Private wieder privat. Von
Aus der Serie: Innenleben

Wie wir uns einrichten und mit welchen Dingen wir uns umgeben, das sagt genauso viel über uns aus wie die Kleidung, die wir tragen. In unserer Serie "Innenleben" ergründen wir aktuelle Wohntrends.

Der Wohnraum, unendliche Weiten: Das war lange Zeit ein Ideal. Möglichst Alt- oder Betonbau, möglichst groß, möglichst leer und am besten keine Wand zwischen Bett und Sofa. Kann sein, dass das mit akutem Loftneid zu tun hatte: Umgebaute Fabriketagen machten es möglich, zu Hause mit dem Tretroller herumzufahren und eine freistehende Badewanne wie einen Altar zu inszenieren. Die Bereiche aller Bedürfnisse und sämtlicher Bewohner gingen damit frei ineinander über. Das fand man eine Zeit lang sogar so modern, dass selbst kleine Hotelzimmer loftig inszeniert wurden, ohne Wand zwischen Bett und Bad zum Beispiel.

Lange her. Heute kostet ein WG-Zimmer in mittelgroßen Städten so viel wie vor fünf Jahren eine gesamte Wohnung. Die Mietpreise sind hoch, der Wohnraum ist knapp, damit verändert sich auch drinnen das ganze Leben. So wie man beim Gedränge in der Straßenbahn die Ellenbogen ausfährt, will man auch zu Hause eben seinen eigenen Space haben, klar definiert. Was Eigenes, nur für sich allein. Und wenn möglich, möchte man vom Bett aus nicht den Schreibtisch oder Wäscheständer sehen müssen.

Kein Wunder, dass sich Raumteiler und Paravents dieses Jahr als großer Trend der imm Cologne und des Mailänder Salone del Mobile erwiesen haben. In den riesigen Hallen der Möbelmessen war vieles parzelliert wie in der Kleingartenkolonie, mit feststehenden Raumteilern, zumeist Bücherregalen, und mit mobilen Paravents: aus wild verschlungenen Metallschnüren oder wohlgeordneten Holzklötzen, mit Stellwänden wie bei Arper, die mit schallschluckenden Stoffen bezogen sind und sich freundlich in die Kurve legen. Ebenso gibt es leichtgewichtige Paravents, die ganz nach Bedarf umgestellt werden können, aus dem gerade wieder so beliebten Rattan, wenn es nach Hippie-Revival aussehen soll, oder, etwa bei Saba Italia, als Oval auf dünnen Beinen, mit farbig kontrastierenden Kunststoffseilen bespannt.

Den Rest dessen, was gerade sehr begehrt ist, findet man bei den Kleinanzeigen im Internet: die typischen Shoji-Paravents, Holzgitter, bespannt mit dickem Papier, und hochglanzlackierte Dreiteiler, ebenfalls japanisch inspiriert, die mit kichernden Geishas bemalt sind. Sie erinnern daran, dass Paravents immer schon eine spielerische Grenze zum privatesten Raum errichtet haben, dahinter zogen sich früher die Adligen um.  

Das Problem multipler Räume ist multipel

Diese Rückzugsgeste scheint wieder interessant zu werden, was damit zu tun haben kann, dass sich seit mehr als einem Jahrzehnt so viele Funktionen im Leben überlagern. Holm Friebe und Sascha Lobo veröffentlichten 2006 ihr Buch Wir nennen es Arbeit und setzten darin die digitale Bohème zum Schaffen ins Café, denn nichts wirkte plötzlich spießiger als Büros, Bürozeiten und ein eigener Schreibtisch. Lobo und Friebe erklärten stattdessen – nach dem Motto The world is my oyster – die ganze Welt zu ihrem Wohn- und Arbeitszimmer. Im selben Jahr brachte Vitra ein Sofa von Ronan & Erwan Bouroullec auf den Markt, das genau das Gegenteil wollte, nämlich maximale Privatsphäre schaffen, in die keiner so leicht eindringen konnte. "Alcove" kann man als stilbildend für viele folgende Sofas und Sessel betrachten. Es ist von einer steil senkrechten Rücken- und Seitenlehne umgeben, mit einer Höhe, die weit über die Köpfe der Sitzenden hinwegreicht, im extremsten Modell bis zu 187 Zentimeter, im mittleren sind es immer noch 137 Zentimeter. Da kann einem keiner heimlich auf den Laptopscreen gucken.

Man will ja auch mal für sich sein dürfen. Und dieses Bedürfnis gilt heute wieder für die unterschiedlichsten Platzverhältnisse. Das Sofa ist ein multipler Ort, an dem gegessen, getrunken, geguckt, geredet und gearbeitet wird. Der Küchentisch ist ein multipler Ort, an dem gegessen, getrunken, geguckt, geredet und gearbeitet wird. Das Bett ist ein multipler Ort, an dem gegessen, getrunken, geguckt, geredet und gearbeitet wird. Vermutlich kommt es bald auch in Mode, sich einen Obstkorb ins Badezimmer zu stellen. 

Ein Raumteiler klärt die Fronten, wo das Wohnen kompliziert geworden ist, mit ihm kehrt man zu einer funktionalen Ordnung zurück, die so beruhigend sein kann wie eine aufgeräumte Schreibtischplatte. Die vielleicht simpelste Version davon hat die Stuttgarter Designagentur Stadtnomaden mit ihrem Faulen Strick geschaffen: Der Raumteiler ist gestaltet wie eine überdimensionale Strickleiter, nur aus Tauen und Holzsprossen. Man schottet sich gegen den Rest der WG damit ab. Gleichzeitig kann man Pflanzen und Bilder daran aufhängen – oder sein Bettzeug zum Auslüften. Auch das ist trotz aller Lässigkeit eine unmissverständliche Geste: Wer viel Platz hat, kann großzügig damit umgehen; wer sich beschränken muss, neigt dazu, sein Revier zu verteidigen.  


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