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Kristallgläser So schwer ist Coolness

Echte Kristallgläser findet man nicht nur in guten Bars, sondern immer öfter auch bei Freunden zu Hause. Warum richten sich alle gerade eine "Mad Men"-Gedenkecke ein? Von
Aus der Serie: Innenleben

Wie wir uns einrichten und mit welchen Dingen wir uns umgeben, das sagt genauso viel über uns aus wie die Kleidung, die wir tragen. In unserer Serie "Innenleben" ergründen wir aktuelle Wohntrends.

Mit einer Kleinstadtherkunft kann man nur selten angeben, doch gerade ist die Gelegenheit günstig. Auf den Flohmärkten und in den Vintageläden der Großstädte werden nämlich die schönen, schweren, alten Kristallgläser knapp, in denen der Bourbon funkelt wie an einem Filmset aus den Sechzigerjahren. Beim Elternbesuch in der Provinz kann man sie zum Schnäppchenpreis abräumen. Oder sie stehen sowieso noch aus dem Nachlass einer alten Tante im Keller herum, wahrscheinlich in einem alten Küchenschrank, den man eigentlich auch mal mitnehmen könnte, aber lassen wir das.

Die Verknappung der wuchtigen Kristallgläser mit dem messerscharfen Schliff ist erstaunlich: Sie wird von denjenigen verursacht, die bislang froh damit waren, auf der Party ihr Bier aus der Flasche zu trinken, während die Etiketten in der Badewanne schwammen. Die, wenn es denn Cocktails sein sollten, dafür alte Senfgläser als völlig ausreichend befanden. Jetzt wird in ihren Küchen neben den Schnapsflaschen das gute Glas entdeckt – als Pendant zum guten Porzellan, das nur sonntags benutzt wurde und wegen dieser zimperlichen Behandlung bislang von jüngeren Menschen als spießig empfunden wurde.

Ein gutes Glas hat Gewicht, jeder Schluck soll damit zu einer kleinen Prozedur werden. Und von gestern muss es sein. Oder zumindest so aussehen. Dafür sorgt erstens der Schliff, der mit seinen strahlenförmig verlaufenden Linien an Kristalle erinnert. Zweitens sollte die Form klassisch gerade sein, wenn schon das Dekor so dramatisch ist. Dieser sogenannte Tumbler eignet sich für Whiskey und Cocktails wie einen Old Fashioned, einen Rusty Nail oder Whisky Sour – klassisch steife Drinks, die derzeit eine Renaissance erleben. Das breite, zylindrische Glas hat stabile Wände und einen dicken Boden, der den kalten Inhalt sehr gut gegen die warmen Hände desjenigen isoliert, der das Glas umklammert. Und drittens sollte dieses Glas nicht nur wie Kristalle funkeln, sondern auch aus Kristallglas sein. Das heißt so, weil es das Licht besonders schön bricht, dafür wird der Glasmasse Kreide oder Kaliumoxid beigefügt. Noch gleißender ist Bleikristall, das tatsächlich Blei enthält – aber gebunden in Bleisilikat, weswegen es nur extrem schwer durch Wasser löslich ist, keine Sorge. Mit Säure sieht es allerdings anders aus, deshalb sollte man beispielsweise Wein nicht in Bleikristallkaraffen aufheben.

Die prächtigen neuen alten Gläser müssen zu Hause natürlich entsprechend präsentiert werden, am besten mit der passenden Karaffe, dem Shaker und Serviettenstapel auf einem Barwagen. Das schaut ein bisschen wie eine Mad Men-Gedenkecke aus, denn diese Gläser mit dem dicken Boden und den geraden Wänden kennt man von der Hauptfigur Don Draper, der daraus gern mal einen Old Fashioned oder einen kanadischen Whisky pur zu sich nimmt.

Der völlig unbesorgte Umgang dieser Serie mit Alkohol wirkt heute entweder völlig aus der Zeit gefallen oder unwiderstehlich leichtlebig, je nach Charakterfestigkeit des Betrachters. Doch Mad Men hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Sechzigerjahre und der Mid-century-Stil mit ihrer Mischung aus sanften organischen Kurven und ornamentfreien geometrischen Formen wieder so populär geworden sind. Das schöne, schwere Glas, das wir dieser Retromoderne im Moment so gern entnehmen, ist ein Teil, der auf das große Ganze verweist: auf die Idee, dass ein Sinn für Ästhetik und Schönheit das Leben der Menschen besser machen und ordnen kann. 

Das Glas ist also nicht nur ein Glas, sondern gewissermaßen ein Hoffnungsträger. Vielleicht entfaltet es seine Wirkung deshalb auf rohen Kieferholzbrettern am besten, im Kontrast der perfekten Oberfläche zu der ruppigen Naturbelassenheit.

Ist das aber nicht oberflächlich: zu glauben, dass so ein Glas etwas am Getränk ändern kann? Wer das denkt, sollte mal an einer Blindverkostung für Wein teilnehmen. Zu den besonders interessanten Übungen solcher Veranstaltungen gehört es, den Wein in schwarzen, komplett blickdichten Gläsern serviert zu bekommen. Dabei hat sich schon oft herausgestellt, dass viele Menschen zwar sehr eloquent über Stachelbeeraromen und mineralische Noten reden können, aber nicht imstande sind, Rotwein von Weißwein zu unterscheiden.

Wie ein Getränk serviert wird, das verändert natürlich nicht den Geschmack, wohl aber den Gesamteindruck – und damit auch das Geschmacksempfinden. Ein schlechter Wein kann also in einem schönen Glas besser wegkommen als gedacht. Genauso verleiht ein Kristallglas-Tumbler auch dem billigsten Bourbon Attitüde. Und genauso dem, der ihn trinkt.

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