© Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

T-Shirt: Die erste große Liebe

Nichts in unserer Garderobe ist so universell wie das T-Shirt, denn im richtigen kann der Mann alles sein: Rebell, Poet, Sieger – oder einfach wieder sechs Jahre alt. Von
Aus der Serie: Jacke wie Hose

Unsere Männermode-Kolumne "Jacke wie Hose" widmet sich ausschließlich einem Kleidungsstück. Diesmal: T-Shirt

An manche ersten Dinge kann man sich ganz genau erinnern. Den ersten Sex. Den ersten Anzug oder das erste Kleid, das erste Auto, die erste eigene Wohnung, die erste große Trennung. Und so weiter. Bis irgendwann die ersten Male ausgehen. Dann weiß man: Man wird langsam alt.

An das erste T-Shirt hingegen erinnert man sich eher nicht. Also an das erste selbst ausgewählte T-Shirt, das einem nicht mehr von Mutter oder Vater rausgelegt wurde. Sondern das man sich von den Eltern mit Heulen und Zetern vor der Auslage erbettelt hat: Da, dieses T-Shirt muss es sein! Sonst werfe ich mich auf den Boden und schreie so lange, bis ihr die Nerven verliert und es mir kauft.

Es kommt ein bisschen zu früh, das erste selbst ausgesuchte T-Shirt. Man ist noch Kind, kein Jugendlicher, wenn man es bekommt. Jede Kulturgeschichte des T-Shirts beginnt zwar mit der Behauptung, dieses Kleidungsstück sei einst ein Zeichen jugendlicher Rebellion gewesen, des Widerstandes gegen Konventionen, Marlon Brando, James Dean und so weiter – doch in Wahrheit ist es die erste Beute der Sechsjährigen.

Aber was ist denn auch schon ein T-Shirt? Man kauft später im Leben Dutzende davon, vielleicht Hunderte, trägt sie, bis die Nähte reißen oder die Farbe endgültig ausgebleicht ist oder man nicht mehr reinpasst. Zu heiß gewaschen, denn die neu hinzugekommen Pfunde des vergangenen Winter waren es ja nie. Und irgendwann schmeißt man es weg, das T-Shirt. Vergisst es. Fast alles würde man flicken lassen, sogar Socken. T-Shirts nie. Sie sind Wegwerfprodukte.

Aber ans erste würde man sich doch gerne erinnern. Im Zweifel nicht, weil man genau so eines noch mal haben möchte, man war doch noch ein Kind, als man es sich ausgesucht hat – so richtig cool kann es also nicht ausgesehen haben. Man möchte sich aber noch mal so fühlen, wie man glaubt, dass man sich nach dem erfolgreichen Zetern mit dem von den Eltern erpressten Fetzen am Leib gefühlt haben muss: wie der Sieger einer großen Schlacht.

Ein Klassiker, der sitzen muss: das weiße T-Shirt © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Also ruft man eines Tages zum Beispiel seine Mutter an und fragt sie nach dem ersten erbettelten T-Shirt. Der eigenen Erinnerung nach geht dessen Geschichte so: Ich war eben sechs Jahre alt, war mit meinen Eltern im Urlaub in Südfrankreich, und die haben mir damals ein bunt gemustertes T-Shirt gekauft, auf dem "Saint-Tropez" stand. Denn auf T-Shirts werden ja häufig die Namen von Sehnsuchtsorten mit maritimem Hintergrund gedruckt, "California" oft, "Castrop-Rauxel" seltener. Da ich aber ja tatsächlich in Saint-Tropez war als Sechsjähriger, könnten meine Eltern mein erstes selbst ausgesuchtes T-Shirt dort auch einfach in einem Souvenirladen gekauft haben. Doch ich bin mir nicht sicher. Dies T-Shirt könnte auch eine Legende sein, ein frei erfundener, herbei ersehnter Mythos: Côte d'Azur, das ist schon ein verdammt guter Ort fürs erste T-Shirt. Das Meer, die Sonne, die Unendlichkeit. Guter Kitsch.

Meine Mutter konnte sich bei unserem Telefongespräch nicht daran erinnern. Für Eltern ist das erste echte T-Shirt des Kindes vermutlich schlicht kein Meilenstein in dessen Leben, den man sich merkt. Eltern entsinnen sich bedeutenderer Sachen, sie waren im Gegensatz zu einem selbst zum Beispiel bei der Geburt nicht nur als ahnungsloser Passagier dabei. Womöglich habe ich auch bloß ein etwas merkwürdig funktionierendes Gedächtnis, definitiv kein fotografisches. Sondern eher eines, das mir sagt, wie ich mich bei bestimmten Anlässen und angesichts bestimmter Dinge gefühlt habe. Daher die Sache mit dem T-Shirt-Gefühl.

So völlig außergewöhnlich kann meine Art der emotionalen Erinnerungsspeicherung auch gar nicht sein, betrachtet man die Gestaltung aktueller T-Shirt-Modelle. Natürlich gibt es gerade wieder unüberschaubar viele Varianten, auf denen lediglich die Logos oder Schriftzüge von Marken zu sehen sind. Doch die können eigentlich nur für unsicher Pubertierende gemacht sein, die mit dem Herzeigen von Labelnamen verzweifelt eine Gruppenzugehörigkeit für sich reklamieren. Das ist okay, aber kein Erwachsener sollte ernsthaft für ein Kleidungsstück bezahlen, mit dem er hinterher auch noch Gratiswerbung für eine Modemarke macht. Eine größere Geldverschwendung ist bloß noch das Ersteigern von Vintage-Band-T-Shirts im Netz, ein trostloser Versuch, sich entweder eine wilde Musiksozialisation zu kaufen, die man nicht hatte, oder schlimmstenfalls das alles auch noch ironisch zu meinen: Iron Maiden, yeah? Ernsthaft: nein.

Vom Dancefloor auf die Highdecks: Im T-Shirt von Hugo (70 Euro) ist immer Rave im Leben. © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Viel schöner sind Motiv-T-Shirts, die weiter zurückgehen in der Gefühlsbiografie, zeitlich vor die Pubertät, eben an den Ursprung aller Erinnerung, ans Meer. An diese sehr spezielle Regung zwischen Unbekümmertheit und Geborgenheit, die keinen Namen besitzt und vielleicht auch nur eine rückwirkend konstruierte ist. Eine, die von den Sommern der Kindheit handelt, die noch keine zeitliche Begrenzung zu haben scheinen; die durch die vermeintliche Klarheit erster Empfindungen gekennzeichnet ist; die noch nicht eingetrübt ist von all den Komplikationen und Kompliziertheiten, mit denen man sich später so herumschlägt in Kopf und Herz. Selbstverständlich ist eine Rückkehr in diese Gefühlswelten unmöglich und der bloße Versuch zutiefst regressiv. Doch ist die Sehnsucht danach nicht zu leugnen. Als Erwachsener delegiert man sie üblicherweise an die Liebe, die alles wieder einfach machen soll, leuchtend und hell. So wie ein Tag am Meer. Und jeder Tag müsste einer am Meer sein. Wo denn sonst.

Mode wäre ein erheblich simplerer, wenn auch nicht annähernd erfüllender Weg zurück zu diesem namenlosen Gefühl, und das T-Shirt ist als stoffliche Metapher die beste Leinwand dafür. Denn Designer können bei ihm Muster, Drucke und Farben frei benutzen wie bei keinem anderen Kleidungsstück. Sie können träumen und durchknallen, folgenlos. Denn im nächsten Jahr sind die meisten T-Shirts des Vorsommers längst vergessen.

Enger Rundhals und ein bisschen Oberarm: Das "Single Regular Tee" von Filippa K (55 Euro) bleibt auch für seinen Träger eine Leinwand. © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Außer die weißen. Die werden von uns durchgeschleppt. Und sind für die meisten Designer vermutlich eine Beleidigung, denn für ein weißes T-Shirt braucht man sie nun wirklich nicht, die Designer, so wenig ist da zu tun, an dieser absichtlich weiß bleibenden Leinwand aller Modefantasie. Als Käufer muss man nur ein Modell finden, das einem so sehr gefällt an sich selbst, dass man es immerzu nachkaufen möchte. Womöglich könnte das "Single Regular Tee" von Filippa K (55 Euro) ein solches sein. Beim Sich-selbst-Gefallen hilft es, wenn man das T-Shirt der eigenen Oberkörperform entsprechend ehrlich kauft, was zum Beispiel bedeutet: Hat man als Mann einen Bauchansatz, sollte das T-Shirt nur eben lang genug sein, dass es den Gürtel gerade noch bedeckt, aber beim Bücken nicht den Rückenansatz freilegt. Unterhose hochziehen hilft in dem Fall übrigens, oder überhaupt eine zu tragen. Je länger ein T-Shirt ist, und zuletzt haben gerade junge Männer sie sehr lang getragen, desto genauer zeichnet sich vorne die Wanstwölbung ab, sollte man eine mit sich herumtragen. Der Rest ist auch einfach: relativ enger Rundhals, jeder andere Ausschnitt wirkt albern oder anzüglich; eher zu kurzer Arm als zu langer, denn Männeroberarme sind ja schon ganz geil. Warum sie also verstecken.

Unser Model im Carhartt WIP (35 Euro) interessiert sich tatsächlich für Architektur und Zukunft und so Sachen. © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Für ein weißes T-Shirt jedoch hätte man sich als Sechsjähriger nicht ernsthaft schreiend im Staub gewälzt. Schon eher für eines in einer kräftigen Farbe wie Violett etwa, da drauf dann zum Beispiel ein geometrisches Muster (Carhartt WIP, 35 Euro), das lässt einen als erwachsenen Mann wie einen dieser Typen wirken, die an Architektur und Zukunft und so Sachen interessiert sind. Das ist als Verkleidung zumindest so lange super, bis man den Mund aufmacht, und es purzelt da nur wirres altes Zeug raus. Dann hat man nur noch die Ausrede, dass man eigentlich dachte, coole Skater trügen solche violetten T-Shirts mit geometrischem Aufdruck. Skater reden ja nicht so viel, sie versuchen mit ihrem Tun die Mädchen und Jungs zu beeindrucken. Zumindest dachte ich als Sechsjähriger das, als ich es mal mit Skaten versucht habe. Dabei kamen aber nur blutige Knie rum.

Das T-Shirt von Wood Wood (55 Euro) ist für fast alle Arten des persönlichen Protests geeignet. © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Ein T-Shirt, auf dem "Rave" steht (Hugo, 70 Euro), ist zugegebenermaßen eher etwas für das universelle 16-jährige Ich. Tanzen allein ist auch keine Lösung für alle Probleme, das lehrt einen später zwar die sogenannte Lebenserfahrung. Und doch wird stets beim Betreten eines Clubs die Muskelerinnerung wieder aktiviert, und die führt zurück an den Moment des ersten Mals auf einem Dancefloor: Wie hat man sich da noch mal bewegt? Und welche Ekstase ist das gewesen, überhaupt eingelassen worden zu sein ins dunkle Reich der Erwachsenenwelt, wo in düsteren Ecken unaussprechliche Dinge geschahen zum Beat der Musik? Im Grunde sollte immer Rave sein im Leben, dachte man und denkt es noch heute, denn dahinter steht das Versprechen, dass es niemals aufhört.

Kein Saint-Tropez in Saint-Tropez: Unser Autor (6) in irgendeinem T-Shirt in Südfrankreich. © privat

Wenn der Türsteher aber sagt "Du kommst hier nicht rein", dann bleibt einem immer noch der Rückzug ins pubertäre Gefühl des Unverstandenseins. "Leave me alone with your attention" (Wood Wood, 55 Euro), erspart mir eure Aufmerksamkeit, denkt man dann beim Blick auf die Schlange hinter einem: Man möchte im Boden versinken, unsichtbar sein. Oder noch mal so unbeirrbar, so unantastbar, so unverwüstlich, wie man glaubt, als Kind gewesen zu sein. Ich hätte gern ein T-Shirt, das mir solche Kräfte verleihen könnte, eine Art Superman-Umhang.

Eine Woche nach dem Telefonat mit meiner Mutter fand ich einen Brief von ihr im Postkasten. Darin lagen zwei Fotografien, die mich als Sechsjährigen zeigen, eine davon irgendwo in der Nähe von Saint-Tropez aufgenommen. Es zeigt einen Jungen in einem schlichten dunkelblauen T-Shirt mit rot abgesetztem Ausschnitt. Das war definitiv nicht das T-Shirt, an das ich mich zu erinnern glaubte – oder von dem ich gewünscht hatte, ich hätte es mir erbrüllt von meinen Eltern. Es war bloß irgendein T-Shirt. Aber der kleine Mann, der da fast schon aufreizend selbstbewusst vor einer Kaimauer posiert auf diesem Bild, der gefiel mir überraschend gut. Er schaute drein, als könne die Welt ihm nichts anhaben.

Anmerkung der Redaktion: Bei der Produktion der Fotos ist kein Kaninchen zu Schaden gekommen. Der Besitzer des oben abgebildeten Tiers kam zufällig des Weges und unser Model durfte das Tier kurz streicheln.

Kommentare

58 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Stein Zeit Online Mensch

#2  —  14. August 2018, 12:18 Uhr

Die hohen Preise der T-Shirts zeigen, dass diese nicht in Fernost produziert wurden. Ein weißes T-Shirt für 55 Euro ist schon etwas anderes als eines für 2,99 beim Discounter.

Hoffnungslos92

#3.1  —  14. August 2018, 12:23 Uhr

Das ist mir auch aufgefallen. Ich käme garnicht auf die Idee, mir ein Shirt zu kaufen, das mehr als 10-15€ kostet (ausgenommen Shirts meiner Lieblingsbands, aber da ist 25€ auch die Schmerzgrenze).

Wirklich fair produziert wäre das vielleicht angemessen. Aber an ihrem Kommentar (ich empfinde selbst leider ähnlich, kein Vorwurf) kann man ablesen, dass wir in unserer Preisvorstellung schon die üble Ausbeute der Drittweltbewohner, die das Ding für Max. 12,- herstellen und anbauen, eingraviert haben.