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Upcycling Dieser Müll steht dir aber gut

Was wir wegwerfen, muss kein Abfall sein, sondern kann Rohstoff für Schuhe, Taschen und T-Shirts werden. Können wir unser Gewissen mit Upcycling-Mode beruhigen? Von

Lebensmittel, Verpackungen, Elektroschrott, Plastik: Die Menschheit müllt sich zu. Mit dem Schwerpunkt "Leben im Wegwerfmodus" folgen wir den Routen des Abfalls, zeigen, was er mit Mensch und Tier macht und wie er sich besser vermeiden ließe.

Es gibt Mode, die manche Menschen aus rein geschmacklichen Gründen als Müll bezeichnen. Entweder, weil sie ihnen nicht gefällt oder weil sie als Secondhand-Ware ihr drittes Leben erfährt: Wenn zum Beispiel junge Großstädter eine ironische Attitüde demonstrieren wollen. Leider ist Mode an sich aber auch Müll – und wird als solcher behandelt.

Spätestens mit Fast Fashion hat sich Mode zur Wegwerfware entwickelt – und im Wegwerfen sind die Deutschen sowieso auf Platz eins in Europa. Aber geht es eigentlich auch andersherum? Kann Mode dabei helfen, Müll zu vermeiden? Schließlich wäre das doch der Konsumententraum: Dass die Stoffe, aus denen künftig unsere T-Shirts und Taschen sind, unbegrenzt zur Verfügung stehen. Und was produziert der Mensch verlässlicher als Unmengen von Müll?

Was unsere Abfalltonnen füllt, kann uns tatsächlich übermorgen kleiden. Und muss nicht unbedingt aussehen wie ein zu häufig gewaschenes Handtuch, sondern wie nachhaltige Mode. Eine, die nicht im großen Stil Ressourcen verbraucht, wie es etwa der Fall ist beim Baumwollanbau, der pestizidbelastet ist und zudem enorm viel Wasser verbraucht. Rechnet man es herunter, sind für den Baumwollanteil in jeder einzelnen Jeans 8.000 Liter Wasser nötig. Um wie viel korrekter muss uns also Kleidung erscheinen, die verwertet, was vorhanden ist.

Wie Milchseen zum Beispiel, denn die kann man ausschöpfen. So nutzt die Mikrobiologin Anke Domaske für ihre QMILK-Produkte Rohmilch, die – etwa wegen eines weit überschrittenen Haltbarkeitsdatums – nicht verkauft werden darf. Aus dem Milcheiweiß gewinnt Domaske eine Proteinfaser, die sogar innerhalb weniger Wochen kompostiert werden könnte. Wenn man das T-Shirt daraus denn wegwerfen wollte.

Auch andere Stoffe aus dem Haushaltsmüll lassen sich verwerten. Orangenschalen beispielsweise verrotten nur sehr langsam, allein in Italien fallen pro Jahr 700.000 Tonnen aus der Saftproduktion an. Adriana Santanocito und Enrica Arena haben in der zähen Masse der Schalen einen innovativen Rohstoff gefunden: Ihr Unternehmen Orange Fiber, ansässig in Catania auf Sizilien, gewinnt aus den Abfällen Zellulose, ein Polysaccharid und der Hauptbestandteil pflanzlicher Zellwände, ob Blatt, Baum oder Frucht. Aus der weißen Orangenhaut wird ein Faden gewonnen, der Seide ähnelt, leicht glänzt und eingefärbt werden kann.

Twill aus Orangenfasern – die Zellulose wird aus Orangenschalen hergestellt. © Orange Fiber/Stefano Sciuto

Die Blätter der Ananas müssen nach der Ernte ebenfalls nicht weggeworfen werden. Daraus kann Piñatex entstehen, eine rein pflanzliche Lederalternative. Die Spanierin Carmen Hijosa entdeckte die Berge von Blättern auf den Philippinen, dem weltweit zweitgrößten Anbaugebiet der Frucht. Mit ihrem Start-up Ananas Anam hat Hijosa fünf Jahre lang an einem Verfahren getüftelt, mit dem die Blätter entbastet und die gewonnenen Zellstofffasern zu einem festen, lederartigen Gewebe gepresst werden können. Auch dieses Material entstammt ungenutzten, leicht zugänglichen Ressourcen und ist außerdem biologisch vollständig abbaubar – im Gegensatz zu anderen veganen Lederalternativen, die aus Polyurethan oder Polyester bestehen: erdölbasierten Kunststoffen aus endlichen Ressourcen.

Eine vegane Unterarmtasche, hergestellt aus Ananasblättern © Taikka

Aus Piñatex wurden bereits Sneaker für Hugo Boss produziert und Accessoires für die Label Trussardi und Bourgeois Boheme. Und aus den Orange-Fiber-Garnen ist im vergangenen Jahr eine Sonderkollektion des Labels Salvatore Ferragamo entstanden – mit Schals, Cardigans, Kleidern und Blusen. Luxusprodukte also, keine Gut-gemeint-Kollektion, bei der die Philosophie dahinter wichtiger ist als der Designanspruch davor. Massenmarkttauglich sind viele dieser Innovationen aber längst nicht. Noch bleiben sie Capsule Collections, einmalig produzierte Kleinstkollektionen mit limitierten Stückzahlen, oder sie werden von kleineren Labels vorangebracht. Für die Großen am Markt liegt der Wert von ökologisch korrekten Produkte oft auch darin, das eigene Engagement für die Umwelt hervorzuheben. Der bösere Begriff dafür lautet Greenwashing, denn eine solche Sonderkollektion ändert an den Produktionsbedingungen eines Konzerns nicht unbedingt viel.

An den kleinen Firmen der Produzenten bleibt außerdem oft die Zusatzaufgabe hängen, Aufklärung zu betreiben, über das, was man da fabriziert. Zellulosebasierte Stoffe wie Viskose, Lyocell, Cupro, Tencel oder Modal würden von den Käufern nämlich oft als Chemiefasern wahrgenommen, sagt Carolin Ermer, Dozentin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit. Streng genommen sind sie auch keine Naturfasern wie etwa direkt gewonnene Baumwolle oder Seide, denn es sind chemische Prozesse nötig, um die Zellulose in Fasern zu verwandeln. Das Ausgangsmaterial aber entstammt der Natur. Tencel zum Beispiel wird aus Holz gewonnen, das aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt; das Lösungsmittelverfahren, sagt Ermer, sei wasserbasiert und zu fast 100 Prozent kreislauffähig.

Schon recht etabliert am Markt der Mode aus Müll ist das sogenannte Fischleder, gewonnen aus der Haut von Lachsen, Barschen, Kabeljau, Seewolf oder Aalen. Marken wie Nike, Prada, Dior und Designer wie Alexander Wang haben es in Kollektionen eingesetzt. Das Verfahren hat bei indigenen Völkern wie den Hezhen in China oder den Nanai in Sibirien eine lange Tradition, sogar in Deutschland wurde Fischleder während des Zweiten Weltkriegs bereits für Schuhe oder Treibriemen an Maschinen eingesetzt. Es fühlt sich an wie echtes Leder, ist allerdings elastischer, weicher, leichter und dünner. 

Nachhaltig ist die Verarbeitung von Fischhaut auf jeden Fall, denn sie wäre ansonsten nur ein Abfallprodukt, das im schlimmsten Fall zurück ins Meer gekippt wird. Ein durch und durch ethisches Produkt ist sie allerdings nicht in jedem Fall – dann nämlich nicht, wenn das Material aus industriellen Fischfarmen stammt. Allein in Norwegen werden 400 Millionen Lachse in solcher Massenfischhaltung herangezogen, die unter anderem wegen des hohen Antibiotika-Einsatzes kritisiert werden. Das deutsche Unternehmen Nanai bezieht seine Fischhäute hingegen aus Bio-Aquakulturen, bei denen die Gewässer so bewirtschaftet werden, dass ihre natürlichen Funktionen erhalten bleiben.

Tasche aus Fischleder von Avrillo – die Schuppenstruktur ist deutlich erkennbar. © Avrillo

"Recycling ist dann sinnvoll, wenn das Ausgangsmaterial die richtige Qualität hat und der gesamte Prozess der Verarbeitung ökologische Kriterien beachtet", sagt Friederike von Wedel-Parlow, Beraterin für nachhaltige Mode und Gründerin des Beneficial Design Institute. Auch mit Eierschalen werde ja experimentiert, um Enzyme zur Gewinnung von Textilfasern herauszufiltern. "Aber das hätte den Preis, dass man damit die industrielle Tierhaltung unterstützt." Das ist also der Nachteil solcher an sich gut gedachten Upcycling-Verfahren: Man verhindert nicht die Kriterien der Massenproduktion und vermeidet keinen Müll, sondern kaschiert nur die Folgen seines Konsumverhaltens. "Recycling kann sogar konsumfördernd wirken", sagt Wedel-Parlow. "Mit dem richtigen Stichwort kauft man eben doch leichten Gewissens Plastik."

Hilft es denn nun, eine Jeans zu kaufen, für die 30 Prozent Baumwolle eingespart worden sind, weil der Kern der Faser aus wiederaufbereitetem Kunststoff besteht? Ein bisschen schon. Aber wer mitbekommen hat, dass für sein Kleidungsstück recycelte Kunststoffe eingesetzt werden, der holt sich schlimmstenfalls ohne weitere Gewissensbisse sein Wasser weiterhin in der Plastikflasche. Und wenn er sogar an großen Konzernen sieht, dass sie seinen Müll wiederverarbeiten, sorgt er sich womöglich nicht weiter um den Zustand der Ozeane. So kann der Kauf von Recyclingprodukten sogar zu einer Art Ablasshandel werden. Die Ressourcen werden dadurch nämlich nicht geschont. Man darf sich nur plötzlich gut dabei fühlen, dass man genauso weitermacht wie bisher.

Für den Gumshoe von Explicit werden in Amsterdam plattgetretene Kaugummis wieder aufbereitet. © Explicit

Ähnlich verhält es sich auch hier: Das Londoner Start-up Gumdrop hat in Kooperation mit der Stadt Amsterdam und dem Streetwear-Label Explicit einen Turnschuh entwickelt, den Gumshoe, dessen Sohle zu 20 Prozent aus aufbereiteten Kaugummis besteht. Genug Aufsehen haben die in Amsterdam aufgestellten Sammelboxen auf jeden Fall erregt, mit denen auf die umständliche Befreiung der Straßen von ins Pflaster getretenen Kaugummis hingewiesen wurde. Aber lohnt sich die Mühe des Erklärens, Einsammelns, Einschmelzens, die dafür aufgewendete Energie? "Letztendlich ist es Abfall, aus dem wieder ein Abfallprodukt wird", sagt Carolin Ermer. Das gelte für alte Kaugummis, deren Basis aus petrochemischen Grundstoffen besteht, ebenso wie für aus dem Meer gefischte Netze: In ihnen sind Weichmacher enthalten, es reiben sich Mikroplastikteilchen ab. Ein Drittel der im Meer gefundenen Mikropartikel sind Abrieb textiler Produkte.

PET (Polyethylenterephthalat) aus der Familie der Polyester ist der Stoff, aus dem die meisten Wasserflaschen sind und aus dem auch Kleidung werden kann. Der Prozess ist allerdings energieaufwändig, die Flaschen müssen eingesammelt, gereinigt und eingeschmolzen werden. Zudem finden diese Prozesse überwiegend in Asien statt, was bedeutet, dass die alten Flaschen auch noch klimaschädlich dorthin transportiert werden müssen. Polyester kann maximal siebenmal wiederaufbereitet werden und verliert dabei jedes Mal an Qualität. Anders sieht es aus, wenn Nylon, etwa aus Fischernetzen, restrukturiert wird: Sortenrein ist dieses Econyl – aus dem etwa Strumpfhosen oder Badeanzüge werden – nahezu unbegrenzt recycelbar.

Paradoxerweise verdeutlicht gerade diese Kunstfaser die Idee der nachhaltigen Mode, die man ja meistens mit Naturmaterialien assoziiert. Cradle to Cradle nennt man das Konzept, bei dem die Materialien in Kreisläufen zirkulieren können sollen und bei ihrer Wiederverwertung nicht an Qualität einbüßen. Nichts sollte man mehr wegwerfen müssen. Es gäbe schlicht keinen Müll mehr – nur noch Stoffe, die genutzt werden können, in unendlichen Kreisläufen. Unsere Realität ist davon leider noch ein wenig entfernt. Denn auch der Konsum kostet Energie – und aus ihm entsteht Müll. Je ungehemmter der Konsum, desto mehr Müll. Daran können auch scheinbar wundersame Materialverwandlungen nichts ändern.

Abfall sucht Eimer

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