© Fine Arts Museum of San Francisco

Muslimische Mode Die Freiheit der verhüllten Frau

Sind Miniröcke wirklich fortschrittlich? Eine Ausstellung muslimischer Mode hinterfragt das westliche Modediktat: Auch die Bedeckung des Körpers kann befreiend wirken. Von

Wenn sie ihre Kinder zum Fußballtraining fährt, zieht sie Jeans, T-Shirt und Jogginghosen an – die Alltagskleidung echter Soccer Moms. Aber Saba Ali, eine an der San Francisco Bay lebende pakistanischstämmige Amerikanerin, trägt dazu den Hidschab. Und betont, dass sie sich gegen den Willen ihres Vaters dazu entschlossen hat. "Das ist das Gegenteil der allgemeinen Vorstellung, dass der Vater, Bruder oder Ehemann der Frau vorschreibt, sich zu verhüllen", sagt sie. "Es ist meine eigene Entscheidung gewesen, und bei allen meinen Freundinnen und Bekannten war es genauso."

Saba Ali kennt viele Arten, das Kopftuch zu binden – und hat den Hidschab deswegen nun auch an Kleiderpuppen in einer Ausstellung des de Young Museum in San Francisco drapiert. Contemporary Muslim Fashions setzt die Mode in den Plural. Das ist ein erster Hinweis darauf, dass man mehr als eine Milliarde islamischer Frauen, die sich gemäß ihrer Religion und Kultur kleiden wollen, nicht über einen Kamm scheren darf. Und dass die islamischen Kleidungsregeln ziemlich vielfältig ausgelegt werden und nicht einfach nur die Körper der Frauen mit Schleiern, Kopftüchern und langen Gewändern möglichst unsichtbar machen wollen.

"Im Iran oder in der indonesischen Provinz Aceh gibt es tatsächlich sehr strenge Vorschriften, aber in den meisten anderen Ländern interpretieren die Menschen die Regeln auf ihre Weise", sagt Laura Camerlengo, eine der beiden Kuratorinnen der Ausstellung. "So haben wir hier Puppen mit und ohne Kopftuch. Das haben wir den jeweiligen Designern überlassen, denn die Parameter dessen, was als dezent gilt, werden vom Individuum definiert."

Das Wort "dezent" ist dabei nur eine unzulängliche Übersetzung des englischen modest. Auch in Deutschland ist Modest Fashion inzwischen bekannt als Schlagwort für die verhüllende, aber keineswegs unsichtbar machende Mode aus mehrheitlich muslimischen Ländern. Je nach Region werden die Vorschriften des Koran landesspezifisch gedeutet. Etwa in Indonesien, dem Land mit der größten muslimischen Bevölkerung, das auf eine lange textile Tradition zurückblickt. Luxuriöse Stoffe in bunten Farben mit komplexen Mustern bestimmen die Entwürfe der Designerinnen und Designer aus diesem Land und dem benachbarten Malaysia, während die Modeschöpfer im Nahen Osten die schlichte, schwarze traditionelle Abaya, eine Art Überkleid, mit modischen Akzenten aufpeppen.

Saba Ali hat für die Ausstellung ihr Hochzeitskleid ausgeliehen. Dafür war sie 2001 nach Pakistan gefahren und hatte sich ein Gewand im traditionellen südasiatischen Stil schneidern lassen, in Knallrot. Nun wird es im Museum zwischen den Entwürfen zeitgenössischer Designer präsentiert.

Frauen wie Saba Ali holen sich ihre modischen Inspirationen vor allem aus dem Internet. Dort geben Bloggerinnen und Influencerinnen der modernen Muslima Stylingtipps. Aber auch die westlichen Modelabel haben erkannt, dass man ein Drittel der Weltbevölkerung nicht links liegen lassen sollte: Die Beratungsfirma Thomson Reuters prognostiziert, dass der muslimische Modemarkt im Jahr 2022 ein Volumen von umgerechnet 325 Milliarden Euro haben wird. Früher mussten reiche muslimische Kundinnen nach Paris und London reisen, um sich Haute Couture entsprechend den islamischen Regeln umschneidern zu lassen, heute zeigt ihnen die arabische Ausgabe der Vogue eine große Auswahl religionskonformer Mode von Designern wie Dolce & Gabbana und Tommy Hilfiger, aber auch vom japanischen Casual-Label Uniqlo. 

Auf dieser Bomberjacke ist die amerikanische Unabhängigkeitserklärung in arabischen Schriftzeichen zu lesen. © Fine Arts Museum of San Francisco

Und längst sind nicht nur Muslimas an der hochgeschlossenen Mode interessiert. Laura Camerlengo, die Kuratorin, trägt zur Ausstellungseröffnung ein blau kariertes Kleid der türkischen Designerin Kuaybe Gider, die auch in der Schau vertreten ist und den westlichen Trenchcoat mit dem orientalischen Kaftan verbindet. Von sich selbst sagt Camerlengo, dass sie Anhängerin einer "gewissen dezenten Ästhetik" sei. Die ursprünglich muslimische Mode, eigentlich definiert durch die Beschränkungen der Religion, könne für westliche Frauen ein befreiendes Element haben. "Es ist wirklich sehr angenehm, wenn der Körper bedeckt und durch die Kleider geschützt ist", sagt Camerlengo. "Wir leben in einer Zeit, in der es viele Möglichkeiten für Frauen gibt, sich zu befreien, Frauen können sich in Minirock und Tanktop wohlfühlen oder auch, wenn sie vollständig bedeckt sind."

Die Londoner Designerin Mary Katrantzou orientiert sich bereits auf dem neuen Markt. © Fine Arts Museum of San Francisco

Eine verhüllte Frau muss keine unterdrückte Frau sein. Umgekehrt kann das modische Diktat, den Körper möglichst sexy und textilfrei zu präsentieren, genauso eine Bevormundung der Frau sein wie ein Verhüllungsgebot. Nicht nur Feministinnen dämmert, dass solche "Enthüllungsgebote" die Frau ähnlich entmündigen können wie die Kleiderordnungen der Mullahs. Sogar der "Miss America"-Wettbewerb, nicht gerade ein Hort des radikalen Feminismus, will in Zukunft auf die Badeanzugparade verzichten und mehr die inneren Werte der Kandidatinnen in den Vordergrund stellen. Modest Fashion erweitere für die moderne Frau das Spektrum dessen, was als modisch, schön und befreiend gelte, schrieb die Journalistin und Philosophin Rafia Zakaria im Juni in der Zeitschrift The New Republic. Die Herausforderung für muslimische Frauen bestehe darin, ihrerseits für eine Erweiterung der Grenzen zu kämpfen. "Dezent zu sein stellt nur dann eine Wahl dar, wenn nicht dezent zu sein auch eine Option ist."

Der Reiz der Ausstellung in San Francisco besteht – neben der Präsentation wunderschöner Kleider – darin, dass sie fest gefügte Vorstellungen darüber, was fortschrittlich ist und was reaktionär, was befreiend ist und was bevormundend, kräftig durcheinanderbringt. Dazu tragen auch Musikvideos, künstlerische Fotos und Tweets bei. Die Macherinnen scheuen auch nicht den Bezug auf die aktuelle Politik: Die US-Firma Slow Factory präsentiert zusammen mit der Bürgerrechtsorganisation ACLU eine Kollektion, die sich gegen Präsident Trumps Einreiseverbot für einige mehrheitlich muslimische Länder wendet. Sie zeigt Seidenschals mit den Schriftzug banned sowie eine Bomberjacke, auf der die amerikanische Unabhängigkeitserklärung in arabischen Schriftzeichen zu lesen ist.

Ab Januar 2019 wird die Ausstellung "Muslimische Moden" im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst zu sehen sein.

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