© Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Sakkos Entspannt Euch, Männer

Ein gutes Sakko gibt Halt und zeigt zugleich, dass man als Mann nicht mehr sucht, sondern angekommen ist. Bei sich, den Frauen und ja, auch im Frieden mit der Welt. Von
Aus der Serie: Jacke wie Hose

Unsere monatliche Männermode-Kolumne "Jacke wie Hose" widmet sich ausschließlich einem Kleidungsstück. Diesmal: dem Sakko

Die Sache mit dem Sakko ist die: Niemand braucht noch eines, es ist das unnötigste Kleidungsstück der Männergarderobe. Es war einmal, in Kombination mit einer Hose aus anderem Stoff und in zumeist anderer Farbe, ein Ersatz für den Anzug, die legere Variante. Doch weil die Liberalisierung der Bekleidungsstandards den Anzug außer bei der Ausübung mancher Berufe weitgehend überflüssig gemacht hat, braucht es auch den Ersatz nicht mehr, das Sakko. So wenig wie das schöne Wort leger. Schade eigentlich.

Aber nicht aus nostalgischen Gründen. Nur, weil etwas weitgehend verschwunden ist, muss es ja nicht toll gewesen sein. Pest und Cholera zum Beispiel trauert niemand nach.

Das Verschwinden des Sakkos ist deshalb schade, weil es so etwas wie Endgültigkeit verspricht im Strom der Zeit und der Mode, die kein Ende kennt, sondern nur die stets nächste Saison. Ein Sakko gibt Halt, es zeigt das Erreichen eines Zustands relativer Stabilität, Angekommensein. In ein gutes Sakko kann man als Mann regelrecht einziehen, darin lässt es sich wohnen, so rein metaphysisch. Im Beruf einen Anzug tragen zu dürfen (oder zu müssen, wenn man das als Zwang betrachtete), das war mal Ausweis eines mitunter sogar hart erarbeiteten Status. Stattdessen ein Sakko anzuziehen, das konnte man sich erst danach leisten, im Job ebenso wie in der Freizeit, denn das implizierte die bereits erworbene Freiheit der Wahlmöglichkeit: Ich entspanne mich jetzt mal, weil ich das darf.

Das ist gar nicht so albern, wie es zunächst klingt.

Er entspannt sich mal, weil er es darf: Navy-Blazer von Tommy Hilfiger Tailored (300 Euro). © Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Denn die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, ob sich parallel zur Lockerung der Bekleidungsvorschriften auch die (Selbst-)Erzählungen von Männlichkeit wirklich verändert haben in den vergangenen Jahrzehnten. Oder ob die weiterhin ganz oft von symbolischen Territorialgewinnen handeln und von der damit einhergehenden Furcht vorm Verlust des einmal Erreichten, ja Eroberten.

Die abwehrenden, trotzigen oder gar aggressiven bis übergriffigen Reaktionen vieler Männer etwa auf die aktuellen Geschlechterdebatten lassen vermuten, dass es denen um die Verteidigung jenes symbolischen Territoriums geht, das etwa in einer privilegierten Sprecherposition besteht: Ich sage, was ist und wo es langgeht, zur Not auch in ohrenbetäubender Lautstärke.

Es wäre aber wohl ein Missverständnis anzunehmen, dass diese Männer zwangsläufig davon ausgehen, dass ihnen das Recht dazu qua Geburt und Geschlechtszugehörigkeit zustehe. Selbst die tumbsten Vorstellungen von Männlichkeit betrachten den Besitz eines Penis ja nicht als hinreichende Qualifikation. Männlichkeit ist auch da ein dynamischer Prozess oder zumindest ein labiler Zustand, schon deshalb, weil sie stets gefährdet bleibt.

Klassisch: Revers mit Steppstich, dezente Knopfleiste am Arm © Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Eine konventionelle Erzählung dazu lautet eher: Männer erwerben sich ihre Position, durch das, was sie als Leistung begreifen, worin die auch immer bestehen möge. In aller Regel beziehen sich derartige Vorstellungen auf den Beruf, Leistung lässt sich demnach vor allem finanziell bemessen. Und so kommt es, dass der derzeit wohl prominenteste Vertreter einer solchen zutiefst regressiven Idee von Männlichkeit, Donald Trump, als Firmenerbe nie wirklich gearbeitet hat – und sich dennoch für das hält, was zum Beispiel in manchen deutschen Parteiprogrammen weiterhin "Leistungsträger" der Gesellschaft genannt wird. Dieses Sprachbild zielt genau auf ein Verständnis ab, das sich von traditionellen Männlichkeitserzählungen ableitet: Der Mann schafft, erträgt, leidet, stets mit dem Ziel, sein Territorium zu erweitern oder gegen andere zu verteidigen, im permanenten Wettbewerb.

Das Sakko aber, und deshalb wird man Trump nie eines tragen sehen, war zumindest mal ein Symbol dafür, dass dieser gedachte Kampf auch ausgesetzt werden kann. Zum Beispiel für ein paar Stunden Freizeit am Abend. Oder dass man ihn gar nicht führen muss, diesen Kampf, und sich abseits stellen kann. Das Sakko ist, wenn man so will, eine stoffgewordene Abrüstungserklärung. Und deshalb vor allem wäre es schade, wenn es endgültig verschwände. Es könnte ein Zeichen der Veränderung sein. Eines, das man sich nicht mal mehr durch sonstiges Anzugtragen verdienen muss.

Eine Alternative zum Navy-Blazer: ein schwarzes Sakko, sportlich mit Blue Jeans getragen, hier als Doppelreiher (PS by Paul Smith, 530 Euro) © Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Ein Navy-Blazer (Tommy Hilfiger Tailored, 300 Euro) zum Beispiel, dessen Ursprung genau dort liegt, bei der britischen Marine, drückt zumindest eine Waffenruhe beim Kampf um die vielleicht auch nur eigene Männlichkeit aus. Gerade wenn man ihn jungenhaft knapp geschnitten trägt und ein Modell, das keine Goldknöpfe hat wie das Original – so vermeidet man das leicht Protzige, das diese Freizeitsakko-Art haben kann. Auch sollte man vielleicht nicht gerade eine beige Chino oder gar eine weiße Jeans dazu anziehen, sonst verliert sich das Spielerische des Sakkos gleich wieder. Und es wird ein Kostümteil draus: O captain, my captain, wo liegt denn Ihre Yacht vor Anker, und wissen Sie nicht, dass Walt Whitmans gleichnamiges Gedicht nicht vom Segeln handelt, sondern von Abraham Lincolns Ermordung?

Das Cordsakko hat sich befreit vom Erdkundelehrer-Look, wie etwa dieses von Joseph (625 Euro). © Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Dass wiederum das Cordsakko zumindest in Westdeutschland in den 1970er- und 1980er-Jahren als Standardbekleidung von Lehrern galt, gerade in Fächern wie Deutsch, Geschichte oder Erdkunde, kann kein Zufall sein. Nach den großen Bildungsreformen war der männliche Lehrer ja keine zu fürchtende Respektperson mehr, er war viel eher ein Hoffnungsträger eines neuen Ideals der Zuwendung an Kinder durch verständnisvolle Lehrer – gerade auch in Fächern, die der universellen Bildung galten und nicht der bloßen Berufsvorbereitung. Das Cordsakko war in diesem Sinne ein Symbol einer gedachten, neuen, sozialen Erzählung von Männlichkeit, zumal einer, die sich außerhalb des Wettbewerbs stellte. Und weil der Stoff, aus dem es gemacht wird, erst durch langen Gebrauch wirklich schön wird, sich also verändert, an manchen Stellen abscheuert und zu glänzen beginnt: Deshalb ist das Cordsakko auch ein Symbol dafür, dass selbst der Zustand des Angekommenseins nicht Stillstand bedeutet. Man sollte es nur niemals mit einer Cordhose tragen, sonst wirkt man, als habe man den Unterschied zwischen einer Kombination und einem Anzug überhaupt nicht kapiert.

Wer ein Tweedsakko trägt, sucht nicht mehr, sondern ist angekommen: Dieses von Beams Plus (515 Euro) ist aus Harris Tweed gefertigt. © Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Das Tweedsakko schließlich verhält sich zu dem aus Cord dann wie die angloamerikanische Luxusvariante der Lehrerbekleidung: So eines trugen und tragen dem Stereotyp nach eher Professoren, die an britischen Eliteuniversitäten oder amerikanischen Liberal Arts Colleges lehren. Das Bäuerliche oder wenigstens demonstrativ Erdverbundene des Stoffs, der im Fall dieses Modells tatsächlich aus Harris Tweed ist, also nur auf den Äußeren Hebriden hergestellt wird, kontrastiert mit den aufwändigen Mustern, zu denen das Garn zumeist verarbeitet wird: Die Idee von Männlichkeit, die in einem solchen Sakko aus Schurwolle zur Schau gestellt wird, ist eine spielerische, nichtaggressive, ruhige. Und die Lederpatches an den Ellenbogen signalisieren bereits: Dieses Sakko ist dafür gemacht, lange zu halten, am besten für immer. Wer es anhat, sucht nicht mehr (sich selbst), der ist schon angekommen.

Sehr klassisches Detail: Auch die geflochtenen Lederknöpfe sind dafür gemacht, lange zu halten. © Silke Janovsky für ZEITmagazin ONLINE

Das einzige Problem, gerade beim Tweed speziell und beim Sakko überhaupt, ist dann allerdings, dass manche ältere deutsche Männer dafür auch eine Schwäche zu haben scheinen, mit denen man vermutlich lieber nicht in einen Topf geworfen werden möchte. Alexander Gauland zum Beispiel oder der Schriftsteller Martin Mosebach. Männer also, die eher die Bezeichnung Herren verdienen, die in dem Zusammenhang wirklich nicht als Kompliment gemeint ist. Dort, wo die angekommen sind, möchte man im Zweifel niemals hin.

Das Sakko aber hat es nicht verdient, aufgegeben zu werden, nur weil Leute sich mit ihm schmücken, zu denen man nicht gehören will. Womöglich wartet da ja ein symbolischer Territorialkampf um Männlichkeit, der sich ausnahmsweise mal lohnt. Mehr Tweed wagen, für die Demokratie.

Das ist gar nicht so albern, wie es zunächst klingt.

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Mit diesem Text endet unsere Serie "Jacke wie Hose". Wir danken den vielen männlichen Kollegen von ZEIT ONLINE, die sich für diese Serie als Model haben fotografieren lassen. Marlon, Dirk, Benjamin, Thomas, Alex, Tim, Fabian, Christian, Hannes, Zacharias, Tobias, Sven, Jakob, Dennis, Marcus  – das war sehr tapfer.

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