Sideboards Ein Platz zum Angeben

Hausaltäre waren gestern, heute gibt es Sideboards: Auf denen werden ausgesuchte Gegenstände edel wie im Concept Store arrangiert. Und was nicht passt? Wird versteckt. Von
Aus der Serie: Innenleben

Wie wir uns einrichten und mit welchen Dingen wir uns umgeben, das sagt genauso viel über uns aus wie die Kleidung, die wir tragen. In unserer Serie "Innenleben" ergründen wir aktuelle Wohntrends.

Wenn man alles haben kann, ist es natürlich auch wieder nicht richtig. Wer will sich in einem Onlineshop schließlich durch dreitausend weiße Hosen wühlen, wenn er nur eine braucht? Also bieten immer mehr Shops den kuratierten Konsum für überforderte Konsumenten: entweder eine von vornherein limitierte Kollektion im Concept Store mit den richtigen Marken für den Moment. Oder ein vorsortiertes Angebot unter prägnantem Schlagwort auf der Startseite. Immer mit dem Versprechen: Wir haben die Superlative für dich ausgesucht. Wir erlösen dich von der Qual der Wahl.

Für mich nur das Beste? Wenn man diesen Anspruch hat, will man ihn auch zu Hause demonstrieren. Mittlerweile findet sich in vielen Wohnungen eine Entsprechung zum Concept Store. Es ist das Sideboard. Genauer: dessen Oberseite. Die kann man nämlich genau wie die Auslage eines Shops nutzen, um die herrlichsten Dinge aus dem eigenen Sortiment zu präsentieren. Sie werden in Szene gesetzt und somit zum auserwählten Objekt erklärt, ihre Besitzer werden zu Kuratoren des eigenen Konsums. Auf dem Sideboard landen die Schaustücke, mit denen Besuchern imponiert werden kann. Die Glastierchensammlung, die afrikanischen Holzschnitzmasken, die Muschelschatullen und die Plüschpinguine hingegen lassen sich umstandslos im Inneren des Möbelstücks unterbringen. Alle Indizien, dass man doch nicht so einen hervorragenden Geschmack hat, wie man gern vermitteln möchte, werden verborgen.

Das Sideboard ist in seiner speziellen Verbindung von Vorzeigen und Verbergen ein Widerspruch in sich. Es hat Platz für alles, was man verstecken möchte, und bietet Fläche für das, was man vorzeigen will. Das unterscheidet dieses langgestreckte, raumgreifende Möbel von der eher in die Höhe strebenden Kommode. Die Möbelmesse imm cologne hat Anfang des Jahres gezeigt, dass vor allem Modelle mit einer Breite von anderthalb Metern und mehr gefragt sind; mit schön furnierten oder weiß gekalkten Holztüren und, im Unterschied zur Kommode, nur wenigen oder gar keinen Schubladen. In Schubladen muss man aufräumen, um darin etwas wiederzufinden; je weniger davon, desto bequemer. Von diesem Aspekt stammt auch der Name ab, entlehnt aus dem Französischen, wo das Adjektiv commode, bequem, im frühen 18. Jahrhundert für ein praktisches Möbelstück substantiviert wurde.

Das schubladenarme Sideboard ist also noch kommoder als die Kommode. Es bedient den Wunsch nach einem wohlsortierten Zuhause und kommt damit dem Trend zum Minimalismus entgegen. Die Vereinfachung des Lebens geht mit einem Sideboard noch weiter, im Gegensatz zum offenen Regal muss man darauf nur minimal Staub wischen. Vorausgesetzt, man stellt nicht ein ganzes Sammelsurium auf, sondern nur das Beste.

Wie man das macht? Dafür haben Interior-Blogs eine Reihe recht banaler Vorschläge zu bieten: dergestalt, dass Objekte nach Größe arrangiert werden sollen, aber nicht mit mathematischer Genauigkeit, sondern "von leichter Hand", dass es bei Dingen gleicher Art am besten aussieht, wenn sie in ungerader Anzahl vorhanden sind. Also bitte fünf gläserne Briefbeschwerer hinstellen, nicht vier, oder drei Buddha-Statuen und nicht zwei. Solche Ratschläge sind natürlich extrem banal, aber auch sie muss es anscheinend geben in Zeiten, in denen alltäglichste Handgriffe in Tutorials dargelegt werden, jüngst sogar das Belegen eines Pausenbrots mit Räucherkäse und Sprossen, nachzulesen auf Der Standard.

Im Idealfall bildet sich also auf dem Sideboard eine Miniaturlandschaft der Dinge, bestehend aus einer hohen Vase, einer flachen Schale und mittendrin einer Anhöhe, die durch einen millimetergenau ausgerichteten Bücherstapel gebildet wird. Das sind natürlich keine Reclamhefte oder andere abgewetzten Taschenbücher, sondern Bildbände über die Vogue und das Wohnen in Skandinavien. Sie dienen ebenfalls dem Ausstellen des eigenen Geschmacks und vielleicht ja auch dem Erkenntnisgewinn in Stilfragen. Früher nannte man so was Coffeetable Books: Bücher, in denen man zur Inspiration etwas herumblättert, die Fotos von perfekt aufgeräumten Häusern bewundert und sie dann für immer beiseitelegt. Auch diese Bücher zeigt man in streng kuratierter Auswahl in seinem privaten Concept Store auf dem Dach des Sideboards vor. Hier ist die neue Heimat der ungelesenen Bildbände, die einfach nur schön aussehen sollen. Die Coffeetable Books sind zu Sideboard Books geworden.

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