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Ugly Sneaker: Der Monstertruck für den Fuß

Hässlich ist wieder schön: Ugly Sneaker sind fett, klobig und machen ihre Träger alles andere als leichtfüßig. Trotzdem ist diese Turnschuhmutation ein Modestatement. Von

Die Modewoche in Mailand endet, der Ugly Sneaker bleibt. Die wuchtigen Turnschuhe aus einem Materialmix von Leder, Nylon und Netz, die auf einer Plateausohle aufgebockt sind wie ein Monstertruck, treten an den Füßen Modebeflissener die von Luxusläden gesäumte Via Monte Napoleone platt. Sie füllen die halbe Schuhabteilung des Kaufhaus La Rinascente und sind auch wieder Teil der kommenden Kollektionen für Frühjahr und Sommer. Auf dem Laufsteg zeigen Dolce & Gabbana einen goldenen Schuh mit fetter Sohle, gezackt wie die Räder eines Sägeblatts und so klobig wie ein Brikett. Das deutsche Lederwarenlabel Aigner, das den eigenen Feinsinn gerade altmodisch findet und gegen bunte Farben und maximale Lautstärke eingewechselt hat, setzt in Mailand auf Nieten und das eigene Logo in XL.

Willy Iffland gibt schon mal 1.000 Euro für ein Paar Turnschuhe aus. Wie ihm diese Leidenschaft sogar Geld einbringt, erzählt er im Video.

Was macht den Ugly Sneaker, der nach der eigenen Hässlichkeit sogar benannt ist, eigentlich gerade so attraktiv? Alles begann mit dem Triple S von Balenciaga, der schon in Damengröße 39 so viel wiegt wie eine Bratpfanne und ununterbrochen ausverkauft ist, seit das französische Label ihn vor einem Jahr zum ersten Mal lancierte.  Er sieht aus, als käme er direkt aus den Neunzigerjahren: Seine sechs Zentimeter dicke, dreiteilige Plateausohle, die nach unten hin breiter wird, erinnert an die Buffalo-Boots der Rave-Kids. Mesh und Nylon, die Funktionsstoffe des Obermaterials, wurden zur gleichen Zeit von einer modefernen Generation von Vätern in den USA getragen, was diesen Schuhen den Namen Dad Sneakers eintrug.

Diese Turnschuhmutation ist schon deshalb so begehrt, weil sie maximalen Distinktionsgewinn bei minimalem Einsatz mit sich bringt. In den vergangenen Saisons war das i-Tüpfelchen auf einem modischen Outfit immer die Handtasche. Aufwändig gefertigt und sündhaft teuer galt sie als Statement-Accessoire, als Ausrufezeichen für die Trendfähigkeit ihres Trägers. Der Ugly Sneaker aber ist so groß, oft so bunt und so unübersehbar, dass man sich die Tasche inzwischen sparen kann. Besonders den Streetstyle-Fotografen in Mailand, die den Gästen von Modenschau zu Modenschau folgen und dabei schon ihre Kamera mit sich herumschleppen müssen, kommt das zugute. Ihren modischen Sachverstand tragen sie einfach am Fuß.

Der Ugly Sneaker ist ein Klotz am Bein und damit die Antithese all dessen, was ein Turnschuh ursprünglich einmal war. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Großbritannien und in den USA die ersten Sportschuhe mit Gummisohle und Schaft aus Leinen hergestellt: viel leichter und bequemer als die gebräuchlichen Ledermodelle – und flinker war man damit auch.   

Der Ugly Sneaker taugt eher nur zum Herumstapfen, ästhetisch ansprechend ist er auch nicht. Und alle anderen seiner Art – wie der Yung 1 von Adidas, der Ozweego, den Raf Simons für Adidas entwarf, der Fila Disruptor oder der Security Sneaker von Maison Margiela – sind es auch nicht. Wirklich funktional sind sie, trotz ihres technisch orientierten Designs, auch nicht. Auf die Idee, den Triple S zum Sport zu tragen, käme wohl niemand. Warum also verkaufen sich die hässlichen Dinger so unfassbar gut?

Weil sie in eine Zeit passen, in der über Geschlechtergleichheit debattiert und Unisexmode entworfen wird. Zwar tragen in Mailand noch auffallend viele Damen High Heels, die Kunstwerken ähneln, aber in anderen Modemetropolen wie New York und London sind flache Schuhe längst zum Konsens geworden. Der Ugly Sneaker vereint den sicheren Stand mit modischer Aussagekraft. Und größer macht er dank seines durchschnittlich sechs Zentimeter hohen Plateaus außerdem. 

Überhaupt ist der feste Stand im Moment ein wichtiges Argument. Dass unsichere Zeiten nach einer Mode schreien, die Sicherheit suggeriert, kündigte sich bereits vor Jahren mit dem dänischen Hygge-Trend an: Kuschelige Interior-Ausstattungen huldigten dem Rückzug ins Private, auf den Laufstegen wurden Decken gesichtet, mit denen man sich vor der kalten Welt schützen konnte. Aktuell sieht man bei Designern wie Demna Gvasalia für Vetements und bei Raf Simons für Calvin Klein Kleidung in Leuchtfarben und mit Reflektorstreifen, sie lancieren die Sicherheitswesten der ABC-Schützen als Kleidung für Erwachsene.

Der Ugly Sneaker passt perfekt dazu. Auf seinem sich nach unten verbreiternden Plateau steht man so fest wie eine Statue auf einem Sockel. Und in den Kollektionen des kommenden Frühlings und Sommers findet der sichere Stand bereits einen neuen Ausdruck: Das breite Plateau nämlich bleibt, es bekommt nur einen neuen Oberschuh – in Form der Zehensandale, zu sehen beispielsweise bei Ferragamo und Jil Sander.

So hat es vielleicht auch mit der Hässlichkeit ein Ende. Denn die asiatisch inspirierten Sandalen, die Luke und Lucie Meier für Jil Sander in Mailand zeigten, waren natürlich von makelloser, minimalistischer Schönheit.

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