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Fashion Week Schönheit hat keine Norm

Jung, dünn, weiß, das war immer die Modelschablone. Doch in New York, Mailand und Paris hat sich etwas geändert in der Mode, auch wegen Rihanna und Elon Musks Mutter. Von

Slick Woods war die Ausnahmeerscheinung im Monat der Fashion Weeks. Nicht, weil die 22-jährige Afroamerikanerin mal wieder aus der Masse der hellhäutigen Models hervorgestochen wäre. Sondern weil sie in New York derart hochschwanger für Rihannas Label Fenty über den Laufsteg ging, dass die Wehen noch während der Schau im September 2018 einsetzten.

Auch wenn eine drohende Sturzgeburt wohl ein Einzelfall bleiben wird bei den Fashion Weeks in New York, London, Mailand und Paris: Models unterschiedlicher Ethnien, Kleidergrößen, Altersklassen und Geschlechter sind es nicht mehr, und zwar nicht bloß bei Fenty. Das zu sehen, ist eine Freude.

Viel zu lange hat allein ein Typus die Catwalks beherrscht: Jung, dünn, kaukasisch, das war die Norm. Denkt man zurück an die Neunzigerjahre und die Ära der Supermodels, dann sah die Realität auf ewig so aus: Models wie die Schwedin Helena Christensen, die Deutsche Claudia Schiffer, die US-Amerikanerin Cindy Crawford und die Italienerin Carla Bruni waren allesamt hellhäutig und die typischen Vertreterinnen des Genres Model. Die Britin Naomi Campbell, die von jamaikanischen Eltern abstammt und ebenfalls zu den Supermodels gehörte, war eine Ausnahme von der Regel.

Nun aber stellte die digitale Plattform The Fashion Spot, die zweimal im Jahr einen Diversity Report veröffentlicht, fest, dass allein in New York zum ersten Mal in der Geschichte der Modenschauen 40 Prozent aller Models nicht weiß waren. Zwar konzentrierte sich das vielfältigere Casting auf eine Handvoll Schauen, dort aber war es umso eindrücklicher: So zeigte Kerby Jean-Raymond seine Mode für das Label Pyer Moss ausschließlich an afroamerikanischen Models, die als Teil der Kollektion einen Kummerbund trugen, auf dem die Worte "See us now?" eingestickt waren.

Claudia Li hingegen ließ ihre Mode ausschließlich von asiatischen Models vorführen – ein Statement, das zu der aktuellen Verfilmung des Romans Crazy Rich Asians passt, der als erster Hollywoodfilm mit durchweg asiatischen Schauspielerinnen und Schauspielern arbeitet.  Glaubt man den Prophezeiungen, dass sich Asien aufgrund von Bevölkerungszahl und Demografie innerhalb der nächsten zwei Jahre zum kaufkräftigsten Markt für die Modeindustrie entwickeln wird, dann versteht man, warum es neben dem Argument der Diversität noch andere gute Gründe gibt, asiatischen Modelle stärker zu repräsentieren.

Doch es gibt mehr zu feiern als nur die größere ethnische Vielfalt auf den Laufstegen. Auch Alter und Kleidergröße werden endlich realistischer gezeigt. So waren die eigentlichen Stars bei Donatella Versace in Mailand nicht die Schönheiten der Instagram-Ära. Kendall Jenner, Emily Ratajkowski sowie Bella und Gigi Hadid waren zwar Teil der Schau, doch Beifall brandete besonders für die 44-jährige Kanadierin Shalom Harlow und die 40-jährige Äthiopierin Liya Kebede auf. Sie bewiesen, dass die Mode von Versace für Frauen jeden Alters gemacht ist, vorausgesetzt, ihnen gefallen grelle Farben, Powerschultern und weitere Repliken auf den Maximalismus der Achtzigerjahre.

Elon Musks Mutter Maye Musk modelte ebenfalls auf der New York Fashion Week. © Jacopo Raule/Getty Images

Übrigens war Mitte Vierzig nicht das höchste Alter. Die Schauspielerin Jacky O’Shaughnessy beispielsweise ist 66 Jahre alt und war bei Sies Marjan ebenso zu sehen wie die Mutter des New Yorker Designers. Die Seniorin der Schauen dürfte in dieser Saison die Mutter von Elon Musk gewesen sein – die 70-jährige Maye Musk modelte für das chinesische Label JNBY (Just Naturally Be Yourself), das Mode als grundsätzlich alterslos definiert.

Man kann sich zu Recht fragen, ob die neue Vielfalt ernsthafte Inklusion bedeutet oder ob es zwar mehr Ausnahmen von der Regel gibt, diese uns den Status quo letztendlich aber nur umso deutlicher vor Augen führen. In New York war rein rechnerisch dann nämlich doch bloß ein farbiges Model je Schau zu sehen. Der so beeindruckend klingende Anteil von 40 Prozent nicht weißer Models war in Wahrheit verteilt auf eine Handvoll Labels, für die Diversität eine Grundbedingung des Modeschöpfens ist.

Andere Entwicklungen stimmen optimistischer. Um den Bedarf an unterschiedlicheren Models zu decken, hat sich bereits eine Vielzahl von Modelagenturen gegründet. Schaut man sich die Homepage von Midland an, einer Agentur, die Walter Pearce und Rachel Chandler im Sommer 2016 gegründet haben, so lässt sich Schönheit auf keinen einheitlichen Standard reduzieren. Vor der Gründung ihrer Agentur hatten die beiden für so unterschiedliche Modemarken wie Eckhaus Latta und Hood By Air gearbeitet und im Rahmen eines Streetcastings "echte" Menschen für die Schauen der jeweiligen Labels gesucht. Die Agentur gründeten sie aufgrund der großen Nachfrage: "Es gibt diesen Bedarf, der vielleicht für eine kulturelle Verlagerung steht", sagt Rachel Chandler, die inzwischen auch für etablierte Marken castet. "Uns gibt es nur, weil es ein normatives Schönheitsideal gibt", sagt Walter Pearce. "Wenn es das nicht gäbe, wäre eine Agentur wie unsere nicht nötig."

Angesichts dieser Entwicklungen sah übrigens ausgerechnet die am sehnlichsten erwartete Show des Modemonats entsetzlich rückständig aus. Die Fachwelt fragte sich nämlich, wie der Designer Hedi Slimane das Haus Céline verändern würde, dessen Geschicke er nach dem Abgang von Phoebe Philo leitet. Philo hatte Mode für erwachsene, selbstbewusste Frauen entworfen – tragbar, frei von unrealistischen Schönheitsidealen, bequem. Hedi Slimane hingegen frönt seiner ganz persönlichen Obsession und will scheinbar nur Jugendliche bekleiden, die das Nachtleben genießen. Zwar traf er mit der Unisex-Ausrichtung seiner Kollektion zumindest den Zeitgeist zum Thema Geschlecht. Sein Casting aber, das ausschließlich aus extrem dünnen, jungen, weißen Models bestand, hätte rückwärtsgewandter nicht sein können.

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