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Angela Merkel Jacke mit Hose

Angela Merkel hat sich ihre eigene Uniform erfunden. Und geschafft, was nur wenigen Frauen gelingt: dass ihre Kleidung kein Thema mehr ist. Mehr Macht geht nicht. Von

Macht kann auch bedeuten, nichts machen zu müssen. Nicht darauf einzugehen, was Kritiker, Gegner, Berater und Parteikollegen wieder und wieder anführen. Angela Merkel hat diesen Weiter-so-Modus, diese pragmatische Ignoranz von Einwänden während ihrer Amtszeit perfektioniert – und zwar auch da, wo man es gar nicht gemerkt hat. Dass man es nicht gemerkt hat, ist das wahrhaft Raffinierte daran.

Gegen Ende ihrer Zeit als Kanzlerin hat sie es geschafft, dass man aufgehört hat, eine Frau anhand ihrer Kleidung zu beurteilen. Nun gut, das gilt erst mal nur für eine Frau, und zwar für sie. Und es hat auch ganz schön lange gedauert, bis alle verstummt sind – sogar die Modedesigner. Karl Lagerfeld zum Beispiel befand einmal, bei ihren "speziellen Proportionen" könne sie eigentlich nur maßanfertigen lassen. Gemein.

Ist dieses Schweigen darüber, wie diese Frau sich anzieht, also nicht ein Anfang am Ende ihrer Zeit als Kanzlerin? Womöglich können andere Frauen ja davon profitieren, dass Angela Merkel so lange an einer selbst gewählten, immer gleichen Bekleidungskombi festgehalten hat, bis diese zum Äquivalent des Herrenanzugs wurde – zu etwas, das mit Mode nichts mehr zu tun hat, den Körper eher eliminiert als betont und dadurch so hermetisch umschließt, dass er als solcher gar nicht mehr wahrgenommen wird.

Auch wenn man keine Bewunderung für die immer etwas mutlos herunterhängenden Sakkos von Horst Seehofer oder für Friedrich Merz’ verknittertes graues Jackett hegen muss: Männer können sich auf diese in ihren Einzelteilen festgelegte Rüstung für ihren Gang in die Welt hierzulande schon seit dem frühen 19. Jahrhundert verlassen, einhergehend mit der Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft. Für Frauen gibt es kein Pendant, das zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Das Kostüm vielleicht – aber das betont dadurch, dass es eine explizit weibliche Variante des männlichen Businessanzugs ist, eben auch immer wieder die Differenz, und lädt in der Kürze des Rocks dazu ein, den Frauenkörper darin zu beurteilen.

Bei Merkel aber ist immer alles Jacke mit Hose. Letztere ist ein austauschbares schwarzes Modell mit geradem, weitem Bein. Es bleibt völlig unklar, wie viele Ausfertigungen sie davon besitzt und ob es überhaupt viele sind. Bei der Jacke handelt es sich um unzählbare Variationen eines Grundmodells, entworfen zu Beginn von Merkels Kanzlerinnenschaft von der Hamburger Designerin Bettina Schoenbach: Ursprünglich war es ein gerade geschnittener Dreiknopfblazer, der über die Jahre etwas kürzer und kastiger und oft sogar kragenlos wurde: Statt Revers gibt es mal einen runden Halsausschnitt, einen spitzen oder einen Stehkragen und mitunter auch vier Knöpfe. Insgesamt sind die Abweichungen aber so gering, dass Angela Merkels Signature-Silhouette stets erkennbar bleibt – so ikonisch wie die Umrisse eines Ampelmännchens.

Es handelt sich dabei nicht um Kleidung, die nach den klassischen Vorstellungen der Schneiderkunst Macht ausstrahlt: Es fehlen die verbreiterten, betonten Schultern, wie man sie vom Anzug der Männer kennt, als Behauptung von Muskeln und körperlicher Kraft. Schwarze Hose und wechselnde Jacken – das befindet sich kleidungstechnisch eher in der Kategorie dessen, was man zum Kaffeetrinken bei Verwandten anzieht und für das die Adjektive "flott", "chic" und "bequem" gelten. In der Textilbranche gibt es dafür das etwas fiese Attribut "mittelmodisch".

Doch man kann eben, das beweist das Beispiel Angela Merkel, auch mit diesem Look ganz nach oben kommen. Dabei ist das vielleicht Entscheidende und eventuell Nachahmenswerte daran nicht die konkrete Blazer-Hosen-Kombination, sondern die geniale Tatsache, dass es unauffällig, nicht diskutabel und doch zugleich eben genau das ist: ein Look. Das dürfte interessant sein für ganze Generationen von Frauen, die geglaubt haben und glauben, nur eine Abwandlung des als seriös, ernsthaft und professionell angesehenen Herrenanzugs sei die richtige Kleidung für die Karriere. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) glaubt das immer noch: Sie kennt man nur im dunklen Anzug. Auch Andrea Nahles trägt den Hosenanzug, der anders als bei Merkel aber eben nicht durch einen spezifischen Schnitt auffällt, sondern als Berufsbekleidung, die nichts mehr mit der Persönlichkeit zu tun hat.

Nicht falsch verstehen: Die absolute Zurückhaltung ist absolut nachvollziehbar. Denn wer den falschen Rock trägt, kann es schwer haben im Meeting. Und wer ein zu tiefes Dekolleté vorzeigt, kann noch so kompetent sein, es wird doch immer nur um das eine gehen. Das durfte ja nicht zuletzt Angela Merkel selbst erleben, als sie 2008 zur Eröffnung der Osloer Oper einmal öffentlich von ihrem damals schon komplett mit Merkel-Raute gefestigten Personalstil abwich und in einem tief dekolletierten Ensemble erschien. Ihr Sprecher musste danach erst einmal nicht mehr auf heikle politische Fragen antworten, sondern im Namen der Regierung über ein Kleid reden.

Angela Merkels modemutigster Moment bei der Eröffnung der neuen Oper in Oslo, 2008. Neben der Bundeskanzlerin sitzt der damalige norwegische Premierminister Jens Stoltenberg, heute Nato-Generalsekretär. © epa Scanpix Lien/dpa

Angela Merkel vermeidet seitdem auffällige Brüche mit ihrer Kleidernorm und spricht selten zum Thema. Die wenigen Äußerungen, die es gibt, bleiben ganz der Merkelschen Diktion des Lakonischen, Pragmatischen und Sachbezogenen verhaftet. "Man möchte ja keine Zumutung für sein Gegenüber sein. Ich überlege mir schon, was ich anziehe", hat sie im Jahr 2017 beim Brigitte Live-Talk der gleichnamigen Frauenzeitschrift gesagt. Und der Süddeutschen Zeitung erklärte sie 2015: "Es gibt Anlässe, da muss ich dunkle Farben tragen; dann gibt es manchmal Hinweise, dass man vor einem weißen Hintergrund stehen wird, da muss es nicht der helle Blazer sein. Und manchmal habe ich spontan Lust, etwas leuchtend Farbiges anzuziehen."

Wurde früher noch viel gerätselt, ob sie die Farbe des Sakkos zur Botschaft machen möchte, ob sie also zum Beispiel bei mühsamen Verhandlungen ein ausgleichendes Lavendelblau bevorzugt oder ein dynamisches Rot, ist man sich auch aufgrund dieses demonstrativen Desinteresses an modischen Details inzwischen weitgehend einig, dass Merkel einfach angezogen ist. Subtile Farbbotschaften – der mit gelben Blumen besetzte Hut im Blau der EU-Fahne als Zeichen der Brexit-Skepsis – bleiben derweil der Queen vorbehalten, die qua Rolle, Alter und Persönlichkeit so gar nicht im Verdacht steht, durch modischen Eigensinn an Seriosität einzubüßen.

Politikerinnen wie Angela Merkel müssen aber genau das immer fürchten. Daher ist es für die Kanzlerin wahrscheinlich eine gute Nachricht, dass seit der schwarz-rot-goldenen Schlandkette im TV-Duell 2013 Merkel und Mode kaum noch zusammengedacht oder -genannt worden sind. Merkel gönnt sich heute nur mehr kleine Ausreißer, wie etwa ihre Tasche der Marke Longchamp, die sie in den Plenarsaal hinein- und herausträgt: Der Shopper ist von einem matten Orangeton – und damit das Gegenteil zum schwarzen Aktenkoffer der Politikerinnen und Politiker, der immer nach strebsamem Ordnerwälzen aussieht. Zugleich wirkt die Wahl einer Marke, die eher für BWL-Studentinnen begehrenswert ist, einer scheinbaren Lust an der Mode wieder entgegen: Diese Tasche ist nicht zu teuer, nicht zu übertrieben, und ein Aktenordner passt auch rein. Es ist, wie so vieles bei Merkel, vernünftig dosiert. Und eventuell genau dadurch auch wieder nicht bemerkenswert.

Das Anspielungsreiche, das Zeichenhafte der Mode, offenbart sich so in der Politik am ehesten immer noch da, wo Frauen in repräsentativer Funktion an der Seite eines Mannes vom Ministerposten aufwärts stehen. Man sieht es an den Gattinnen der US-Präsidenten, die – dem Vorbild Jacqueline Bouvier Kennedys folgend – mit ihren mal sachlich-sportlichen, mal ladylike-rüschigen Kleidern für eine, je nachdem, fortschrittlichere oder konservativere Politik ihres Mannes stehen. Jackie Kennedys auffällig schlichte, dabei ungemein elegante Outfits sollten eben auch John F. Kennedys moderne Amerika-Vision mittragen. Und Michelle Obamas entblößte Oberarme haben nicht nur zu einer Diskussion darüber geführt, welche Körperteile an einer Frau noch sexy sein können, in einer Zeit, als sich das Ideal eines sportgestählten Körpers verfestigte. Sie demonstrierten eben auch jene Tatkraft, mit der Barack und Michelle Obama die Vereinigten Staaten aufzuräumen und umzubauen gedachten.

In der aktiven Politik ist derartiges Stilbewusstsein auch außerhalb des deutschen Kanzleramts nicht in Sicht. Die Schluppenblusen von Dorothee Bär und Julia Klöckner, die knielangen Etuikleider von Katarina Barley, dazu Pumps mit mehr als den vernünftigen fünf Zentimetern Blockabsatz, stellen dort momentan die Extravaganzen dar. Die letzte große modische Erregung im deutschen Bundestag geht zurück auf das Jahr 2014, als Gerda Hasselfeldt, damals Landesgruppenchefin der CSU, ein Paar regenbogenbunte Pumps aus Stretchstoff der niederländischen Marke United Nude trug. Aber nicht nur deutsche Politikerinnen halten sich gerade in schwierigen Zeiten zurück: Als Theresa May britische Premierministerin wurde, gab es keinen protokollarischen Termin, bei dem sie nicht ihre Leidenschaft für Schuhe offenbart hätte. Am liebsten sind ihr spitze Pumps mit Leopardenmuster, doch derzeit trägt sie solche Modelle lieber nicht. Die Raubtierassoziationen wären wirklich ein schwieriges Signal mitten in den Brexit-Verhandlungen.

An May sieht man am besten, dass die modische Mutlosigkeit leider auch Ausdruck der Zermürbung ist. Wer scheinbar zu viel Wert auf Äußerlichkeiten legt, dem wird schnell unterstellt, er verliere Zeit für die wesentlichen Dinge, die Ernsthaftigkeit der Politik. Als dauerte es länger als ein paar Minuten, sich für ein Paar Schuhe zu entscheiden. Das musste – ausgleichende Gerechtigkeit – zuletzt auch ein Mann erfahren. Als Bundesaußenminister Heiko Maas Anfang November zu einer Klausurtagung der SPD nicht im Anzug erschien, sondern mit schwarzer Lederjacke, hellen Sneakern und dem typischen locker um den Hals gewundenen Baumwollschal zimperlicher Intellektueller, twitterte die Komikerin und Autorin Sophie Passmann: "Heiko Maas sieht leider aus wie der Typ, der sein Patenkind konsequent mit Highfive begrüßt und 'Sportsfreund' nennt."

Auch an Maas zeigt sich: Die Botschaft, dass egal ist, was man trägt, solange man seine Arbeit macht, funktioniert nicht. Es sei denn, die Provokation in Teilen der Kleidung deckt sich mit den politischen Absichten des Trägers. Deswegen hat es sich vermitteln lassen, dass der Grünen-Politiker Joschka Fischer 1985 bei der Vereidigung zum hessischen Umweltminister ganz unangepasst Turnschuhe trug. Für Politikerinnen – und auch für Politiker, die nicht länger als amorphe Anzugträger wahrgenommen werden wollen – ergibt sich daraus eine anspruchsvolle Aufgabe: Sie müssen einen eigenen, wiedererkennbaren und stimmigen Stil finden, über den man sich nicht oder zumindest nicht ewig das Maul zerreißt. Wer hätte gedacht, dass Angela Merkel hier zum Role Model werden konnte?

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