Coffee to go Nicht von Pappe

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Einwegbecher sind böse, der Pfandbecher ist die Jutetasche von heute. Kann man noch mehr für seine Haltung tun, wenn man den Kaffee unterwegs aus Porzellan trinkt? Von

Recyclingbecher sind gut, Wegwerfbecher sind böse. So ist das in dieser Welt, wenn es um Coffee to go geht. Wer nicht zur Zahl der 7,6 Millionen Einwegbecher beiträgt, die laut Deutscher Umwelthilfe in Deutschland pro Tag im Müll landen, handelt nachhaltiger als die anderen – und gleichzeitig stellt er diese Haltung durch die populäre Geste des barmenden Becherumklammerns aus. Der Pfandbecher ist die Jutetasche von heute: Schaut her, sagt sein Besitzer, ich sorge mich um die Umwelt.

Es gibt Pfandbechersysteme und unzählige Thermobechervarianten von Edelstahl bis Bambusverbundstoff – und damit sieht man prinzipiell schon mal besser aus als mit einem usseligen Pappbecher. Aber es geht ja immer noch ein bisschen gehobener. Wer sich – Herstellerzitat – nach einem "Lifestylestatement mit Stil" sehnt, dem steht es daher nun frei, den neuen Coffee-to-go-Becher der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin zu erwerben: gefertigt aus Porzellan, gefasst auf einen Inhalt von 0,35 Liter, der Deckel aus thermoplastischem Elastomer, der Rand mit den geprägten Girlanden verziert, die das Erkennungszeichen des klassizistischen KPM-Services Kurland sind. In Weiß kostet der Becher 49, in Schwarz 59 Euro.

Für Porzellan spricht, dass das Material geruchs- und geschmacksneutral ist und wegen der Dichte der Oberfläche sehr hygienisch. Es ist säure- und laugenbeständig, nur durch Flusssäure kleinzukriegen und selbst mit brühheißem Inhalt ein schlechter Wärmeleiter, weshalb man sich daran kaum die Finger verbrennen kann.

Gegen Porzellan spricht, dass es zerbrechlich ist. Wenn man einen vollen To-go-Becher fallen lässt, ist es immer zum Wütendwerden, weil unter Garantie der Deckel abspringt und der Kaffee die Hosenbeine vom Boden aufwärts bis Kniehöhe bespritzt.

Mit dem königlich-preußischen Lifestylestatement ist es sogar tragisch. Andererseits lässt man ja auch nicht ständig fallen, was man in der Hand hält, wie Millionen unversehrter Smartphones belegen.

170 Millionen Einwegbecher werden pro Jahr allein in Berlin weggeworfen. Ein Start-up testet ein Becherpfandsystem. Doch es ist schwer, Gewohnheiten zu ändern.

Dieser To-go-Becher aus Porzellan jedenfalls setzt dem Wegwerfdingens im Falle seiner Unversehrtheit nicht nur das Beständige, sondern auch eine Art Wertsteigerung des gesamten Rituals entgegen. Dass es Massenprodukte vom Imbiss ganz nach oben schaffen, kennt man ja nur zu gut aus der Gastronomie, wo das Fleisch für den veredelten Burger heute ein Dry Aged Beef sein muss und die Beilagen von bärtigen Beiköchen aus dem Umland herbeigeschafft werden.

Ein gesünderes und wertvolleres Gericht wird trotzdem nicht daraus. Und ein in Porzellan herumgetragener Coffee to go ist also im Grunde auch nur eine Fortführung dieser Pommesbudenstrategie.

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