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Duftkerzen Lebt es sich besser in Vanillepudding?

Duftkerzen sollen die Wohnung gemütlich machen. Aber warum muss es da denn unbedingt nach Pinienwald, Urlaub am Meer oder Schokonoten riechen – und nicht nach Zuhause? Von
Aus der Serie: Innenleben

Wie wir uns einrichten und mit welchen Dingen wir uns umgeben, das sagt genauso viel über uns aus wie die Kleidung, die wir tragen. In unserer Serie "Innenleben" ergründen wir aktuelle Wohntrends.

Man könnte auch einfach mal das Fenster aufreißen und kalte Novemberluft durch das Zimmer jagen, mit diesem herbstlichen Hauch von Moder, Holzfeuer und bissiger Abendkühle, den kein Parfümeur je hinbekäme. Aber nein, stattdessen wird drinnen im Zimmer die Duftkerze entzündet, die das Lüften überflüssig macht und einem beim Schnuppern nicht verrät, ob man sich gerade mitten in der Stadt befindet oder ganz weit draußen auf dem Land. Duftkerzen machen alle Orte gleich, mit ihnen riecht es überall nach Pinie oder Tuberose. Sie sind die olfaktorische Entsprechung zum Sofakissen, das Schondeckchen unserer Zeit, die Heimsuchung des Heimeligen, nach dem Motto: Jetzt machen wir es uns mal so richtig nett! Aber nicht zu doll! Ordentlich bleiben soll es bitte schon.

Duftkerzen sind zum Symbol der neuen Häuslichkeit geworden. Da sie sich buchstäblich in Luft auflösen, ist ihre Anschaffung nicht ganz so sinnvoll wie die einer neuen Sofadecke, doch der Effekt ist ein ähnlicher. Die Wachsgebilde in den schweren Gläsern – alte Designregel: je schwerer, desto wertiger – signalisieren, dass hier jemand sein Zuhause gemütlich aussehen lassen möchte, dass er investiert in Objekte der Dekoration.

Das Schondeckchenhafte, das schmallippig Bewahrende der Duftkerze zeigt sich darin, dass sie ewig herumstehen kann, bevor man sie das erste Mal entzündet. So hat man mehr von ihr, womit sich auch der teilweise atemberaubende Anschaffungspreis amortisiert, der bei sehr hochwertigen Exemplaren 40, 50 Euro aufwärts beträgt und bei 250 Euro langsam ein Ende findet. Auch in einer solchen kühnen Geldverschwendung kann sich noch Sparsamkeit offenbaren, dank der Langzeitnutzung, vergleichbar luxuriösen Seifen, die man erst einmal ein halbes Jahr in die Unterwäscheschublade legt zur Beduftung. Und das Duftkerzenbehältnis ist, wenn der Docht sich ausgeröchelt hat, immer noch übrig und kann etwa zur Stiftaufbewahrung genutzt werden. Dann steht eben noch ein bisschen mehr Dekokram herum. Was man mit dem üblichen Kork- oder Holzdeckel anfängt, der zuvor den Duft behütet hat? Keine Ahnung, vielleicht mag ja der Hund damit spielen.

Die Deutschen sind insgesamt recht versessen auf Kerzen, pro Kopf werden pro Jahr 2,4 Kilogramm verbraucht, der European Candle Association zufolge (2016), das ist gut das Doppelte des EU-Durchschnitts. Aber es ist gar nichts gegen die 4,3 Kilo der Dänen. Am anderen Ende des Spektrums befinden sich Länder, in denen die Angst vor der Dunkelheit nicht so ausgeprägt ist: Italien, Frankreich Spanien, Griechenland bewegen sich zwischen 300 und 600 Gramm pro Kopf und Jahr, einem Bruchteil also.

Wie viele davon Duftkerzen sind, ist leider nicht herauszufinden. Da sie aber allgegenwärtig sind und mit fruchtigen, floralen und maritimen Noten längst auf den preislich niederschwelligen Teelichtmarkt drängen, dürfte der Anteil stark angestiegen sein seit einigen Jahren. Vor allem in Deutschland, wo die Angst vor schlechten Wohnungsgerüchen umzugehen scheint.

Ob ein Gläschen mit dem Aroma von Vanillepudding, Rosmarin, Lavendel oder Babypuder da hilft? Gesund ist die Wohnungsbeduftung jedenfalls nicht unbedingt, denn die Nase möchte sich zwischendurch auch mal erholen dürfen. Ansonsten erhöht sich die Reizschwelle immer weiter, das ist der gleiche Effekt wie beim Lieblingsparfüm, das man an sich selbst irgendwann nicht mehr wahrnimmt und in immer größeren Dosen aufsprüht. "Duftstoffe erfüllen keinen gesundheitlichen Zweck und manche Menschen reagieren sehr empfindlich auf sie. Daher stellen sie eine Belastung für die ideale Raumluftqualität dar", heißt es in der vom Umweltbundesamt 2016 herausgegebenen Broschüre Duftstoffe. Chemische Begleiter des Alltags. Ätherische Öle enthalten Stoffe, die Atemwegsbeschwerden oder Allergien auslösen können, in Zitrusdüften sind das beispielsweise die Terpene Citral, Limonen und Geraniol. Sollte die Kerze aus Paraffin hergestellt sein, produziert sie beim Abbrennen aromatische Kohlenwasserstoffe wie Benzol und Toluol. Aber klar, auf die Dosis kommt es an; zu dieser Zeit des Jahres wird ja bald auch wieder vor Zimtsternen gewarnt, wegen des Cumarins darin, das auf die Leber schlagen kann, das aber erst ab einer Tagesration von mehr als 24 Zimtsternen bei einem Erwachsenen.

Fenster auf statt Kerze an wäre trotzdem besser, aber es ist der besinnlichen Stimmung eben nicht so zuträglich. Stattdessen stehen hellblaue Duftkerzen da, die wie draußen auf der Leine getrocknete Wäsche riechen sollen oder wie ein Urlaub am Meer. Es gibt sagenhafte teure und pfundschwere Kerzen französischer oder britischer Luxushersteller wie Hermès oder Jo Malone, und es gibt auch eine Reihe mit dem Namen Mandles, als Kreation aus Man und Candle, weil Duftkerzen ja auch was für Männer seien. Manche Kreationen sollen nach Granatapfel oder Jasmin riechen, andere nach Wildleder, Ingwer, grünem Tee, Gin Tonic oder Prosecco, Tabak oder sogar altem, gebohnertem Parkett. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut.

Diese Zeilen entstehen, während sich in einem schwarzen Glas die Note Amber & Oud verflüchtigt. Gedacht ist das als ein Duft, der sehr maskulin und animalisch wirken soll und bei dem man sich die Junggesellenbude eines Agenten der Sechzigerjahre vorstellen könnte. Verpackungsprosa! Eigentlich riecht es, wie wenn man sich in der Parfümerie fünf Gerüche übereinander aufgesprüht hat, weil man sich nicht entscheiden konnte. Das Ergebnis ist undefinierbar, aber penetrant. Wir müssen dringend mal gründlich durchlüften.


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