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Modebranche: "Das Alter ist für mich nur von Vorteil"

Erwin Werder wurde als Model entdeckt, als er gerade in Rente gegangen ist. Nun läuft er auf der Pariser Modewoche. Haben Sie ein Catwalk-Training bekommen, Herr Werder? Interview:

In Paris werden in diesen Tagen die Trends für das nächste Jahr vorgestellt. Die Welt der Mode ist schön, schnelllebig und jung. Eigentlich. Über den Laufsteg des Haute-Couture-Hauses Balenciaga läuft auch Erwin Werder, 62 Jahre alt und Model seit zwei Jahren. ZEITmagazin ONLINE hat mit ihm darüber gesprochen, wie es ihm in der Welt des Jugendwahns und der Ganzjahresdiät gefällt.

ZEITmagazin ONLINE: Sie liefen zum ersten Mal mit 60 Jahren über den Laufsteg. Wie war das?

Erwin Werder: Wenn man das erste Mal in diese Welt kommt, dann ist ja alles neu. Ich war etwas irritiert und verunsichert. Man stößt zu einer Gruppe von Menschen, die man alle nicht kennt und die viel jünger sind. Und dann läuft man los, über einen der wichtigsten Laufstege in Paris. Eine unglaubliche Menge an Adrenalin wird ausgestoßen. Das hatte es in meinem Leben lange nicht mehr gegeben.

ZEITmagazin ONLINE: Wie nehmen Sie diese Welt wahr?

Werder: Ich kenne eigentlich nur die Welt der Architektur, und die ist im Vergleich zur Mode viel statischer, ruhender, vielleicht auch schwerer. Die Mode ist schnell, quirlig, kaum zu fassen. Kommt und geht wieder. Ist mal orange, mal schwarz. Obwohl sich beide Welten vermeintlich nahe sind, weil sie versuchen, sich um das Schöne zu kümmern, ist die Mode eine Gegenwelt zur Architektur. Man kommt als Model wenige Tage vor dem Ende eines Prozesses, den man nicht mitbekommt und den man nicht kennt, dazu. Als Model steigt man erst im letzten Moment beim Höhepunkt ein – kurz vor der Show. Und dann gerät man mitten in diese Maschine, wo schon so viel an der Kollektion, am Konzept für die Show gearbeitet wurde. Es ist beeindruckend, zu sehen, wie viel investiert wird, wie viele Beteiligte dabei sind und wie viel Herzblut und Leidenschaft zu spüren ist. Das findest du auf der Baustelle nicht.

ZEITmagazin ONLINE: Wie hat sich Ihr Blick auf die Schönheit geändert, seitdem Sie modeln?

Werder: Mein Blick ist weiter geworden. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich nicht mehr im Baugewerbe und von anderen Menschen umgeben bin. Aber das Thema der Schönheit beschäftigt uns täglich und tausendfach. Wenn wir einen Stuhl zum Tisch rücken, tun wir das unter dem Aspekt der Schönheit. Wir richten ihn aus. Der Abstand muss stimmen. Das Gehirn fordert das immer ein, auch wenn wir uns die Haare kämmen oder einen Pullover verkehrt herum anziehen und ihn dann sofort umdrehen.

ZEITmagazin ONLINE: Sie haben gesagt, dass bei den Shows alle jünger sind als Sie. Gibt es dort überhaupt Menschen über 25 Jahren?

Werder: Ja, bei den Shows für die Männermode war das so. Bei Balenciaga, einem der ältesten Haute-Couture-Häuser in Paris, werden seit dem letzten Jahr die Kollektionen für Damen- und Herrenmode gemeinsam präsentiert, und da sind insbesondere die weiblichen Models mehrheitlich über 25 Jahre alt, einige auch über 30 oder 40. Balenciaga ist – in meiner Wahrnehmung – aber wohl eher eine schöne und erfrischende Ausnahme in der Welt der Fashion Weeks.

Erwin Werder auf dem Laufsteg von Balenciaga bei den Pariser Frühjahrsschauen 2019 © Victor Virgile/​Gamma-Rapho/​Getty Images

ZEITmagazin ONLINE: Treffen Sie auch Frauen in der Szene, die älter sind als Sie?

Werder: Älter war bislang nur Anna von Rüden, mit der ich in Berlin ein Campaign Shooting gemacht habe, aber Models über 40, 50 gibt es viele. Ich bin da nicht vollkommen allein unterwegs.

ZEITmagazin ONLINE: Wie wurden Sie entdeckt?

Werder: Man kann mich nicht entdecken. Ich bin ja schon da. Bei einem Clubbesuch in Berlin hat mich eine Frau angesprochen und gefragt, ob sie meinen Namen und meine Telefonnummer an eine Modelagentur weitergeben darf. Völlig überraschend. Ich habe ihr die Nummer gegeben und das Gespräch war zu Ende. Drei Monate später kam der Anruf, drei Tage später habe ich bei meiner Agentur Tomorrow Is Another Day in Köln den Vertrag unterschrieben, fünf Tage später stand ich in Paris.

ZEITmagazin ONLINE: Das heißt, man muss – egal wie alt man ist – vielleicht doch in Clubs gehen, um entdeckt zu werden?

Werder: Das kann sein.

ZEITmagazin ONLINE: Wie vertreiben Sie sich die Zeit vor der Show? 

Werder: Die Zeit davor ist keine Wartezeit, sondern geschenkte Zeit. Man muss nichts tun, nichts entscheiden, sondern hat Zeit, sich zu unterhalten und Löcher in die Luft zu gucken. Es gibt ganztags ein fantastisches Catering, man kann lesen und Musik hören. Es ist ganz einfach: Bitte sei da. Wir rufen dich, wenn du an der Reihe bist.

ZEITmagazin ONLINE: Models bedienen sich beim Catering?

Werder: Alle! Es ist mir in dieser Zeit nie ein Mensch begegnet, der aus meiner Sicht zu schlank war. Die körperliche Verfassung der Models ist beeindruckend. Eigentlich hat man das Problem, in Form sein zu müssen, ohnehin ganzjährig und nicht nur direkt vor einer Show. Man erfährt sehr spät, ob man für ein Shooting gebucht wird. Und wenn du aus der Form geraten bist, dann reichen zehn Tage nicht. Es ist gut, dass es dieses Korrektiv gibt. Ich lebe allein, da kommt ja niemand morgens und sagt: Da müssen wir was machen. Dieser Ansporn tut mir gut.

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