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Peter Lindbergh: Mensch, Mann, Fotograf

Seine Bilder führen keine Monologe, sie sprechen mit uns. Peter Lindberghs Aufnahmen spiegeln seinen besonderen Charakter – er war ein Vorbild für andere Fotografen. Von

Es gibt Menschen, die mehr Mensch sind als andere Menschen. Männer, die mehr Mann sind als andere Männer. Fotografen, die mehr Fotograf sind als andere Fotografen.

Peter Lindbergh ist tot. Und mir fehlen erst mal die Worte, um über diesen wunderbaren Menschen, Mann und Fotografen zu schreiben. Nicht, weil es nichts zu schreiben gäbe, sondern weil ich zutiefst berührt und traurig bin über seinen Tod. Und kann man überhaupt die richtigen Worte finden für jemanden, der durch seine Bilder kommunizierte?

© Isa Foltin/​Getty Images

Lindbergh, der Mann mit den wachen Augen, der sanften Stimme und dem Ausnahmetalent, in Menschen zu blicken und diesen Blick auf Fotos zu bannen. Kaum ein Fotograf hat es wie er geschafft, uns immer wieder zu überraschen und zu inspirieren mit seinen Porträts und Modefotos. Kate Moss zum Beispiel ist auf seinen Fotos als junges Mädchen genauso schön wie ungeschminkt und unretuschiert als reifere Frau. Vielleicht sogar noch schöner. Seine Modelle haben ihm immer vertraut im Wissen, dass er sie nicht vorführen wird. Sie waren nie nur Objekt, Muse oder Projektionsfläche. Sie waren immer mehr als das: Mensch, Partner, Freundin.

Seine Fotos führen keinen Monolog, sie sprechen mit uns, von Schönheit, Liebe, von Seele und Menschlichkeit. Es sind Bilder, die berühren. Bilder ohne Gewalt und Zynismus. Fotos, die uns zeigen, dass Menschsein wunderbar sein kann.  

Es sind Aufnahmen mit Leben, Tiefe und Charakter. Sie zeigen dem Betrachter keine artifizielle Hochglanzschönheit, sondern Facetten von Menschlichkeit, Wirklichkeit und echter Schönheit. Sie sind mit Sicherheit auch Spiegelbild der besonderen Persönlichkeit von Peter Lindbergh – einem Mann, der jahrzehntelang als Modefotograf in der Öffentlichkeit stand und über den nie ein schlechtes Wort geschrieben wurde. Auch das ist außergewöhnlich. 

Denke ich an die Fotos von Lindbergh, sehe ich eine Welt in Schwarz-Weiß. Eine Welt, die trotzdem voller Farben, voller Zwischentöne ist. Farben, die wir in der Realität nicht sehen können und die er für uns sichtbar gemacht hat. Man könnte Seiten schreiben über seine Fotografie, die drei Dekaden visuell geprägt hat. In Vogue, Harper's Bazaar und zahlreichen anderen Magazinen, in Büchern, Kampagnen und Filmen. Lindberghs Bildsprache funktioniert überall und berührt global. Seine Fotografien sind nicht in ihrer Zeit gefangen, sie öffnen uns die Augen, ohne dabei laut oder aggressiv zu sein. Ganz sanft und dabei direkt, so, wie Peter selbst war. 

Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit ihm, Mitte der Neunzigerjahre im Pin-up-Studio in Paris. In einer Pause traf ich ihn im Studiocafé. Peter saß konzentriert mit einer Lupe über Kontaktbögen, die gerade aus dem Labor kamen. Er hat mich gebeten, ihm bei einer Bildauswahl zu helfen, da er sich nicht entscheiden konnte zwischen zwei Fotos von Linda Evangelista, dem Supermodel. Und das, obwohl ich offensichtlich noch wenig Erfahrung hatte und allein durch die Tatsache, dass ich mit Peter Lindbergh an einem Tisch saß, schon ziemlich verunsichert war. Wir kamen ins Gespräch, und dieses kurze Gespräch war für mich ein unglaublich inspirierender Schlüsselmoment. Es hat mein Selbstbild als Fotograf nachhaltig geprägt. Ich habe selten so einen uneitlen, weisen und warmherzigen Menschen getroffen. Peter Lindbergh ist für mich ein echtes Vorbild. Als Mensch, als Mann, als Fotograf.

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