© Handout/​Peter Lindbergh/​dpa; Steffens/​ddp images

Peter Lindbergh: Der große Abenteurer

Es ging ihm nie um Perfektion, sondern um die Schönheit des Ungeschönten, um einen roughen Ruhrpottcharme. Nun ist der Fotograf Peter Lindbergh mit 74 Jahren verstorben. Von



Er war einer der Großen seines Fachs, einer, der seit Jahrzehnten in der Filmwelt Hollywoods genauso zu Hause war wie in der Modewelt von Paris und Mailand. Dabei ist Peter Lindbergh, der international bekannte Fotograf und Künstler, der am 3. September im Alter von 74 Jahren verstorben ist, in Rheinhausen im Ruhrgebiet des Nachkriegsdeutschlands aufgewachsen. Weit weg vom internationalen Glamour der Zeitschriften und Werbekampagnen.

Immer wieder hat er von diesen frühen, prägenden Eindrücken erzählt, von den Fabriken, den Schornsteinen, dem Ruß. Wer seine Bilder sah, die er von Models und Schauspielerinnen machte – oft und am liebsten in Schwarz-Weiß, oft auf der Straße und unretuschiert, rough und gar nicht glatt –, der konnte sehen und spüren, aus welcher Welt und welcher Zeit Peter Lindbergh kam.

Er hatte Hollywoodstars und auch Royals vor der Kamera. Sein Stil prägte die Modefotografie. Mit 74 Jahren ist der deutsche Fotograf Peter Lindbergh gestorben.

Es ging ihm nie um Perfektion, es ging ihm um Gefühle, um Momente, um Gesichter, die vom Leben der Menschen erzählten, die er fotografierte. Da war er ganz der Junge aus dem Ruhrpott und ist es immer geblieben. Wahrscheinlich war diese direkte, unverstellte Art, auf Menschen zuzugehen, mit denen er aufgewachsen ist, Teil seines Erfolgs: Genauso ging er später auch mit den Stars um, die er vor seiner Kamera hatte. Und die spürten das und vertrauten ihm. Unvergessen etwa sein Porträt der späten Jeanne Moreau: ungeschönt und gerade deshalb schön.

Er war es, der Models wie Naomi Campbell, Cindy Crawford und Christy Turlington in den Neunzigerjahren zusammenbrachte und mit seinen Magazincovern dabei half, sie zu Supermodels zu machen. Und er war es, der Anna Wintours erstes Titelbild für die amerikanische Vogue fotografierte, das erstmals Haute Couture und Straßenmode gemeinsam auf einem Cover zeigte.

Kennengelernt habe ich Peter Lindbergh vor vielen Jahren in Hamburg, seitdem hat er immer wieder auch für das ZEITmagazin und für ZEITmagazinMANN gearbeitet. Er hat das Supermodel Amber Valletta fotografiert oder den Schauspieler Christoph Waltz in Los Angeles. Einmal, am Rande einer Produktion, erzählte er von seinen allerersten Bildern, die er 1971 gemacht und noch nie veröffentlicht hatte. Er war 26 und hatte sich seine erste Kamera gekauft, "bei Foto Söhn in Düsseldorf, eine gebrauchte Minolta, teuer kann sie nicht gewesen sein, ich hatte kein Geld". Lindbergh fuhr zu seinem Bruder, um dessen drei kleine Kinder zu fotografieren, "meine ersten Fotos".

Wir baten ihn, nach diesen Bildern zu suchen, und in irgendeiner Kiste tauchten sie tatsächlich auf. 2011 haben wir sie veröffentlicht, vierzig Jahre, nachdem sie entstanden waren. Wer sie heute betrachtet, erkennt, dass der Fotograf Peter Lindbergh seinen Stil sofort gefunden hatte: nahe dran an den Menschen, die er fotografierte, mit emphatischem Blick.

"Die Kultur bei uns zu Hause waren die Träume meiner Mutter", hat er mir damals erzählt. "Es gab keine Bücher, keine Bilder, keine Filme, nichts bis auf ihre Träume, die sich leider nicht erfüllt haben. Sie wollte Sängerin werden." Aber sie hatte sich zu spät um ihre Träume gekümmert, sagte ihr Sohn.

Vielleicht hat er seine eigenen später auch deshalb selbst so konsequent gelebt. In den Siebzigerjahren zog er über Nacht von Düsseldorf nach Paris, als er einen Auftrag des Magazins Marie Claire bekam, um von dort aus weltberühmt zu werden: "Mir ist es immer leicht gefallen, zu gehen", hat er gesagt, "die Welt gehört den Naiv-Sorglosen." Warum bezeichnete er sich selbst so? Als er damals in Paris landete, konnte er kein Wort Französisch.

Der Autor mit Christoph Waltz und Peter Lindbergh (v. l. n. r.) bei einer Fotoproduktion für das ZEITmagazin MANN. © ZEITmagazin

Über die Jahre haben wir uns immer wieder SMS hin- und hergeschickt, Peter Lindbergh schrieb genauso schnell und unprätentiös, wie er fotografierte, egal wie stressig die Produktion war, in der er sich gerade wieder einmal befand.


Als wir vor acht Jahren seine ersten Bilder veröffentlichten, habe ich ihn gefragt, wie er eigentlich auf seinen Künstlernamen Lindbergh gekommen ist, etwa durch Charles Lindbergh, den berühmten Piloten? "Nicht direkt", hat er geantwortet. "Aber dieser Name hatte eine gute Aura und war international. Er steht für Abenteuer, er löst etwas aus, er hat mir bestimmt geholfen." Und mit einem Schmunzeln hat er, der eigentlich mit Nachnamen Brodbeck heißt, hinzugefügt: "Hätte ich mich Altbeck genannt, wer weiß, ob ich heute hier sitzen würde!"


Peter Lindbergh war zum zweiten Mal verheiratet und der Vater von vier Söhnen. Und er hat dem Namen, den er sich selbst gegeben hat, alle Ehre gemacht. Das große Abenteuer: Peter Lindbergh hat es gelebt.

Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

hallo, so gesehen stimmt das. Er hatte nur mit Schönheiten zu tun und das war sein Beruf. Ich bin Fotografin und habe mein Leben lang " Models" abgelichtet, die keine waren. Studentinnen , Frauen aus diversen Berufen. Auch mal Models, aber die dann auch wie normale Mädels fotografiert und nicht in Posen. Ich mochte das nie. Aber aus dem Revier kommend wollten mich weder Vogue noch das Zeitmagazin- weder Max noch sonst wo einer in der Mode hier mir meinen unretuschierten und echten Werken- Sie haben etwas gegen das Revier gehabt. Man musste aus NYC kommen oder Paris. Logisch.
Frauen... in Anfang der Achtziger bis heute...
Habe ihre Seele gesehen und abgelichtet. Das ist meine Art. Ich mag die Fotos von Lindbergh sehr. Aber er hatte es sehr leicht mit dem Namen, denn hier in DE wäre er nix geworden mit einem Namen namens Brobeck. Er machte das einzig richtige. Er haute ab . Schade, dass er nicht mehr unter uns ist. Er war ein guter Typ. Klasse Fotograf.