Halle Berry: Die Mode nach dem Schweinenacken

© Jacopo Raule/​Getty Images
Sehnt man sich in Hollywood nach einem Anruf aus Mülheim an der Ruhr? Die Schauspielerin Halle Berry vielleicht schon. Sie hat jetzt Kleidung für Aldi Süd entworfen. Eine Glosse von
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Heute ist wieder Halloween, eine herrliche Gelegenheit, sich bis zur Unkenntlichkeit zu verwandeln. Heidi Klum macht das unter Garantie, wie jedes Jahr. Aber auch Halle Berry könnte 2019 Überraschendes vorhaben! Die Schauspielerin, Bond-Girl und Oscarpreisträgerin wird sich womöglich als jemand verkleiden, der bei Aldi einkaufen war.

Halle Berry hat das richtige Kostüm schon im Schrank, sie kann nämlich auf ihre Belegexemplare zurückgreifen: Sie zeichnet, weil Mode "eine große Rolle" in ihrem Leben spiele, für eine gut 40-teilige Kollektion für Aldi Süd verantwortlich, Blue Motion by Halle Berry. Rasch also ein "Kleid, versch. Modelle" angezogen, den "Grobstrickpullover, 73 Prozent Polyacryl, 27 Prozent Polyamid" übergeworfen und dazu "Stiefeletten, pflegeleichtes Obermaterial in Lederoptik" kombiniert, schon erkennt sie in Hollywood kein Mensch.

Die kleine Gesellschaftskritikredaktion, die sich auch sehr gern was Nettes anzieht –  demnächst vielleicht sogar Leggins aus Lederimitat aus der streng limitierten Blue-Motion-Kollektion –, ist etwas enttäuscht. Weil sie noch nie gefragt worden ist, ob sie nicht mal eine Phalanx von Roben für die nächste Oscarverleihung entwerfen wolle. Denn die Oscarverleihung spielt "eine große Rolle" in unserem Leben, und diese Art von teilnehmender Zuneigung scheint ja heute Qualifikation genug zu sein, um Mode entwerfen zu können.

Wenn das jetzt verwirrend klingt: Wir haben immer eher uns in den schlumpfigen grauen Strickjacken gesehen und Halle Berry in den großen Roben. Und wir haben deshalb da gerade ein kleines Problem mit der Glaubwürdigkeit. Also, die Pulloverkompetenz liegt eindeutig bei uns!

Und überhaupt: Wie kommt so was zustande? Reicht da eines Tages die Assistentin ein Memo in den begehbaren Kleiderschrank von der Größe eines Studentenappartements, in dem Halle Berry gerade darüber nachsinnt, ob sie zur nächsten Gala lieber edel zerfetzt oder knapp drapiert gehen soll? Und sagt die Assistentin dann mit einer Stimme wie Seidensamt: "Da war ein Anruf aus Mülheim an der Ruhr"? (Firmenzentrale Aldi Süd.) Und ruft Halle Berry darauf: "Endlich! Ich habe schon gedacht, die fragen nie, ob ich ihnen nicht ein paar flotte Fransenschals entwerfen will"?

Nach einigen transatlantischen Gesprächen, in denen es nie wirklich um Geld gegangen ist, nach intensiver Arbeit an der Kollektion, einer Klausurtagung in Paris und einem Shooting in New York ist es dann so weit: Die neue Aldi-Meine-Woche fliegt über Halle Berrys kalifornischen Gartenzaun. Sogleich eilt die Assistentin hinaus, klaubt das Heftchen vom saftigen Rasen, trägt es zum Küchencounter und schlägt es unter dem gespannten Blick ihrer Chefin auf. Da ist Letztere auch schon in ihrer Mode zu sehen – ach ja, hier gleich hinter dem "Frische-Kracher" (Schweinenackenkotelett) und dem "Schnittblumen-Dienstag" (Fairtrade-Rosen). Na ja. Vielleicht war es auch ganz anders.

Kommentare

41 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren